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Altern: Das Beste kommt noch

Mann ist gerade 50 geworden. Erfolgreich, gesettelt, und noch plagen keine schlimmen Zipperlein. Doch langsam schleicht sich Unruhe ein: Wie viele Sommer habe ich noch? stern-Autor Michael Stoessinger, 52, besuchte Altersgenossen in ganz Deutschland. Sein Fazit: Jetzt fängt der Spaß erst richtig an.

Wie alt man geworden ist, sieht man an den Gesichtern derer, die man jung gekannt hat.
Heinrich Böll

Vielleicht kündigt es sich an einem vorfrühlingshaften Märzsamstag beim zweiten Becher Kaffee - die Kinder lärmen weit draußen auf dem Feld - so an:
Er: "Hast du das gesehen?" - Sie: "Was soll ich gesehen haben?"
"Na, hier, die Todesanzeigen." - "Wer ist denn gestorben?"
"Thomas Rodenkirchen." - "Kenne ich nicht."
"Ich auch nicht, aber der war Jahrgang 55." - "Ja, und?"
"Mensch, verstehst du denn nicht, der war erst 53." - "Nö, verstehe ich nicht, was hat das mit uns zu tun?"
"Mit uns nichts, aber mit mir."

Da steht es dann im Raum. Das Alter. Und mit ihm die Fragen, die Ängste: Wie viel Zeit bleibt mir noch, und wofür? Das Leben war gut bis hierhin, aber ist gut schon ausreichend? Was will ich noch? Bin ich am Ende undankbar? Mit Ende 40, Anfang 50 beginnt bei Männern die Suche; oft, ohne zu wissen, was sie denn finden wollen. Es beginnt der Abschied von der Jugend, und sei sie nur noch eingebildet gewesen in den vergangenen Lebensjahren. Die Haare ergraut, oder dünn, oder beides. Die Zahl der zugelegten Kilos dokumentiert bei vielen das Alter, wie die Jahresringe eines Baumes - alle zwölf Monate zwei Päckchen Butter. Und selbst, wer sich schlank joggt oder den perfekten Fettstoffwechsel hat, einer wie Dominique Horwitz, spürt das Älterwerden. "Kniegelenke und Wirbelsäule melden sich lautstark zu Wort", sagt der 51 Jahre alte Schauspieler, "sie führen ernsthafte Gespräche mit dir. Es ist zwar nicht schmeichelhaft, aber viel angenehmer, die Schnürsenkel auf dem Höckerchen zu binden."

Ein Bewusstsein für Zeit beginnt

Spätestens mit dem ersten Rentenbescheid der BfA macht sich Unruhe breit. So eine Ahnung vom "richtigen" Leben, das mehr sein muss als ein Ablauf von Wochen, Monaten und Jahren, mehr als die Aufzucht der Kinder und weitere Schritte auf der Karriereleiter. Privat in mehr oder minder geregelten Verhältnissen, beruflich gesettelt bis saturiert, rückt schmerzhaft ins Bewusstsein, worüber Männer gestern noch glaubten, in Hülle und Fülle verfügen zu können: Zeit.

Es sind nur wenige, wie der TV-Produzent und NDR-Talkshow-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, die glaubwürdig vorwärtsverteidigen: "Wenn das Leben ein dreiwöchiger Urlaub ist, dann sind zwar zwei um. Aber die letzte genießt man immer mehr als die ersten zwei." Man kann das so sehen, wenn man eher der Typ Midlife-Cruiser denn ein Midlife-Crisler ist. Die meisten Männer um die 50 aber greifen nach vorn, um dann rückwärts zu rechnen: "Wenn's gut läuft, noch 20, 25 Sommer." Oder, um in Meyer-Burckhardts Bild zu bleiben - wenn das zweite Ferienwochenende um ist, geht's meist ruck, zuck: Donnerstag noch mal so richtig versacken. Freitag packen. Samstag Abreise.

