Alkoholmissbrauch Party ohne Alkohol? Geht nicht!


Alkohol ist bei Jugendlichen populärer denn je. Darüber berichtet der stern in seiner aktuellen Ausgabe. Klaus Joelsen vom Stadtjugendamt München beschreibt für stern.de, wie er diese beängstigende Entwicklung sieht.

"Mich rufen immer mal wieder Eltern an, die einen Geburtstag oder eine private Feier für ihre 14-17 Jahre alten Kinder und deren Freunde veranstalten wollen. Die haben einen Saal gemietet und fragen nun wie lange und wie und ob und worauf sie achten müssen. Ich frage dann immer, was es da zu trinken gibt und dann heißt es: 'Na ja, Limo, Bier, ein paar Mixgetränke.' Wenn ich dann sage: 'Falls Sie Alkohol ausschenken, hetze ich ihnen die Polizei auf den Hals', sind die beleidigt, fast schon empört: 'Aber sonst kommt uns doch keiner.'

"Alkohol = Erfolg"

Das Problem ist nicht, dass Jugendliche so leicht an Alkohol kommen, dass es diese Flat-Rates gibt. Das hatten wir früher auch, ein Bier für eine Mark oder 25 Mark Eintritt und alle Getränke bis 24 Uhr frei. Das Problem ist, dass Alkoholkonsum heute mehr als je zuvor mit Spaß, Erfolg, lockerem, leichtem Leben gleichgesetzt wird, dass Jugendliche in unzähligen TV-Spots gezielt damit geködert werden, Alkohol und erfolgreiche Menschen seien eins. Das ist nicht nur in der Werbung so, sondern auch in der Realität, wenn etwa nach einer gewonnenen Fußballmeisterschaft die Sieger auf dem Rathausbalkon antreten, mit riesigen Weißbiergläsern in der Hand, lallend und kaum noch fähig ein paar klare Worte zu sprechen, wenn sie sich schon auf dem Spielfeld, Sekt oder Bier über die Köpfe schütten. Dass es heute eigentlich keine Sportveranstaltung mehr gibt, die nicht mit Alkohol beworben wird, empfinde ich als skandalös. Fast noch schlimmer ist es bei Sendungen, die direkt auf Jugendliche zielen. Bei Deutschland sucht den Superstar gab es eine Vereinbarung mit der Getränkeindustrie, hier auf Alkoholwerbung zu verzichten. Und was ist: Es wird für alkoholhaltige Getränke geworben. Man müsste da die Produzenten wirklich viel mehr in die Pflicht nehmen.

Aus Perspektivlosigkeit zum Alkohol

Es hat sich in den letzten Jahren wirklich viel verändert. Warben die Discos früher auf ihren Flyern und Plakaten mit Fotos der DJs und besonders angesagter Musik, so werden heute die Preise für alkoholische Getränke abgedruckt. Es heißt: 'Alle Drinks inklusive' oder nur 'Red Bull Night.' Oder nehmen Sie die Wies'n. Früher ein Treffen für Bierdimpfl mit Blasmusik, heute eine trendige Teeny- Party und ohne einen Fetzenrausch und neue Rekordmarken beim Bierabsatz gilt sie als irgendwie misslungen.

Ich kann den Jugendlichen keinen Vorwurf machen. Die stehen unter Druck wie kaum jemals zuvor. Noch vor einer Generation hatten die etwa sieben Jahre Zeit, ihr Leben zu planen, etwas zu probieren, sich auch mal zu irren. Heute wissen sie nicht, wie es in zwei Jahren weitergeht. Diese mangelnde Perspektive führt zu extremen Fluchtversuchen. Das können immer riskantere Sportarten sein, Aggressionen oder eben Alkohol.

Süßes für die Mädels

Dazu kommt, dass die Produzenten Jugendliche als Zielgruppe entdeckt haben und eigens für sie Alkohol designen. Mit den Alkopops etwa, erschloss sie sich eine völlig neue Käuferschicht - Mädchen. Denen war früher Bier zu bitter, Schnaps zu hart und Wein, der beim Alkoholkonsum der Jugendlichen eigentlich kaum eine Rolle spielt, zu trocken und zu teuer. Der Gesetzgeber hat daraufhin die Alkopops mit einer Steuer belegt, um sie zu verteuern. Das ist auch gelungen, der Konsum ging wirklich etwas zurück, aber leider wurden Mischgetränke mit Bier oder Wein nicht mit dieser Steuer belegt und jetzt gibt es eben süße Biermixgetränke, die nicht besteuert werden. Was also machen? In die Discos gehen? Den Jugendlichen als minderjährig erkennen und ihn fragen, woher er den Wodka-Mix hat oder das Bier? Der sagt doch glatt, das hätte der Erziehungsbeauftragte gekauft und der sei schließlich volljährig. Es gibt Discos, die stellen Vordrucke ins Internet, damit minderjährige Buben und Mädchen von Volljährigen mit in die Lokale genommen werden können.

Akoholproduzenten zur Kasse bitten

In Bayern ist das zum Glück nicht ganz so einfach, weil hier nach der Rechtsauffassung des Landesjugendschutzes ein wirkliches 'Erziehungsverhältnis' bestehen muss, nicht nur ein 'Beziehungsverhältnis' - also wirkliche Verwandte und nicht nur Freunde. Und auch die Tatsache, dass der Jugendliche etwa in einer Disco das Bier nicht selber gekauft hat, rettet den Wirt nicht vor Strafe. Denn nach dem Gesetz gibt es für Jugendliche bei alkoholischen Getränken ein 'Verzehrverbot', das von dem Wirt überwacht werden sollte.

Was wirklich fehlt: Ein oder zwei Konzessionsverbote. Aber das hat es, so glaube ich, noch nicht gegeben. Und noch viel besser wäre es, die Alkoholproduzenten an den Schäden, die sie verursachen finanziell zu beteiligen."


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