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Atomwaffenlager Büchel: Die Bombe ist 'ne Jobmaschine

Im Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz lagern, ohne dass es je offiziell bestätigt wurde, die letzten US-Atomwaffen auf deutschem Gebiet. Graust es den Anwohner vor der Bombe? Es graust ihnen noch mehr davor, ihren Job zu verlieren. Ein Ortstermin.

Von Katharina Schönwitz, Büchel

Richard Benz mag sich ein Leben ohne die Bombe nicht vorstellen. "Das würde die Region nur schwer verkraften", sagt der ehrenamtliche Bürgermeister in seinem winzigen Büro im Erdgeschoss der Grundschule. Mitten in der Eifel, auf halber Strecke zwischen Nürburgring und dem Flughafen Hahn, liegt das 1263-Seelen-Dorf Büchel im Landkreis Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz, hübsch eingebettet zwischen Mischwald und Kartoffeläckern. Ein Dorf, wie es wahrscheinlich Hunderte in Deutschland gibt. Wären da nicht die Atombomben.

Wenige Schritte vom Dorfrand entfernt riegelt ein neun Kilometer langer Maschendrahtzaun die Flugbahnen , Kasernen und Hangars ab. Startende und landende Tornados sind zu hören. Es gibt kein Schild, das erklärt, was sich hinter dem Zaun verbirgt. Dort liegt der Fliegerhorst Büchel, der dem Jagdbombergeschwader 33 der Bundeswehr als Basis dient und der Nato unterstellt ist. Rund 1200 Bundeswehrsoldaten sind hier stationiert, hinzu kommen etwa hundert amerikanische Soldaten - und zehn bis zwanzig US-Atombomben des Typs B-61. Jede hat die 26fache Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe. Es sind die einzigen Atomwaffen, die in Deutschland verblieben sind.

Der Bundestag und die Atomwaffen

Wenn es sie überhaupt gibt. Offiziell gibt es dazu keine Auskünfte. "Geheimhaltungsgrundsatz" heißt es in der "Drucksache 16/568" der Bundesregierung aus dem Jahr 2006 auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Links-Partei. Und dann geht es im besten Beamtendeutsch weiter: "Zur Gewährleistung eines Höchstmaßes an Schutz und Sicherheit dienen neben infrastrukturellen, technischen und verfahrensmäßigen Maßnahmen besonders die Mittel der Geheimhaltung dazu, rechtswidrigen Angriffen und Störungen auf eventuell gelagerte Nuklearwaffen und damit möglichen Risiken für Bevölkerung und Umwelt vorzubeugen."

Dass in Deutschland immer noch Atombomben lagern, gilt jedoch als sicher. Deren sofortigen Abzug forderten am Freitag alle drei Oppositionsfraktionen - inspiriert von der Vision des US-Präsidenten Barack Obama, eine Welt ohne Atomwaffen schafften zu wollen. Die Große Koalition jedoch lehnte die Anträge ab. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach sich zwar generell für einen Abzug der Atomwaffen aus Deutschland aus, aber ohne einen konkreten Zeitraum zu nennen.

Ramstein, Memmingen und Büchel

Friedensforscher Otfried Nassauer, der seit 1991 das Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS) in Berlin leitet, ist sich sicher, dass in Büchel Atomwaffen lagern. "Nur dort gibt es nukleare Sicherheitsinspektionen und unterirdische Lagerungssysteme, sogenannte Weapons Storage Vaults. Hinzu kommt, dass in Büchel die deutsche Luftwaffensicherung 'S' für Sonderwaffen stationiert ist und amerikanische Spezialisten, die für die Wartung von Atomwaffen zuständig sind", sagt Nassauer zu stern.de.

Auch in Ramstein und Memmingen waren bis vor wenigen Jahren mit ziemlicher Sicherheit Atombomben stationiert. Die US-Armee hat sie inzwischen abgezogen, das geht aus öffentlichen Dokumenten hervor, in denen die US-Armee über Sicherheitsinspektionen an Nuklearstandorten informiert. Ramstein fehlte 2007 erstmals, Memmingen wurde inzwischen geschlossen. Anders als Büchel.