"Hinter allem, was wir denken, sagen, meinen und verbal so schön camouflieren, leuchtet die Schrift an der Wand, das Wort Tod", sagt Hans-Joachim Schwarz, Leitender Chefarzt des psychiatrischen Krankenhauses im schleswig-holsteinischen Rickling. "Man spricht von der Zeit, die vergeht, vom Älterwerden, mancher redet mit Pathos davon, der kalte Abendhauch sei spürbar. Dass es aber eben auch um den Tod geht, um die Integration dieses Begriffes in meine Biografie, das wird nicht benannt."

Die große Sinnsuche

Zwischen der Süße der letzten Ferienwoche und der Bitternis der Abreise, zwischen dem Gespräch mit Meyer-Burckhardt, 51, und dem Treffen mit Psychiater Schwarz, 62, liegen drei Wochen, 2000 Kilometer und 13 weitere Gespräche, um jenem bei Männern so ausgeprägten Phänomen auf die Spur zu kommen, das mit Sinnsuche umschrieben werden kann, der Suche nach dem anderen, manchmal auch der anderen, der Jüngeren.

Die schriftliche Info für die Patienten der Gemeinschaftspraxis Eugenstraße in Tübingen ist kurz gehalten: "Dr. Haumann wird ab 16. 2. eine kleine Auszeit für eine Reise nehmen. Der gewohnte Praxisbetrieb geht weiter. Frau Holler und Dr. Siegel übernehmen die Vertretung. Weitere Informationen zu der Reise unter docseidenraupe. blogspot.com."

Kleine Auszeit? Richard Haumann, Allgemeinmediziner in der südwestdeutschen Uni-Stadt, ist seit dem 16. Februar mit dem Rad unterwegs von Athen nach Peking. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am 8. August wollen der 55 Jahre alte Haumann und seine teils erheblich jüngeren Velo-Sophen da sein. Nach 175 Tagen um die halbe Welt.

Selbstfindung und Flucht vor dem Selbst

Doc Seidenraupe hat beinahe alles durch, Hochgebirgstouren mit dem BMX, Marathon, Männercamp. Männercamp, das ist die adulte Form des Pfadfinderlagers seliger Zeiten, als wir "Die Moorsoldaten" sangen, Händchen hielten, noch einen Scheit nachlegten und Chai tranken. Wir sagten so jung-dumme Sätze wie "Wen die Götter lieben, den lassen sie früh sterben". Männercamps heute, das sind vorgebliche Selbstfindungs-Happenings mit wechselnden Themen. Eines der letzten, internationalen organisierte 2005 der Grüne Grashalm e. V. bei Wismar. Thema: Leben mit Frauen. Was zwischen den ersten Wallungen am Lagerfeuer und dem Feld-, Wald- und Wiesenseminar falsch gelaufen sein muss zwischen den Geschlechtern, wollen wir später erörtern. Selbsterfahrungstrips nach Wismar, durch Grönland oder auch nur in die Fränkische Schweiz jedenfalls helfen selten weiter. Der Ausflug ist meist nichts als Ausflucht, Flucht vor sich selbst.

Wovor fliehen Sie, Herr Haumann? "Vor nichts und niemandem, ich hatte nur das Bedürfnis, Zeit für mich zu haben. Jenseits der 50 merkst du die Endlichkeit, was willst du also noch machen? Ich wollte nicht so weiterleben wie so viele, die sagen: Wenn ich mal in Rente bin, dann mache ich die tollen Dinge. Es musste etwas sein, das jetzt ist und das ausschließlich mit mir zu tun hat." Die Reise, sagt er, sei nicht Egotrip, sondern Resultat vieler Gespräche mit seiner Frau und den drei Kindern, zwei bereits erwachsen. Und wenn er es recht bedenke, sei seine Frau die Türöffnerin gewesen. "Sie sagte eines Tages, du hast dich verändert, du hast weniger Dynamik, wirst schneller müde. Du solltest mal nach dir schauen. Auch ein Patient sprach mich darauf an. Es war nicht das fehlende Engagement, ich arbeite seit 15 Jahren in einer gut gehenden Gemeinschaftspraxis, bin ein engagierter Arzt, betreue Methadon- und HIV-Patienten. Aber ich merkte selbst die Erschöpfung, spürte, dass ich die innere Distanz verlor zu meinem Beruf.

