Armutsbericht Warum viele Deutsche arm sind


Der Armutsbericht der Bundesregierung hat gezeigt: Jeder achte Deutsche ist von Armut bedroht. Doch wieso eigentlich? Welche Risikofaktoren gibt es? stern.de erklärt, warum die steigende Armut auch vor so reichen Industrienationen wie Deutschland nicht halt macht.
Von Lisa Louis

Armut wird auf unterschiedliche Weisen definiert. Sie kann sich einerseits nur auf finanzielle Größen beziehen: Die Vereinten Nationen und die Weltbank sprechen von Armut, wenn Menschen weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung haben. Dies ist eine absolute Armutsdefinition. Jedoch gibt es auch relative Armut: Für die Bundesregierung sind Menschen arm, die 60 Prozent oder weniger des deutschen Durchschnittseinkommens verdienen - konkret: 781 Euro netto im Monat. Diese zwischen den EU-Mitgliedsstaaten vereinbarte Definition wird als "Armutsrisikoquote" bezeichnet. Armut dokumentiert so die auf einen mittleren Lebensstandard bezogene finanzielle Benachteiligung.

Andererseits bedeutet Armut nicht nur fehlendes Einkommen, sondern auch soziale Ausgrenzung. Dem Nobelpreisträger Amartya Sen zufolge ist Armut ein Mangel an Verwirklichungschancen - das heißt, es fehlt die Möglichkeit einer gesellschaftlich üblichen Lebensweise. Dieses Konzept liegt auch dem sozio-kulturellen Existenzminimum im Sozialhilferecht zugrunde: Arm ist, wer sozial ausgegrenzt ist, weil er nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.

Doch warum genau sind Menschen arm? Was trägt dazu bei und wie kann man sich davor schützen? stern.de erklärt die wichtigsten Ursachen der Armut.

Risiko Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit ist die Hauptursache von Armut und sozialer Ausgrenzung. Denn: Ohne Arbeit bleiben Menschen nur Vermögenseinkommen oder aber staatliche oder private Transfers als Einkommensquelle. In Deutschland ist die Anzahl der Arbeitslosen 2008 auf unter 3,5 Millionen Menschen gesunken - 2005 lag sie noch bei über fünf Millionen. Viele Menschen können aber von ihrem erzielten Einkommen nicht mehr leben und sind auf zusätzliche staatliche Unterstützung angewiesen.

Die stern.de-Infografik zeigt, wie hoch der Anteil der Hartz-IV-Empfänger in den einzelnen Bundesländern ist.

Außerdem sind die Unterschiede zwischen den Arbeitseinkommen gestiegen: Der Anteil der höheren Einkommen wuchs, der der niedrigen Einkommensgruppen sank. Hinzu kommt, dass ein Drittel anstelle von zuvor einem Viertel der Beschäftigten im Niedriglohn-Bereich arm sind, also gemäß der Armutsrisikoquote weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen.

Risiko Demografie

Unser Rentensystem beruht auf dem Äquivalenzprinzip. Das heißt, die erwerbstätige, junge Bevölkerung kommt für die ältere Rentner-Bevölkerung auf. Eine steigende Lebenserwartung gepaart mit einer sinkenden Zahl von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten führt aber zu einem wachsenden Finanzierungsproblem.

Hierzulande bekommt dem Statistischen Bundesamt zufolge jede Frau im Durchschnitt weniger als 1,5 Kinder in ihrem Leben. Um ohne Zuwanderung die Einwohnerzahl auf gleichem Niveau zu halten, müssten 2,1 Kinder pro Frau geboren werden. Wer da nicht zusätzlich privat fürs Alter vorsorgt, kann leicht unter die Armutsgrenze rutschen.

Die stern.de-Infografik zeigt, wo die Gefahr der Altersarmut am höchsten ist. Zu einer geringen Rente tragen auch lange Phasen schlecht bezahlter selbständiger Tätigkeit, geringfügiger Beschäftigung und Arbeitslosigkeit bei.

Risiko Überschuldung

Als überschuldet werden Haushalte bezeichnet, in denen Einkommen und Vermögen aller Haushaltsmitglieder über eine längere Zeitspanne trotz Verminderung des Lebensstandards nicht ausreichen, um fällige Forderungen zu begleichen. In der Armutsstatistik tauchen diese Haushalte jedoch nicht auf, wenn sie ein Einkommen über der Armutsgrenze erzielen.

Auch bei Überschuldung ist die häufigste Ursache Arbeitslosigkeit - sie führt zu erheblichen Einkommenseinbußen. Risikofaktoren sind weiterhin gescheiterte Selbständigkeit, Trennung oder Tod des Partners. Zudem können mangelnde wirtschaftliche Kenntnisse dazu führen, dass man seinen eigenen finanziellen Spielraum überschätzt. Überschuldung kann nicht nur dazu führen, dass ein Haushalt de facto unter die Armutsgrenze rutscht, sondern hat häufig auch Auswirkungen auf den sozialen Status und die psychische und physische Befindlichkeit.

Risiko Kinder

Dem Bericht des Bundesarbeitsministeriums zufolge verstärkt sich die Tendenz zu neuen Formen des Zusammenlebens: Immer mehr Kinder leben in Haushalten von Alleinerziehenden und nichtehelichen Gemeinschaften. Je mehr Haushaltsmitglieder im erwerbsfähigen Alter dabei arbeitslos sind, desto höher ist das Risiko, in die Armut abzurutschen - im Extremfall steigt es auf 48 Prozent.

Gerade bei Alleinerziehenden ist es deshalb wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Bund, Länder und Kommunen wollen bis 2013 Betreuungsplätze in Kindertagesstätten für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren schaffen. Seit 2007 wird Geringverdienern während der Elternzeit 100 Prozent ihres Gehalts ersetzt.

Risiko Bildungsmangel

Bildung ist Voraussetzung für gute Ausbildungs- und Beschäftigungschancen. In Deutschland haben jedoch allein im Jahr 2006 7,9 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Der Anteil der frühen Schulabgänger in Deutschland lag im selben Jahr bei 13,8 Prozent. Das sind Menschen ohne Fachhochschul- oder Hochschulreife und ohne beruflichen Bildungsabschluss. Dieser Wert liegt über dem europäisch vereinbarten Zielwert von zehn Prozent bis zum Jahr 2010.

Die Bildungschancen des Kindes hängen in Deutschland zudem immer noch stark vom sozialen Hintergrund der Eltern ab. 83 Prozent der Kinder von Akademikern studieren, bei Nichtakademikern sind es nur 23 Prozent. Der soziale Aufstieg fällt so umso schwerer, hat doch der berufliche Bildungsabschluss einen entscheidenden Einfluss auf Beschäftigung und Einkommen.


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