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Kult-YouTuber verurteilt: Ein Motorrad als Waffe: Der Fall des Motovloggers Alpi

In Bremen ist ein 24-Jähriger wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden.  Er raste regelmäßig durch die Stadt. Die Videos von seinen gefährlichen Touren stellte er bei YouTube ins Netz und wurde Kult. Bis er einen Rentner überfuhr.

Verurteilung ja, Mordurteil nein: Das Landgericht Bremen hat den 24-jährigen Motorradfahrer Alpi wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Das Gericht blieb mit diesem Urteil deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die sich für mehr als sieben Jahre Haft wegen Totschlags ausgesprochen hatte. Nach Ansicht des Gerichts war aber keine Tötungsabsicht erkennbar.

Dies ist die Geschichte des Youtubers "Alpi" - der stern veröffentlichte sie erstmals im Dezember 2016:


Das Video, das Alperen T. auf seinem YouTube-Kanal "Alpi fährt" ins Netz stellte, dauert neun Minuten und elf Sekunden. Der Student rast nachts auf dem Motorrad mit über 170 Kilometer pro Stunde durch die Bremer Innenstadt. Seine Helmkamera filmt und nimmt auf, was er sagt. Motovlogging nennt sich das. Alperen T. gibt Gas. Der Motor röhrt. "Wie das schon klingt", kichert er. "So pervers." In jener Nacht, im Oktober 2015, aus der das Video stammt, ist Alperen T. "auf der Suche nach Frischfleisch". So sagt er es in die Kamera. Und es gibt viele, die ihm zuhören. "Alpi" ist unter Motovloggern Kult. Rund 80.000 Leute haben seine Filme auf YouTube abonniert.

Plötzlich taucht im Bild schemenhaft ein Fußgänger auf. Er bleibt stehen. Mitten auf der Straße. Vielleicht vor Schreck. Alperen T. weicht ihm aus. In letzter Sekunde. "Ist der behindert?", schimpft er. "Was für ein behinderter Hurensohn. Er bleibt stehen. Ey, wie ein Reh. Er wäre gestorben. Ich hätte ihn in seine Einzelteile zerlegt, wie mein Lego." Acht Monate, nachdem Alperen T. das Video von diesem Fast-Unfall auf YouTube veröffentlicht hat, tötete er Mitte Juni in Bremen tatsächlich einen Menschen. Er prallte auf seinem Motorrad mit dem 75-Jährigen Rentner Arno S. zusammen.

Er wusste um die Gefährlichkeit seines Verhaltens

Der Mann war bei Rot über die Ampel gegangen und nicht mehr ganz nüchtern. Alperen T. fuhr zu schnell, konnte nicht mehr ausweichen. Außerdem war er gerade auf der Flucht. Nur Minuten vorher hatte er mit seinem Motorrad ein Auto angefahren, war einfach weiter gerast, bis Arno S. ihm vors Motorrad lief. Der Rentner wurde mehrere Meter durch die Luft geschleudert, starb noch an der Unfallstelle. Alperen T. zog sich einen Leberriss zu und brach sich den Ellenbogen. Nach dem Unfall postete er ein Foto von sich im Klinikbett für seine Fans: "Sobald ich wieder zu Kräften komme, sag ich was zu dem Unfall. Danke, euer Alpi." 

Inzwischen schweigt Alperen T. Die Staatsanwaltschaft Bremen hat ihn wegen Mordes angeklagt. Er besaß für seine Kawasaki keinen Führerschein. Außerdem könnte ihm das Video vom Beinahe-Unfall zum Verhängnis werden. "Aus seinen Videos und den Kommentaren wird deutlich, dass er sich der Gefährlichkeit seines Verhaltens bewusst war und ihm auch klar war, dass Zusammenstöße tödlich enden können. Er hat den Tod anderer Verkehrsteilnehmer billigend in Kauf genommen", sagt ein Behördensprecher. Die Staatsanwaltschaft unterstellt dem Raser deshalb Vorsatz. Juristisch ist das umstritten. Das Amtsgericht hatte noch Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. (Das Gericht sah im Urteil letztlich keinen Vorsatz und verurteilte den Motorradfahrer zu zwei Jahren und neun Monaten Haft, Anm.)