Was ist mit mir, lebe ich mein Leben noch, oder lebe ich längst neben mir und meiner Partnerin her? Fragen, die scheinbar naturgesetzlich sind. Und unabhängig vom Geschlecht. Eine Ehe muss nicht verkehrt sein, aber sie kann sich totlaufen. Vielleicht gerade dann, wenn man oben angekommen, der gemeinsame Entwurf, Kinder und Karriere erfüllt sind. Wie das offensichtlich beim niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff war. Oder bei Dominique Horwitz, der heute mit seiner zweiten Frau Anna Wittig und deren Kindern in der Nähe von Weimar lebt.

"Das Bedürfnis nach Klarheit"

Wir treffen ihn im "Anno 1900", dem Restaurant seiner Frau; sitzen, Zufall oder nicht, an jenem Tisch, an dem Horwitz saß, als er bei ihr eine Bestellung aufgab. Anna Wittig ist 14 Jahre jünger. Der Altersunterschied ist, wie kann es auch anders sein, deutlich. Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn sie nur vier Jahre jünger gewesen wäre? Nein, sagt er, sie hätte auch vier Jahre älter sein können. Horwitz wirkt nicht wie einer dieser Männer, die dem eigenen Altern eine junge Frau entgegensetzen. Worum geht es Ihnen dann, Herr Horwitz? "Ich spüre das Älterwerden an einem Bedürfnis nach Klarheit. Ich kläre meine Lebenssituation, und ich glaube, das gelingt mir. Ich habe mich vor zweieinhalb Jahren scheiden lassen, habe vor einem Jahr wieder geheiratet, meinen Lebensmittelpunkt von Hamburg nach Weimar verschoben, habe eine neue Firma gegründet und meine Jacques-Brel-CD mit der NDR-Radiophilharmonie selbst produziert. Also: Ich kann schon noch in die Hände spucken und ins Wasser springen."

Das sind Sätze, die - aus dem Zusammenhang gerissen - arrogant klingen können. Deshalb sagt Horwitz: "Damit das nicht überheblich klingt: Das alles ist mit Risiko behaftet, aber es ist mein selbst gewähltes. Ich spüre, ich komme mir mit jedem Schritt näher. Ich habe die Kategorie ,erfolgreich‘ durch ,richtig‘ ersetzt. Die private Veränderung, die berufliche Konzentration, alles zusammen bringt mich mit mir stärker in Einklang. Das gilt auch für meine Bühnenpräsenz, ich glaube, ich spiele heute unangestrengter. Bei aller Unsicherheit über den Gang der Lebensdinge habe ich eine Zuversicht wie noch nie in meinem Leben."

Auf der Suche nach dem "richtigen Leben", nach größerer Intensität und geringerer Anpassung profitieren die Älteren von der Annäherung zweier Generationen: Sprach- und Dresscodes der 35- und 55-Jährigen sind oft identisch. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten trennten sie Welten. Das macht es so schwer für die Marktforscher und Werber. "50plus" - wer will so heißen? "Das Alter selbst", sagt Rolf Kirchmair, "ist ja die größte Kränkung für Männer über 50."

Diskrepanz zwischen echtem und gefühltem Alter

Rolf Kirchmair, 64, ist Marktpsychologe in Frankfurt am Main, seit über 30 Jahren schon. Er hat ein "kleines Institut" für Seniorenforschung, Senior Research, und trifft sich alle paar Wochen mit Peter Rogge, Heinz-Peter Diekneite und Holger Burckhard im Konferenzraum einer Werbefabrik in Frankfurt-Rödelheim; deep thought heißt sie. Die Männer sind zwischen Ende 50 und Ende 60, "gefühlte zehn Jahre jünger", wie Rogge sagt. Er ist Texter, Diekneite der Marketingmann und Burckhardt der Designer.

