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Alkoholexzesse bei Jugendlichen: Generation Wodka

Immer früher, immer mehr: Das Buch "Generation Wodka" zeigt ein verheerendes Bild trinkender Kinder und Jugendlicher. Zu Besuch bei Kids, für die ein Absturz mit 13 normal ist.

Von Caspar Schlenk

Laura, 14, kennt ihr Limit seit dem vergangenen Dezember: 1,95 Promille Alkohol haben die Sanitäter in ihrem Blut gemessen. Damals war sie noch 13 Jahre alt. Es begann als normale Party, am Ende konnte sie nicht alleine nach Hause. Die Sanitäter hatten gesagt, es gehe ihr schon wieder besser - deswegen musste sie nicht ins Krankenhaus. Aber in die Videotext-Meldungen des Berliner Senders rbb habe sie es an diesem Abend geschafft, erzählt Laura und schaut ein bisschen verschämt. Ihre Miene ist ernst, die kindlichen Züge sind zu früh aus ihrem Gesicht verschwunden. Mit zwölf habe sie angefangen zu trinken. "Es waren die falschen Freunde, die mich dazu gebracht haben", sagt Laura. Den Kontakt habe sie komplett abgebrochen.

In der christlichen Jugendeinrichtung "Arche" in Hellersdorf hört Sozialpädagoge Samuel Kuttler fast jeden Tag Geschichten von Kindern und Jugendlichen, die trinken, bis sie umfallen. Er erzählt von einem 11-Jährigen, der für seine Clique immer wieder Schnaps klaut. "Der Junge wird wegen seines bubihaften Aussehens oft vorgeschickt", sagt Kuttler. Und dann will er auch was von der Beute trinken. "Es ist mehr als nur probieren", oft testeten die älteren Freunde auch aus, wie der Alkohol bei dem Kleinen wirkt. "Sie sind dann die Versuchskaninchen", so der Sozialpädagoge.

Schicksale wie das von Laura haben den "Arche"-Gründer Bernd Siggelkow dazu bewegt, etwas gegen Kinder-Alkoholismus zu unternehmen. Bei seiner Recherche ist er auf eine Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse gestoßen, die belegt, was er täglich in Hellersdorf sieht. Bereits jedes zehnte Kind unter zwölf trinkt regelmäßig Alkohol. Schicksale, Studien und Forderungen an die Politik hat er nun in dem Buch mit dem Titel "Generation Wodka" vorgelegt.

Darin macht Siggelkow einen zweiten Trend aus: Die Kinder fangen nicht nur früher an, sondern trinken auch immer mehr. Laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung wurden 2009 26.400 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus eingeliefert. 178 Prozent mehr als zur Jahrtausendwende. "Wenn man bei Youtube `Saufen und Erbrechen` eingibt, erscheinen unzählige Ergebnisse", sagt Siggelkow. Es sei zu einem "Volkssport" geworden.

In der "Arche" in Hellersdorf wirft Joe, 20, den Kopf nach hinten, röchelt zu Anschauungszwecken. "Ich lag einfach nur noch im Bett, und mein Mund stand offen", sagt er. Ein Freund habe ihn wiederbelebt. "Meine Mutter wollte immer, dass ich nicht wie ihr Bruder ende", erzählt Joe, 20. Der Onkel habe sich zu Tode gesoffen, deswegen seien seine Eltern streng gewesen. Joe hat erst vor drei Jahren mit dem Alkohol angefangen, nennt sich selbst einen "Spätzünder". Eigentlich trinkt er Alkohol nur "zum Spaß haben". Oder um Probleme zu verdrängen, die ihn umtreiben.

An manchem verkaterten Morgen fällt es Joe schwer, sich an die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu erinnern. "Einmal haben wir ein paar Leute zusammengehauen", sagt er fast beiläufig. Ein Kumpel habe es ihm am nächsten Morgen erzählt. "Eigentlich wollte ich das gar nicht."

