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Amoklauf von Winnenden: Der Aufschrei der Eltern

Sie können das Unglück nicht ungeschehen machen, sie können ihre Kinder nicht wieder ins Leben zurückholen. Aber sie wollen verhindern, dass ein Amoklauf wie in Winnenden noch einmal passiert. Deswegen haben die Eltern der Opfer einen zornigen Brief an die Politik veröffentlicht.

Tausende Kirchglocken läuteten in Baden-Württemberg, Bundespräsident Horst Köhler kämpfte bei seiner Ansprache mit den Tränen - in einer bewegenden Feier nahmen Einwohner und Politiker am Samstag in Winnenden Abschied von den Opfern des Amoklaufs an der Albertville-Realschule. Kanzlerin Angela Merkel war vor Ort, auch Ministerpräsident Günther Oettinger. Viele Schüler trugen, um mitten in der Verzweiflung ein Zeichen der Hoffnung zu setzen, schwarze T-Shirts mit der grünen Aufschrift "I have a dream". Auch die Eltern der Opfer wollen es bei nicht bei der Trauer belassen. In einem scharfen, mitunter zornigen offenen Brief fordern sie die Politik, Konsequenzen aus dem Amoklauf zu ziehen. Er wurde am Samstag in der "Winnender Zeitung" veröffentlicht. stern.de dokumentiert die wichtigsten Passagen.

"Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann", schreiben die Eltern.

Zum

Besitz von Schusswaffen

führen sie aus:

"Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Die derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Bedenkt man, dass ein junger Mensch gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich."

"Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob der Schießsport nicht gänzlich auf groß-kalibrige Waffen verzichten kann. Bis in die achtziger Jahre hinein genügten unseres Wissens nach den Sportschützen kleinkalibrige Waffen. Bis heute sind die olympischen Wettkämpfe auf Luftdruck- und Kleinkaliberwaffen beschränkt."

"Der Gesetzgeber hat die Vergabe von Waffenbesitzkarten und die daraus entstehenden Verpflichtungen, wie zum Beispiel die Aufbewahrung von Waffen und Munition, vollständig geregelt. Die zu erwartenden Strafen bei Verstoß gegen die entsprechenden Gesetze erfüllen aber nicht ihren Zweck. Eine Ordnungswidrigkeit wird eher wie ein Kavaliersdelikt betrachtet. Der Gesetzgeber muss Verstöße gegen das geltende Waffenrecht deutlicher und stärker ahnden."

Über Gewaltdarstellungen im Fernsehen heißt es:

"Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. Das Fernsehen, als noch wichtigste Informations- und Unterhaltungsplattform, hat einen sehr großen Einfluss auf die Denk- und Gefühlswelt unserer Mitbürger. Das Fernsehen setzt heute die ethischen und moralischen Standards. Wenn wir es zulassen, dass unseren Mitbürgern weiterhin täglich Mord und Totschlag serviert werden, ist abzusehen, dass die Realität langsam, aber stetig dem Medienvorbild folgen wird. Von den Sendern muss verlangt werden, dass sie ein ausgewogenes Programm anbieten und die Zurschaustellung von Gewalt reduziert wird. Eine 'Gewaltquote', der Anteil von Sendungen mit Gewalt in Relation zur Gesamtsendezeit pro Sender, sollte eingeführt werden. Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche fernsehen, sollten generell gewaltfrei sein."

Eine weitere Passage ist den sogenannten "Killerspielen" sowie Chatrooms gewidmet:

"Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Spiele, ob über Internet oder auf dem PC, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, gehören verboten. Gleiches gilt für alle Gewalt verherrlichenden Spiele, deren Aufbau und Darstellung sehr realistisch sind und bei denen viel Blut fließt."

"Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet. In der virtuellen Welt werden heute anonym und gefahrlos Gedankengänge artikuliert und diskutiert, die eine Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellen. Wie diese Aktivitäten eingedämmt werden können, wissen wir nicht. Es darf aber nicht sein, dass sich junge Menschen anonym gegenseitig aufhetzen und zu Gewalteskalationen auffordern."

Auch die Darstellung des Amoklaufs in den Medien ist Thema des Briefes:

"Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge."

"Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten."

Tatsächlich gab es nach Angaben der Polizei bereits hunderte Drohungen von Schülern, es dem Winnender Täter gleich zu tun.

AP/DPA / AP / DPA