Womöglich haben die vier eine geniale Marktlücke gefunden in der ewig auf jung getrimmten Branche: Nur wer selbst ergraut ist, kann eine alternde Zielgruppe - über fünf Millionen Männer - verstehen. "Wir haben die gleichen Gefühle, Bedürfnisse und Ansprüche", sagt Rogge. Über konkrete Projekte, das verbiete die Marktlogik, können sie nicht sprechen. Aber Rogge erinnert an die Supermarktkette, die in den neuen Ländern als Service für die altersweitsichtige Klientel kettengesicherte Lupen an die Regale gehängt hatte. Das kam natürlich ganz schlecht an.

Rogge zieht ein Kunststoffkärtchen in Visitenkartengröße aus seinem Portemonnaie. Der obere Teil ist durchsichtig, auf dem unteren steht sein Agenturname: Nestor Agency. Vor die Augen gehalten, vergrößert das Klarsichtkärtchen die Schrift um etwa das Fünffache. "So etwas für kleines Geld an der Kasse verkaufen", das funktioniere. Wie, das ist ihr Thema, verpacken wir das Alter(n)?

Das Leben wird porös

Verpackung, das ist weit weg vom Arbeitsfeld des Privatdozenten Dr. Stefan Conrad, Chefarzt der Urologie am Friederikenstift in Hannover. Sein Chefarztzimmer liegt im dritten Stock am Ende eines Ganges mit Räumen, die "Urodynamik" heißen, "Harnflussmessung" und "Katheterzimmer". Eine Dreiviertelstunde sind wir auf- und abgegangen, weil der Chef noch auf Visite war, immer wieder "Urodynamik" auf und "Harnflussmessung" ab. Das macht demütig. Jetzt sitzen wir Conrad gegenüber, einem stämmigen Endvierziger mit feinen und ruhigen Gesichtszügen, die nicht erkennen lassen, was heute alles auf dem OP-Programm stand. Prostata-Totalresektionen und was es so gibt, wenn das Leben poröser wird. Conrad strahlt jene Gelassenheit aus, die einem Patienten Sicherheit gibt. Sein Nachhorchen der eigenen Worte vermittelt Vertrauen.

Warum trauen sich so wenige Männer, Dr. Conrad, warum gehen sie nicht zur Vorsorge?

Der Verlust der Selbstbestimmung - und die gibt man ja beim Arzt ein wenig aus der Hand - passt eben nicht in das klassische Männerbild, das uns zum Teil anerzogen worden ist, das zum Teil auch hormonell geprägt ist: eine gewisse Rudelführerschaft. Wissen Sie, wie ein Mann reagiert, der auf der Autobahn gegen die Verkehrsregel überholt worden ist? Er überholt seinerseits den Rüpel, zeigt ihm auf gleicher Höhe den Vogel, setzt sich dann vor ihn und bremst ab. Er will die Kontrolle über die Situation haben.

Und warum begegnen kontrollversessene Männer dem Thema Prostata so verkrampft?

Sicher auch, weil die Prostata und ihre Veränderungen, gut- wie bösartig, Synonym für das Altern des Mannes ist. Jeder kennt heute eigentlich jemanden, der unter diesem Krebs leidet, der daran gestorben ist. Im Alter zwischen 50 und 60 beginnt die Prostata, in gutartigen Knoten zu wachsen und sich zu vergrößern. Ein Teil der Männer erlebt schon in diesem Alter, dass das Wasserlassen sich verändert, dass sie vielleicht nachts einmal mehr aufstehen müssen, dass der Harnstrahl schwächer wird. Jeder zweite Mann ab Mitte 50 wird Ihnen sagen, der Strahl ist nicht mehr so wie früher, aber es reicht noch.