Viele Gewaltdelikte werden unter Alkoholeinfluss verübt. Eine Schülerbefragung der Weltgesundheitsorganisation unter 13- bis 17-Jährigen bestätigt, dass Jugendliche mit problematischem Alkoholkonsum eine stärkere Gewaltbereitschaft zeigen, heißt es im Buch "Generation Wodka". Mitautor Wolfgang Büscher erzählt von seiner Recherche im Gefängnis. Max, Sohn eines Schuldirektors, hatte im Vollrausch ein junges Mädchen mit einer leichten geistigen Behinderung auf dem Heimweg von der Reeperbahn vergewaltigt. "Er hat mir glaubhaft versichert, dass er sich an die Tat nicht mehr erinnert", sagt Büscher. Fast drei Jahre muss Max im Gefängnis sitzen.

Nicht nur Max' Beispiel zeigt, dass starkes Trinken kein Unterschichtenproblem ist. Besonders unter Studenten sind starker Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch verbreitet, fand die Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen in einer Studie heraus. Viele Gymnasiasten würden mehr trinken als ihre Altersgenossen in Haupt- und Realschulen, so Autor Siggelkow. Der Pastor spricht von einer "Wohlstandsverwahrlosung". Die Eltern hätten meist nur noch wenig Zeit für ihre Kinder. Außerdem sei für viele Kinder und Jugendliche der Wein und Wodka im Schrank der Eltern leicht zugänglich.

Bleibt die Frage: Warum greifen Kinder und Jugendliche immer früher und öfter zur Flasche? "Die Cliquen sind nicht mehr altershomogen", sagt Sozialpädagoge Kuttler. So würden vor allem Jüngere zum Trinken verleitet. Aus seiner Arbeit mit Jugendlichen wisse er, dass der Altersunterschied unter den Freunden manchmal fast zehn Jahre beträgt. Ein weiterer Grund seien die vielen Mischgetränke auf dem Markt. "Wodka plus X ist das Motto", so Kuttler. Meist werde Limonade dem Schnaps beigemischt oder der Wodka gleich in gemischter Form gekauft. Besonders bei Mädchen habe dieser Trend zu einem stärkeren Konsum geführt. Außerdem gehöre Alkohol "zum guten Ton" dazu. "Wer interessant sein will, trinkt was."

Bei einer Bestandsaufnahme wollten es die Autoren von "Generation Wodka" nicht belassen. Siggelkow sieht die Politik in der Verantwortung. Konkret heißt das: ab 22 Uhr kein Verkauf mehr an Tankstellen, eine Promille-Grenze für die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs, auch der Verkauf an den Kiosken müsse erschwert werden. Denn bei ihrer Recherche in Hellersdorfs sei es für die Minderjährigen sehr leicht gewesen, an Alkohol zu kommen. "Und warum muss es Alkohol-Werbung im Nachmittagsprogramm geben?", fragt Siggelkow. Die niedrigen Preise sind ihm ebenfalls ein Dorn im Auge. Bier dürfe in einer Gaststätte nicht das zweitbilligste Getränk sein.

Dabei geht es Siggelkow nicht darum, Alkohol generell zu verteufeln. Zumindest nicht für volljährige Jugendliche, aber er verlangt eine ehrliche Aufklärung. So könnten zum Beispiel Betroffene von den anonymen Alkoholikern oder der Heilsarmee in Schulen eingeladen werden und von ihren negativen Erfahrungen berichten.

Die Schülerin Laura braucht diese Aufklärung nicht mehr. Seit ihrem Absturz hat sie verstanden, sie trinkt weniger. "Ein Sache will ich noch loswerden", sagt sie und schaut eindringlich. "Ich möchte den anderen Jugendlichen den Rat geben, nichts zu trinken." Freunde, die einen nur akzeptieren, wenn man trinkt, seien keine wahren Freunde. Sie hat diese Erfahrung gemacht. In der siebten Klasse.

Das Buch: Generation Wodka - Wie sich unser Nachwuchs mit Alkohol die Zukunft vernebelt von Bernd Siggelkow, Wolfgang Büscher, Marcus Mockler, erschienen im adeo Verlag, 192 Seiten, 14,99 Euro.