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Mutmaßlicher Attentäter von Berlin: So hat Amri die deutschen Behörden ausgetrickst

Eine Belohnung von 100.000 Euro ist auf ihn ausgesetzt: Ganz Europa sucht nach dem mutmaßlichen Attentäter von Berlin, Anis Amri. Er war den Behörden als "Gefährder" bekannt, gar wurde zwischenzeitlich gegen ihn ermittelt. Trotzdem konnte er untertauchen.

Anis Amri

Der mutmaßliche Attentäter von Berlin, Anis Amri, hat laut rbb Kontakte zu einer Moschee in Berlin-Moabit unterhalten

Zwei Tage vor Weihnachten läuft die Fahndung nach dem Attentäter von Berlin in Deutschland und Europa weiter auf Hochtouren. Die Ermittler konzentrierten sich nach wie vor auf den als "Gefährder" eingestuften Tunesier Anis Amri, für den die Bundesanwaltschaft am Mittwoch einen Fahndungsaufruf veröffentlichte. Sie bat um Hinweise aus der Bevölkerung und setzte eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro aus. Zugleich wurde gewarnt, der 24-Jährige "könnte gewalttätig und bewaffnet sein".

Bevor Amri im Juli 2015 nach Deutschland kam, verbrachte er italienischen Medienberichten zufolge vier Jahre in Italien. Er sei 2011 nach Italien gekommen und dann wegen Brandstiftung in einer Schule zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden.

"Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat"

Die Zeitung "Die Welt" berichtete unter Berufung auf italienische Regierungsquellen, Amri sei 2011 im Ort Belpasso nahe der sizilianischen Hauptstadt Catania verhaftet worden. Seine Strafe verbüßte er demnach in Haftanstalten in Catania und Palermo. Im Mai 2015 sei er in Abschiebehaft in die zentralitalienische Stadt Caltanissetta verlegt worden. Wenige Wochen später sei er entlassen worden und nach Deutschland weitergereist.

Die deutschen Behörden gingen in den vergangenen Monaten deutlichen Hinweisen auf die Gefährlichkeit des Mannes nach. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD) bestand der Verdacht auf die "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat". Die Ermittlungen wurden daraufhin in Berlin vom dortigen Generalstaatsanwalt geführt.

Amri von März bis September observiert

Laut Generalstaatsanwaltschaft wurde Amri von März bis September observiert. Es habe Informationen gegeben, dass er sich automatische Waffen beschaffen wollte - "möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", erklärte die Justizbehörde. Der Verdacht habe sich aber letztlich nicht erhärtet, so dass "keine Grundlage" für weitere Überwachungsmaßnahmen mehr bestanden habe.


Amris Asylantrag wurde in diesem Sommer abgelehnt. Jäger zufolge konnte er aber nicht abgeschoben werden, "weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte" und Tunesien zunächst bestritt, dass er Bürger des Landes sei. Die Abschiebung sei letztlich wegen fehlender Passersatzdokumente aus Tunesien gescheitert. Die tunesischen Behörden hätten diese nun am Mittwoch überstellt, fügte Jäger hinzu.

"Ich kann nicht glauben, das er das Verbrechen begangen hat"

Tunesische Anti-Terror-Ermittler befragten derweil die Familie des Gesuchten in dessen Heimat, wie AFP aus Sicherheitskreisen in Tunesien erfuhr. Die Eltern leben in der Stadt Oueslatia. Amri war demnach in Tunesien mehrfach wegen Drogendelikten festgenommen worden. 2011 sei er von Tunesien nach Italien gelangt.

Seine Geschwister äußerten Zweifel, dass er für den Anschlag verantwortlich sei. "Als ich das Foto meines Bruders in den Medien gesehen habe, habe ich meinen Augen nicht getraut", sagte der Bruder Abdelkader Amri in Tunesien AFP. "Ich kann nicht glauben, das er das Verbrechen begangen hat." Sollte sich wider Erwarten doch herausstellen, dass sein Bruder für den Anschlag verantwortlich sei, verdiene er "jede Strafe", fügte er hinzu.

Bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche nahe dem Kurfürstendamm wurden am Montag zwölf Menschen getötet. Fast 50 weitere Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Anschlag für sich und erklärte, die Tat sei von einem ihrer "Soldaten" begangen worden.

amt / AFP