Was aber ist mit der Sexualität, ab wann verliert ein Mann seine körperliche Männlichkeit?

Etwa 20 Prozent der Männer spüren schon im Alter zwischen 40 und 50 eine nachlassende Erektionsstärke. Natürlich sind die Grenzen fließend, aber ab 50, um das kritische Datum zu nehmen, ist jeder zweite bis dritte Mann von sexuellen Veränderungen betroffen. Was nicht heißt, dass jeder auch behandlungsbedürftig ist.

Können Sie die Veränderungen näher umschreiben?

Da ist zunächst die Stärke, die Rigidität, wie wir das nennen. Die Schwellkörper schwellen eben nicht mehr so an, wie das in jüngeren Jahren war. Der Bluteinstrom in die Schwellkörper erfolgt durch eine aktive Entspannung der Muskelzellen in den zuführenden Gefäßen. Wenn die Muskulatur schwächer wird, reduziert sich die Öffnung der Gefäße, weniger Blut strömt ein, die Stärke der Erektion nimmt ab. Hier setzen Medikamente wie Viagra an, die auf den Regulator am Muskel einwirken und den Impuls der Gefäßöffnung stärken.

Nehmen Männer das mit Frust oder Melancholie, dass alles schwächer wird, der Strahl, die Schwellkraft, die Lebensdynamik?

Die einen betrachten es - durchaus auch depressiv - als Abschied von der Jugend. Nur wenige brechen, soweit ich das beurteilen kann, aus und suchen eine jüngere Partnerin. Die meisten versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen: Alles wird langsamer, schlechter, also leben wir bewusster, stellen die Beziehung auf andere Fundamente, wir kümmern uns um Sport, wir ernähren uns anders. Da sind den Neuentwürfen keine Grenzen gesetzt."

Das neue Leben des Klaus Ahmann ist ein Provisorium. Vor fünf Monaten hat der 47 Jahre alte Maschinenbauingenieur seine Frau und die vier Töchter verlassen, die Doppelhaushälfte zunächst gegen eine Dreieinhalbzimmerwohnung getauscht. Sie liegt unweit des Gymnasiums, in das seine Mädchen gehen. So hat er ein wenig das Gefühl, in ihrer Nähe zu sein. Das Sorgerecht haben, so ist das rechtstheoretisch, beide Elternteile. Praktisch aber hat Ahmann die Mädchen seit Weihnachten nicht gesehen. Lara, die Zweitälteste, war anfangs für drei Monate bei ihm, hat es aber nicht ausgehalten. Sicher vermisste sie ihre Mutter, die Geschwister und jene Nestwärme, die ein durchweg vernunftgesteuerter, sich auch privat neu orientierender Vater wohl nicht geben kann. Die Wohnung, von schon rührender Traurigkeit, tat ein Übriges: im Wohnzimmer ein Tisch mit vier Stühlen, Sideboard, Zweisitzersofa und Fußballkicker, keine Bilder. Im Schlaf- und im "Kinderzimmer" jeweils ein Schrank und eine Matratze, von Freunden zusammengeliehen. Küche, Diele, Bad. Weil die Mädchen sich nicht blicken ließen, ist Ahmann Ende April wieder aus- und in eine Einzimmerwohnung gezogen.

