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Pressestimmen zu München: "Wir müssen die Außenseiter in den Blick nehmen"

Neun Menschen und sich selbst erschoss Amokläufer David Ali S. in München. Hätte die Tat verhindert werden können? Wohl kaum, schreiben viele Zeitungen. Nicht die Politik sei hier gefragt, sondern die Menschen.

Vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München wird den Opfern des Amoklaufs gedacht

"Das habt ihr nicht verdient": Vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München wird den Opfern des Amoklaufs gedacht


Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe)

"Doch die Wahrheit ist, dass die Politik auf solche Taten keine Antworten geben kann. Kein Gesetz, keine Vorschrift und keine Polizei dieser Welt können eine solche Tat verhindern. Diese Wahrheit ist unangenehm, weil sie keine Sicherheit schafft. Aber sie ist notwendig. Auch um zu erkennen, dass hier nicht die Politik gefragt ist, sondern die Menschen. hat deutlich gemacht, dass die Gesellschaft in Krisenzeiten eine große Solidarität und ungeheuren Zusammenhalt entwickeln kann. Offene Türen, helfende Hände und tröstende Worte machen den Schmerz teilbar. Die richtige Antwort auf den Hass eines Einzelnen ist die Menschlichkeit von vielen."


"Rheinische Post" (Düsseldorf)

"Dennoch muss die Gesellschaft, müssen Politiker, Eltern und Lehrer, Nachbarn und Freunde wachsamer sein, damit aus der Vereinzelung kein Mordmotiv wird. Zuhören und Aufmerksamkeit wirken Wunder. Zur Erziehung eines jungen Menschen gehört auch die Lehre, dass Enttäuschungen und Niederlagen zum Leben gehören. Auch die auf dem Schulhof. Sie können einen stärker machen, reifen lassen. Auch dieser irre, selbstgerechte Mythos des Amokläufers, den es ähnlich beim islamistischen Selbstmordattentäter gibt, muss als das entlarvt werden, was er ist: schnöder und feiger Mord. Wir müssen die Außenseiter in den Blick nehmen, sie zurückholen in die Gesellschaft. In der Schule, in der Nachbarschaft. Überall. Wenn Eltern dazu nicht in der Lage sind, muss der Staat einschreiten. Es kann doch nicht sein, dass diese wohlhabende Gesellschaft mit ihren vielfältigen Bildungswegen Verlierer produziert, die so verzweifelt sind, dass sie alles Menschliche vergessen."



Westfalen-Blatt (Bielefeld)

" und die Sicherheitsbehörden in München haben bewiesen, dass es besser geht. Nicht nur Pressesprecher Marcus da Gloria Martins hat in einer absolut chaotischen Gesamtsituation einen sehr guten Job gemacht. Seine Kollegen auf den Straßen haben ihr Leben riskiert, um anderen zu helfen. Das verdient höchsten Respekt und unseren Dank. Das Gleiche gilt für alle Rettungskräfte und für die vielen Menschen, die Fremden in höchster Not bereitwillig ihre Türen geöffnet haben. Das belegt: Solidarität und Nächstenliebe sind nicht bloß Worte. Die Zivilgesellschaft lebt und sie ist stark. Auch das Wochenende hat gezeigt: Die Anteilnahme ist weltweit groß. Vielleicht sind es diese Zeichen, die helfen können, den Schrecken und die Verunsicherung zu überwinden. Versuchen wir es gemeinsam!"


Mittelbayerische Zeitung (Regensburg)

"Besonnen, überlegt und wirkungsvoll haben die Sicherheitskräfte, die Münchner Polizei, die Sondereinsatzkräfte der Bundespolizei, des Bundeskriminalamtes, Ärzte, Krankenschwestern und viele Münchner Bürgerinnen und Bürger gehandelt. Sie haben verhindert, dass eine Panik entstand, dass der Todesschütze nicht noch mehr Opfer fand. Bei aller tiefer Trauer über die Opfer gab München auch ein Beispiel für Mitmenschlichkeit, für Zivilcourage, für tätiges Miteinander. Das bleibt, auch wenn man nach den dramatischen Geschehnissen der vergangenen Tage von Paris, Nizza, glauben konnte, die Welt gerate aus den Fugen."


Südwest Presse (Ulm)

"Je näher wir der Wahrheit kommen, desto klarer wird, dass der Chor derer, die politische Konsequenzen nach den Schüssen von München fordern, schlicht daneben liegt. Weder schärfere Waffengesetze noch ein Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Terrorabwehr lassen sich aus dem Amoklauf von München ableiten. All das hätte die Tat nicht verhindert, keines der Opfer wäre dadurch gerettet worden. Thomas de Maizière, Joachim Herrmann oder Sigmar Gabriel verdeutlichen letzten Endes nur die Hilflosigkeit der Politik gegenüber einem verstörten und offensichtlich psychisch kranken Einzeltäter. Wir wollen, wir müssen etwas tun, scheint die Devise. Nutzen wird es am Ende gar nichts. Unsere Gesetze sind nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden längst verschärft worden. Gegen die kriminelle Beschaffung einer Waffe im kaum kontrollierbaren Darknet, wie es offensichtlich David S. getan hat, bleiben sie ohnehin wirkungslos. Es gibt keine Patentrezepte, keine Formel oder gar Gesetze, die die Radikalisierung eines solchen Attentäters verhindern könnten."


Westfalenpost (Essen)

"Nein, es war nicht so, wie es auf den ersten Blick schien und wie es nicht wenige bereits kurz nach der Tat zu wissen glaubten: Es war kein mörderischer Islamist, der in München neun unschuldige Menschen tötete und viele verletzte. Es war ein offenbar psychisch gestörter 18-Jähriger. Was bedeutet das? Wir dürfen uns nicht vom Wahnsinn anstecken lassen. Besonnenheit zählt. Die Ereignisse von München sind kein Hilfsargument für die rechten Kritiker der Flüchtlingspolitik. Sie passten nicht zum Attentat von Würzburg wenige Tage zuvor und dienen deshalb nicht als Mittel zum Zwecke für diese Propaganda. Ein souveräner Polizeipressesprecher behielt von Beginn an den Überblick und bewahrte die Ruhe. Er beantwortete alle Fragen mit größter Geduld und ließ sich an keiner Stelle zu Vermutungen hinreißen. Diese professionelle Leistung ist vorbildlich. Auch für uns Medienvertreter: Sicherheit geht vor Schnelligkeit. Eine übereilte Diskussion über eine bessere Ausstattung der Polizei und vermeintlich dringend notwendige schärfere Gesetze hilft nicht weiter."

kis / DPA