Architektur Die Wiederentdeckung der Nazi-Embleme


Hakenkreuze sind verboten und auch als Hausschmuck nicht sonderlich beliebt. Doch es gibt sie noch, die NS-Insignien in Decken, Häuserfronten und Fußböden. Historiker fordern den Erhalt dieser Nazi-Hinterlassenschaften.

Das Corpus Delicti war ein gerade 15 Zentimeter großes Stück Blech. Dennoch war die Aufregung groß, als Unbekannte das Stück im Mai aus einem Regenrohr am Lübecker Holstentor schnitten. Denn auf dem Blech prangte ein Hakenkreuz, das dort 71 Jahre zuvor eingestanzt worden war. In rund zwölf Meter Höhe hatte das Nazi-Symbol jahrzehntelang fast unbemerkt überdauert. Die Hansestadt hatte geplant, das Emblem mit einer Kupferplatte zu verdecken.

"Der Beschluss dazu war bereits 1990 gefallen", sagt Stadtsprecher Marc Langentepe entschuldigend. Aus Kostengründen habe man aber eine Sanierung des Lübecker Wahrzeichens abgewartet. Dem waren die Diebe nun zuvor gekommen.

Dabei hat sich der Umgang mit den dauerhafteren Hinterlassenschaften der Nazi-Zeit in Deutschland grundlegend gewandelt. Während sich die Alliierten nach Kriegsende bemüht hatten, die Insignien des dritten Reiches möglichst komplett zu beseitigen, gelten die architektonischen Relikte des schwärzesten Kapitels deutscher Geschichte Denkmalpflegern durchaus als erhaltenswert. Und wenn irgendwo Hakenkreuze entdeckt werden, werden sie nicht gleich weggemeißelt.

Hakenkreuze hinter Gips

So wurden über Türen im ehemaligen Reichinnenministerium in der Berliner Dorotheenstraße Hakenkreuze freigelegt, die zu DDR-Zeiten hinter Gips versteckt waren. Die Bundestagsverwaltung, die das Gebäude nutzt, ließ Tafeln mit historischen Erläuterungen anbringen. Allerdings sind die Räume nicht öffentlich zugänglich. Nicht einmal Fotografieren ist nach Angaben einer Parlamentssprecherin erlaubt.

Der Kunsthistoriker Matthias Donath plädiert dagegen für mehr Offenheit. "Solche Symbole sollte man erklären und nicht verstecken", sagt er. Schließlich gehe von ihnen keine Gefahr mehr aus. Donath sieht in übrig gebliebenen Nazi-Symbolen einen pädagogischen Wert. "Heute können sich viele gar nicht mehr vorstellen, von welchem Meer an Symbolen die Menschen im Dritten Reich umgeben waren", sagt er. Auch der Lübecker Stadtsprecher Langentepe plädiert für einen "gelassenen Umgang" mit Symbolen, die letztlich Dokumente der Zeitgeschichte seien. Doch habe man auch "seltsame Diskussionen" befürchtet, hätte man das Hakenkreuz belassen, sagt er.

Der Hamburger Politikwissenschaftler Peter Reichel findet es dagegen "reichlich albern", heute noch alle NS-Überbleibsel tilgen zu wollen. Zwar sei die umfangreiche Symbolvernichtung der Besatzungsmächte nach 1945 verständlich. "In der Stunde der Not war alle Emblematik einschließlich der Hymne belastet", sagt der Professor, der gerade ein Buch über die Geschichte deutscher Nationalsymbole veröffentlicht hat. Aus heutiger Sicht seien manche Nazi-Bauten wie die Wolfsburger Autostadt sogar "prototypisch für Industrie und Technik", sagt er.

Eher archaisch mutet dagegen die einstigen NS-"Ordensburg" Vogelsang in der Eifel an. In einem Steinfußboden eingelassen versteckt sich hier noch ein etwa drei mal drei Meter großes Hakenkreuz. Das Riesensymbol war nach Angaben von Franz Albert Heinen vom Verein "Lernort Vogelsang" jahrelang unter Trainingsmatten der belgischen Armee verborgen. Nach der 2006 geplanten Rückgabe des Komplexes an die Bundesrepublik soll das einstige NS-Schulungszentrum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Heinens Verein setzt sich für eine möglichst pädagogische Nutzung des Geländes ein. Damit der Ort nicht zur Pilgerstätte für Neonazis wird, sollen Besucher nur in Führungen in die Gebäude gelassen werden, sagt er.

Geschickt verflochtene Hakenkreuze in Marburg

Anderswo überdauerten geschickt verflochtene Hakenkreuze die Zeit. Eines ist etwa in einem mäandernden Deckenfries des Hessischen Staatsarchivs in Marburg zu entdecken. Eine Entfernung würde die Zerstörung des gesamten Frieses bedeuten, wie die stellvertretende Archiv-Direktorin Uta Löwenstein sagt. Zudem stehe das Gebäude unter Denkmalschutz.

Auch über Fenstern der ehemaligen Reichsbankfiliale in Koblenz und in einem Deckenmosaik auf dem Nürnberger Reichsparteitaggelände kann man Hakenkreuze ausmachen. Und in Berlin hockt noch ein steinerner Reichsadler vor dem Finanzamt Charlottenburg, der in seinen Klauen die Hausnummer hält: Eingeweihte wissen, dass der Raubvogel einst ein Hakenkreuz umklammerte. Spurlos verschwunden bleibt dagegen das Lübecker Hakenkreuz. Die Staatsanwaltschaft will nun ihre Ermittlungen wegen Diebstahls einstellen, so ein Sprecher der Ermittlungsbehörde.

Nikolaus von Twickel/AP AP

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