Maschinenbau? Sportlehrer? Anforderungen zu hoch

Alperen T. ist nicht vorbestraft, galt als Musterbeispiel gelungener Integration. Seine Eltern sind türkische Einwanderer. Er ist in Bremen geboren und aufgewachsen, machte Abitur, studierte Maschinenbau, gab jedoch schon nach kurzer Zeit auf. Dann wollte er Sportlehrer werden, scheiterte wieder an den Anforderungen. Sein Facebook-Profil zeigt ihn, wie er eine weiße Perser-Katze knuddelt. In seiner Freizeit ging er zum Tricking, eine Mischung aus Kampfsport, Bodenturnen und Breakdance. Videos zeigen ihn, wie er Salti durch die Luft schlägt. 

Als der Unfall geschah, war er 24 Jahre alt, lebte noch zu Hause bei seiner Mutter – eine Konditorin für Hochzeitstorten - in einem weißen, gepflegten Reihenhaus. Nachbarn hatten schon vor dem Unfall des Öfteren die Polizei gerufen, weil Alperen T. mit röhrendem Motor und viel zu schnell durchs Wohngebiet gefahren war. Doch die Polizei erwischte ihn nie auf frischer Tat.

"Alpi" verdiente auf YouTube Geld

Von den Beweisen im Internet hatten die Beamten keine Ahnung. Und auch YouTube stoppte den Raser nicht. Zwar ist die Veröffentlichung von Filmen, "die zu gefährlichen oder illegalen Aktivitäten aufrufen" und "bei denen ein Risiko für Leib und Leben besteht" verboten. Doch nur wenn YouTube "von einem konkreten Inhalt Kenntnis erlangt, der gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen könnte, wird dieser unverzüglich geprüft und gegebenenfalls entfernt", formuliert ein Sprecher umständlich.

Mit anderen Worten: YouTube kontrolliert nicht, was auf seinem Portal gezeigt wird. Nur wenn Videos gemeldet werden, löscht die Firma sie. Vielleicht. Aber da keiner von den zigtausend Fans die Videos mit den gefährlichen Alpi-Touren meldete, blieben sie online. Und Alperen T. verdiente Geld mit seinen Filmen, auf denen Werbung eingeblendet wurde. Genau wie YouTube. Wie hoch die Werbeeinnahmen waren, will das Unternehmen nicht verraten. "Geschäftsgeheimnis", wiegelt ein Sprecher ab. Ermittler gehen derzeit von rund 2000 Euro aus, die Alperen T. mit seinen halsbrecherischen Videos verdient hat. 

Jugendlicher Leichtsinn oder geltungssüchtige Spinnerei?

Inzwischen ist Alperen T. begutachtet worden. Der Psychiater hält den Raser für schuldfähig. Ihm droht lebenslange Haft. "Das war schlicht jugendlicher Leichtsinn", verteidigt ihn ein Bekannter. "Dass ein Mensch stirbt, hat er nie gewollt. Er ist unreif." Ein Nachbar glaubt dagegen: "Das ist ein geltungssüchtiger Spinner." Tatsächlich wirkt Anerkennung wie eine Droge. "Das menschliche Hirn giert nach Aufmerksamkeit“, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer von der Universität Freiburg, der zum Thema Anerkennung forscht. "Studien belegen, dass nichts das Motivationssystem im Hirn so sehr aktiviert, wie von anderen anerkannt zu werden." Und um bewundert zu werden, täten Menschen "nicht nur Gutes, sondern auch Böses", sagt der Professor.

Das Internet könnte diesen Effekt bei Alperen T. verstärkt haben. Im realen Leben hätte er wohl kaum ein Fußballstadion gefüllt, das fast doppelt so groß ist, wie das Weser-Stadion mit seinen rund 40.000 Plätzen. Noch immer halten Fans zu dem Raser. Doch es sind nicht mehr so viele. Die mit rotem Herzchen verzierte "Fanpage 'Alpi fährt'" auf Facebook, die den Motovlogger auch nach dem Unfall "unterstützen und feiern" soll, gefällt nur noch 470 Leuten. Und nicht alle sind Sympathisanten, sondern haben sich nur angemeldet, um ihrer Empörung Luft zu machen. So schreibt Axel B. aus : "Alpi fährt? Erstmal nicht mehr. Alpi ist erst mal eingefahren und kommt hoffentlich so schnell nicht wieder raus."

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