Ahmann fühlte sich überflüssig in der Familie

Klaus Ahmann hat seine Familie, sagt er, nicht verlassen, weil er auf der Suche nach etwas Jüngerem war, oder weil sie ihm zu viel wurde, die eigene Sippe. Er hat sie verlassen, weil er sich schlicht überzählig fühlte. Er hat das alles aufgeschrieben, sehr detailliert, sehr subjektiv. Auszüge aus dem Protokoll geben einen Einblick in die Lebenssituation eines Typs Mann, der gar nicht so selten ist:

"Als wir heirateten, 1986, da hatte ich die Vorstellung von einer Partnerschaft auf Augenhöhe, den Traum von den Kindern und einer Rangfolge: Erst Mama und Papa, dann die Kinder und dann die Verwandten, die Freunde. Und ich kann heute sagen, dass alle vier Mädchen Produkte der Liebe waren. Aber unsere Ehe veränderte sich rapide, in der Rangfolge war ich bald auf Platz sechs. Meine Wünsche und Vorstellungen zählten nicht mehr. Unser Leben, vor allem das am Wochenende, wurde total auf die Bedürfnisse meiner Frau ausgerichtet, die ihre Vorstellungen auf die Kinder übertrug. Malen, musizieren, Events. Zweisamkeit spielte keine Rolle mehr. Ich war der Außenseiter."

Ahmann glitt in eine Depression. Erst fünf Jahre und einen leichten Schlaganfall später sei ihm klar geworden, dass es so nicht weitergehen konnte: "Das ist der Tod auf Raten. Du musst was für dich tun. Erste Trennungsgedanken kamen nach meiner Depression. Das wurde dann konkreter, als ich durch eigene Initiativen - Sport, einen Französischkurs - wieder Selbstbewusstsein gewonnen hatte. Doch ins Gespräch kam ich mit meiner Frau nicht mehr, weil es ihr wohl auch nicht passte, dass ich selbstbewusster geworden war. Sie machte zu. Ich mache heute Dinge mit meiner neuen Partnerin, die nie klappten mit meiner Frau, kochen und renovieren zum Beispiel, einfach das Leben genießen. Gelernt habe ich für meine zweite Partnerschaft, Konflikte anzusprechen, sofort und deutlich. Früher habe ich alles in mich reingefressen."

Die Krise spitzt sich zu

Oft ist es so, sagt der Mediziner und Bonner Klinikchef Dr. Manfred Nelting, dass sich in diesem Alter, das eigentlich von Souveränität und Gelassenheit bestimmt sein könnte, alles krisenhaft zuspitze. "Zu uns kommen Männer mit Angstsyndromen, mit Depressionen, Bluthochdruckler, Schmerzpatienten. Und viele haben gleich mehrfach Probleme. Sie werden eines Morgens wach und können sich nicht mehr bewegen. Oder sie können es zwar, bleiben aber einfach liegen und verweigern sich. Da ist dann so ein Unwirklichkeitsgefühl." Dahinter stehen oft gescheiterte Lebenspläne. Und zwar auf allen Gebieten.

Gezeiten-Haus hat Manfred Nelting seine Privatklinik genannt. Der Name ist das Ergebnis längeren Suchens und der Einsicht, dass der Begriff polare Gegensätze implizieren sollte. "Via Bonna", der gute Weg, ganz hübsch, ging darum nicht: Er hätte ja den Weg, auf dem man stolpert, ausgeschlossen. Das Gezeiten-Haus, offen für Männer und Frauen, liegt im Stadtteil Bad Godesberg, am Rande des Kottenforstes. Eine sehr schöne, waldreiche Ecke, hoch über dem Bonner Talkessel gelegen, wo sich im Sommer die Luft dermaßen staut, dass Reiz- und Aggressivitätspegel rasant steigen. Die CDU kannte schon immer die schönen Winkel. Im Zuge der Kohl'schen Spendenaffäre musste Frau Merkel den funktionalen Flachbau, Heimstatt einer der offiziellen CDU-Stiftungen, verkaufen.

