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Anne Wizorek: Die Frau schreit auf

Mit der Twitter-Aktion #aufschrei hat Anne Wizorek der Sexismus-Debatte einen neuen Impuls gegeben. Und bei "Günther Jauch" Millionen von Fernsehzuschauern beeindruckt.

Von Sophie Albers und Sebastian Schneider

Mit der Berlinerin Anne Wizorek hat die Sexismus-Debatte ein neues Gesicht. Wizorek ist sehr jung, sehr wütend und ausgesprochen souverän. Das hat sie am Sonntagabend in der Sendung von Günther Jauch gezeigt, wo sich die 31-Jährige zwischen dem Moderator und der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin gegen Helmut Karaseks Herrenwitze und Wibke Bruhns' eigenartige Biologismen zu behaupten wusste. Es sei ihr schwergefallen, Bruhns "keinen headbutt", also eine Kopfnuss, zu geben, schimpfte Wizorek später auf Twitter.

Es war ihr erster Auftritt in einer Talkshow. Fünf Millionen Menschen haben zugesehen. Seitdem ist Wizorek berühmt - und hasst ihre Telefone. Der Tag sei "total zu mit Interviews und Terminen", mailt sie. Das zerre an ihren Nerven.

Wizorek beschreibt sich selbst als "Nerdette mit Wohnsitz Internet und Berlin", "freie Beraterin für digitale Strategien & Onlinekommunikation". Sie ist ein Kind des digitalen Zeitalters, ihre Spuren im Netz sind breit gestreut, sie zeugen von Haltung und einer Kämpfernatur. Feminismus ist eines von Wizoreks Hauptthemen, zu dem sie regelmäßig bloggt, sie ist Mitorganisatorin des "Slutwalks" und in einem Interview für den Think-Tank einer Jugendorganisation der Europäischen Kommission hat sie ihr Ziel schon im Mai 2012 auf den Punkt gebracht: Sie habe ihr Literaturstudium abgebrochen, weil sie etwas tun wolle, das Einfluss nehme, sagt sie da. Etwas, das die Welt verändere.

Gegen den ganz alltäglichen Sexismus

In der vergangenen Woche war in einem ihrer Blogs "KleinerDrei" ein Beitrag erschienen, der sich mit der britischen Kampagne "Everyday Sexism" beschäftigte. Dort werden auf Twitter unter dem Hashtag ShoutingBack seit Anfang Januar Beiträge über den alltäglichen Sexismus in Großbritannien gesammelt.

"Ich wollte solche Berichte auch in Deutschland bündeln - weil diese Debatte hier längst überfällig ist", sagt Anne Wizorek, als stern.de sie endlich am Telefon hat. Deshalb rief sie am Donnerstag dazu auf, dass deutsche Mädchen und Frauen ihre Erfahrungen twittern - unter dem Hashtag Aufschrei. Seitdem rauschen die 140 Zeichen-Botschaften über den Bildschirm. Mittlerweile sind es weit über 60.000. "Die Menschen, die mir schreiben, sind wahnsinnig erleichtert, dass endlich über dieses Thema gesprochen wird", sagt Wizorek. Am Sonntag saß sie dann in Günther Jauchs Talkshow.

Doch gebracht habe die Runde wenig, sagt sie. "Die Diskussion war unstrukturiert und viel zu sehr auf den Fall Rainer Brüderle beschränkt. Das Problem geht aber doch viel tiefer." Sie will die Debatte vorantreiben. Nicht nur auf Twitter, das werde zu schnell vergessen, das sei zu flüchtig, sagt Wizorek. Deshalb hat sie nun eine eigene Website eingerichtet: alltagssexismus.de, wo Betroffene anonym ihre Erlebnisse aufschreiben können. "Eure Geschichten helfen, darauf aufmerksam zu machen", steht da. Denn "Sexismus ist keine Bagatelle, sondern ein ernsthaftes Problem, das wir nicht akzeptieren wollen."

Wizorek handelt jetzt, wie sie schon in dem Video vom Mai 2012 gesagt hat: "Wir reden viel über diese Probleme, aber wir handeln nicht. Wir bringen sie nicht auf die Straße." Neben der Website will sie deshalb auch Demonstrationen organisieren. "Unser Ziel muss sein, dass Sexismus im Alltag offen angesprochen werden kann und sich die Opfer nicht mehr im Stillen schämen müssen. Bis jetzt wird die Schuld viel zu oft beim Opfer, anstatt beim Täter gesucht", sagt Wizorek. Und damit ändert sie die Welt vielleicht ein bisschen.

Von:

und Sebastian Schneider