Alkohol in der Schwangerschaft Schnaps herstellen und Wasser predigen


Muss uns wirklich ein Schnapshersteller sagen, dass Trinken Kinder dumm macht? Wie ein Alkohol-Konzern versucht, die Gesellschaft gesünder zu machen und wie eine Ministerpräsidentinnengattin dabei hilft - ein Ortstermin.
Von Dorit Kowitz

Pernod! Ricard! Das schmeckt nicht nur nach Anis. Das erinnert an Frankreich, an Sonne, Sommer und erfüllte Mattigkeit in den Bars hinter der Atlantik-Düne, die damals nur dann durch kleine Adrenalin-Schübe unterbrochen wurden, wenn einer der Pernod- oder Ricard-Aschenbecher/Krüge/Glashumpen als Diebesgut in der Handtasche verschwand. Die Trophäen sollten später in der Studentenküche, beiläufig und stylish von verwegenem Savoir vivre künden. Schön war die Zeit.

Aber heute sind wir erwachsen. Heute ist Saufen ernst und "Pernod Ricard" sich seiner Verantwortung für die Schwächen der Gesellschaft ganz furchtbar stark bewusst. Der Alkohol-Hersteller, Zweitgrößter auf der Welt für Schnaps-Likör-Whiskey-Rum, startete heute in Deutschland seine Kampagne gegen den Alkoholgenuss während der Schwangerschaft. "Mein Kind will keinen Alkohol", ruft Pernod Ricard den Brütenden der Nation zu. Um es seriös zu machen, hatte man dafür ins Haus der Bundespressekonferenz geladen. Und die Redaktionen hatten vornehmlich weibliche, zumeist noch gebärfähige Mitarbeiter entsandt.

Gebärfähige Frauen als Aushängeschilder

Damit es nicht so aussah, als würde man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, das Schnapstrinken mit dem Schnapsmacher, hat Pernod Ricard sowohl glaubwürdige als auch schöne Verbündete gesucht. Mit von der Partie sind die "Stiftung für das behinderte Kind" der Charité, allen voran deren Chef-Geburtshelfer Professor Joachim Dudenhausen - und Bettina Wulff. Frau Wulff ist, neben einem Model, einer Schauspielerin, einer Moderatorin und dem FDP-Girly Silvana Koch-Mehrin, ein "Testimonial" der Kampagne. So nennt man heute in den Werbeabteilungen die Fürsprecher.

Wulff arbeitet seit der Uni als PR-Referentin, derzeit bei der Drogerie-Kette Rossmann. Außerdem hat sie ein Tattoo und zwei Söhne von zwei Vätern. Vor allem aber ist sie "Gattin des Ministerpräsidenten" Christian Wulff. Das steht so allen Ernstes in der gemeinsamen PR-Mappe von Alkoholbrenner und Charité-Stiftung und auch, dass Wulff Schirmherrin diverser wohltätiger Organisationen ist.

So gewinnt man auf dieser wunderbar menschenfreundlichen, disziplinierten, garantiert alkoholfreien Werbeveranstaltung eines Schnapsherstellers einige neue Erkenntnisse: Eine schöne, moderne 37-jährige berufstätige Frau und Mutter lässt sich, ohne etwas dabei zu finden, als "Gattin" ihres CDU-Politiker-Gatten labeln und vermarkten.

Gute Tat für besseres Image

Und Schnaps trinken darf man nur noch unter strengen moralischen Auflagen, nie am Steuer, nie während Austragungszeit, vor allen und überhaupt: nie ohne "Verantwortungsbewusstsein", wie die Ricard-Manager predigen und bitten. Gepflegt saufen ist gut, unkontrolliert saufen aber image-schädigend für den Konzern, sagen sie. Darum nun die gute Tat.

Schon sind häuser-große Plakate auf dem Berliner Virchow-Campus der Charité entrollt, dort, wo man zur Feindiagnostik geht, wenn ein neuer Mensch im Bauch heranwächst. Auf den Plakaten ist im Schattenriss eine Schwangere mit Pferdeschwanz zu sehen, die gerade ein Glas ansetzt; das Ganze ist rot eingekreist und rot durchgestrichen wie ein Verbotsschild. Ist vermutlich für Leute gedacht, die nicht gerne lesen oder es gar nicht können. Leider sieht das Glas aus wie ein Wasserglas. Vermutlich ist es aber ein Pernod-Becher.

Schlechtes Gewissen vom Teufel persönlich

Aber man weiß ja, dass sie recht haben und Kinder von Alkoholiker-Müttern kleinhirnig und lernschwach sind. 3000 bis 4000 pro Jahr werden in Deutschland so geboren, plus Dunkelziffer, die hoch sei und ungewiss.

Aber muss uns ausgerechnet Patrick Ricard, der Chairman von "Pernod Ricard", daran erinnern?

Demnächst werden wir am Mittelmeer sitzen in Frankreich, vielleicht ein Glas Anis auf Eis in der Rechten und eine "Gitanes legeres" in der Rechten. Die Kinder spielen im Sand. Und wir überlegen, wie groß und klug und schön sie wohl noch geworden wären, hätten wir damals nicht drei Radler, ein halbes Glas Rotwein, drei Gläser Sekt verteilt über neun Monate... Es wäre nicht zum Aushalten. Und schämen uns noch mal der Tat. Wir wissen nur eines sicher: Unsere Töchter sollen nie Gattin von Beruf werden.


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