Hierher reisen sie nun, die Mühseligen und Beladenen, leitende Angestellte, höhere Beamte, Chefs von mittelständischen Firmen und - ganz selten - Manager mit dem Segen der Vorstände: Psychosoziale Probleme sind immer noch ein Tabuthema. Bei Männern vor allem. Die innere Einkehr dauert in seltenen Fällen vier, meist sechs bis acht Wochen. Es kommt so mancher mit der Vorstellung vom 14-Tage-Trip. Als gelte es, zwischen zwei beruflichen Wahnsinnsprojekten mal eben zwei Wochen Puerto Andratx einzuschieben. Manfred Nelting, Ende 50, die langen, grau melierten Haare zum Pferdeschwanz gebunden, darf man als aufgeklärten 68er bezeichnen. Als einen, der die Kämpfe mit einer kriegsbelasteten und (vielleicht auch deshalb) arbeitswütigen Vätergeneration in ihrer absolutistischen Form heute als Wirrung empfindet.

Eine eklatante Zahl von Beziehungsgestörten

Eigentlich, sagt Nelting, seien "viele von uns Mutters Söhne" geblieben. "Von klein auf erfüllte der Junge Mutters Aufträge, passte sich an, adaptierte ihre Weltsicht." Viele Männer blieben dann so, sie funktionierten, hätten damit auch Erfolg - und doch entfernten sie sich immer weiter von ihrer eigenen Identität. Das klingt sehr theoretisch, wenn Nelting aber die Folgen beschreibt, wird die seelische Verdrückung sehr lebendig: "So einer lässt immer mehr Anteile von sich selbst weg, da kann man schon prophezeien, der erreicht die Rente nicht ohne Lebenskrise, ist oft so früh ausgebrannt, das kann gar nicht klappen. Er hat ja nie richtig gelernt, sein eigenes Ding zu machen. Da war ja oft kein Vater, der gesagt hat: Mach mal." Die Zahl der Bindungsgestörten sei eklatant, die negativen Beziehungserfahrungen würden oft mit Leistung kompensiert. "Das heißt aber auch, dass wir eine Menge von ,unfertigen Männern‘ in recht hohen Positionen haben", sagt Nelting.

Krise bedeute aber immer auch Chance. Die Chance, sich selbst zu finden. Worauf es ankomme, sei, dass die Männer mit sich selbst ins Gespräch kämen. "Viele Patienten sagen zu Beginn: ‚Ich bin völlig ratlos‘. Ich auch, sage ich dann oft. Wenn sie mich entsetzt anschauen, erkläre ich das: Ich sei zwar der Experte, aber der Experte ist meist der Kumpan des Verstandes. ‚Und mit dem Verstand aber haben Sie Ihr Problem ja gerade nicht lösen können.‘" Was die Patienten auf der Reise zu sich selbst brauchten, sei ein "menschliches Gegenüber, das alles Manipulative außen" vor lasse. Und das menschliche Gegenüber, da ist Manfred Nelting ganz bestimmt, sollte ein Mann sein. "Auf dem Weg aus ihrer Krise sollten sich Männer nicht von einer weiteren Mutter begleiten lassen."

"Kastanie" heißt die Kneipe im Düsseldorfer Stadtteil Stockum, nicht weit vom Rhein gelegen. Als "Alter Exerzierplatz" war sie in den 60er und 70er Jahren Heimstatt des SPD-Ortsvereins. Das Alt kostete 45 Pfennig an der Theke, 50 am Tisch. Im Hinterraum feierten unsere Väter Gustav Heinemanns Wahl zum Bundespräsidenten, bald darauf den ersten sozialdemokratischen Kanzler, Willy Brandt - und Klaus Bungert, den Ortsvorsitzenden, der Düsseldorfer Oberbürgermeister wurde. Wir treffen uns mit Bungerts Sohn Axel, ein Wiedersehen nach 35 Jahren. "Durch Vaters Sterben voriges Jahr, bei dem ich ihn begleitet habe, hat das Thema Abschiednehmen für mich eine andere, emotionalere Qualität bekommen", sagt Bungert, 53.

"Zwei Drittel sind schon um"

Der Tod des eigenen Vaters ist eine Zäsur, es ist der vielleicht letzte Abschied von der eigenen Kindheit - egal, wie gut oder schlecht das Vater-Sohn-Verhältnis gewesen sein mag. Man steht nun selbst vornan. "Heute schießt mir durch den Kopf: Wenn alles gutgeht, hast du noch 28 Jahre, dann bist du 80, wie dein Vater. Das heißt, zwei Drittel sind schon um, du hast nur noch ein Drittel. Und dieses Drittel wird ja nicht besser, körperlich", sagt Bungert, der als Key-Account-Manager bei einer großen Versicherung arbeitet und nebenbei, aber sehr intensiv, in zwei Düsseldorfer Bands Gitarre spielt.

Nun hat es das Schicksal besonders gut gemeint mit dem kinderlosen, geschiedenen Bungert. Groß gewachsen, schlank, eine enorm straffe Gesichtshaut, große braune Augen. Und dann die grauen vollen Haare. Er gehört zu den Männern jenseits der 50, die das 80er-Jahre-Revival der Schimanski-Jacke mit Würde tragen können. Und doch: "Ich halte dem Druck zwar stand, aber ich bin nach einem harten Arbeitstag fraglos kaputter als noch vor zehn Jahren. Die Regenerationsphasen werden länger." Wie viele Männer in seinem Alter erlebt er den Flug der Zeit und den Druck der nachdrängenden, 35-, 40-jährigen Karrieristen. Auch auf der zweiten und dritten Arbeitsebene seien 60-Stunden-Wochen heute gang und gäbe. Und ganz oben?

Vor 30 Jahren, als die heute an der Spitze der Unternehmen, Behörden und Parlamenten ganz oben Angekommenen ihre Karriere noch planten, noch träumten von den "rooms at the top", da befasste sich der Psychoanalytiker Erich Fromm schon mit den Marketingstrukturen von Menschen in Führungspositionen. Er schrieb, und so mancher Chef wird sich heute vielleicht darin wiederfinden: "Der Erfolg hängt weitgehend davon ab, wie gut man seine Persönlichkeit verkauft. Man erlebt sich als Ware oder richtiger: gleichzeitig als Verkäufer und zu verkaufende Ware." Der Mensch, folgert Fromm, "kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern nur noch um seine Verkäuflichkeit".

"Ich kann's noch"

Warum aber ist das noch mit Ende 50 oder Anfang 60 so? Warum endet das Getriebensein nicht? "Weil ein hoher Anteil der Motivation in der Selbstwert-Gratifikation: in dem, was ich noch tun kann für meine eigene Bedeutung", sagt der Psychiater Hans-Joachim Schwarz, den wir zum Abschluss unserer Reise so ziemlich am obersten Ende Deutschlands besuchen. Es sind nicht wenige Spitzenkräfte norddeutscher Unternehmen und Verlage, die den Weg zu Schwarz ins entlegene Rickling aus dem Eff-Eff kennen. Schwarz ist hier Leitender Chefarzt mit über 1000 Patienten und fast ebenso vielen Mitarbeitern.

"Weitermachen", sagt Schwarz, "kann ja auch auf der richtigen Analyse beruhen: Ich kann's noch. Und weil das so ist, stelle ich mich zur Verfügung, erfülle meine Pflichten."

Ich kann's noch: eine lebenslange Programmierung, die ganz offenbar mit unserem Männerbild zusammenhängt, das, sagt Schwarz, "von den Begriffen Kompetenz, Verlässlichkeit, Solidität dominiert" sei. Im Grunde, so Schwarz, haben die heute 50-Jährigen eine gute Ausgangsposition: Das körperliche "Verfallsdatum" sei nach hinten verschoben, die "Gebrauchsfähigkeit" bewiesen. "Männer in dem Alter müssen nicht mehr auf jeden angebotenen Konflikt einsteigen, sie können in Diskussionen ihre Affekte besser kontrollieren und sind darum, was alle doch gern sein möchten: gelassen."

Michael Stoessinger / print