Der Commander singt

"Ich bin mir sicher, kämen die Atombomben weg, würde der Fliegerhorst zwei Jahre später ebenfalls geschlossen", sagt Bürgermeister Benz. Das Militär ist der größte Arbeitgeber der Region. Allein 600 Zivilbeschäftigte arbeiten im Luftwaffenstützpunkt, darunter Gärtner, Sekretärinnen und Köche. "Wir haben nur zwei bis drei Prozent Arbeitslose in Büchel. Würden die Soldaten abziehen, wären es auf einen Schlag zwanzig", sagt Benz. Hauptberuflich betreibt Benz eine Tischlerei, die schon etliche Aufträge vom Nato-Stützpunkt erhalten hat. Er durfte das streng bewachte Gelände deshalb mehrmals betreten und hat dort zum Beispiel Türen mit Folien beschichtet.

Benz, der sich für das Gespräch extra ein blaues Jackett übergezogen hat, schwärmt vom gutnachbarschaftlichen Verhältnis zwischen Fliegerhorst und Dorf. Vier amerikanische Familien wohnen im Ort, der Commander ist im Männergesangsverein, und die ausländischen Gäste essen im Wirtshaus inzwischen auch "Dippekochen", eine Art Reibekuchen, die zu den Spezialitäten der einheimischen Küche gehört. Hat er keine Angst vor den Atomwaffen? Nein, sagt Benz. Aus eigener Erfahrung und aus vielen Erzählungen wisse er, wie die Sicherungssysteme im Militärstützpunkt funktionieren. "Ohne Einladung aus dem Stützpunkt kommt da keiner rein. Man muss Formulare ausfüllen, seinen KFZ-Schein vorlegen und den Personalausweis abgeben. Darüber hinaus gibt mehrere Sicherheitsringe. Die äußeren werden von den Deutschen vor Eindringlingen bewacht, der innerste von den Amerikanern. In den innersten kommen nur diejenigen hinein, die direkt mit den Bomben zu tun haben. Sonst absolut niemand."

Ein vertuschter Unfall?

Elke Koller lässt sich davon nicht beruhigen. Sie wohnt drei Kilometer Luftlinie vom Luftwaffenstützpunkt weg und arbeitet im Nachbarort Kaisersesch als Apothekerin. "Als ich 1980 das Haus kaufte, hatte ich keine Ahnung, dass hier Atomwaffen unter der Erde liegen. Das habe ich durch Zufall 1996 aus der Zeitung erfahren", erklärt sie empört. "Ich finde es eine Frechheit, dass die Bevölkerung nicht darüber aufgeklärt wird." Seitdem kämpft Elke Koller gegen die Atomwaffen. Sie ist Mitglied der Friedensgruppe Zell, sowie des "Initiativkreises gegen Atomwaffen", der mit 47 weiteren Organisationen in den Trägerkreis "Atomwaffen abschaffen" eingebunden ist.

Das kommt in der ländlichen Region nicht gut an. Wie Koller berichtet, wurde sie schon mehrfach beim Verteilen von Flugblättern mit Spaten oder Gartenscheren bedroht, in der Apotheke lassen sich manche Kunden nicht von ihr bedienen. Die Begründung ist immer dieselbe: Elke Koller gefährde mit ihrem Widerstand Arbeitsplätze. "Das ist ein typisches CDU-Argument. Die Leute glauben das einfach und kuschen. Über die Gefahren ist sich kaum einer im Klaren." Die promovierte Pharmazeutin vermutet, dass es Anfang der 80er Jahre einen Atomunfall gegeben hat, der vertuscht wurde. "Unter den Wachleuten wurde damals eine Häufung von Krebsfällen festgestellt. Daraus schließen wir, dass von dem hochgiftigen Tritium etwas ausgetreten ist und die Männer verstrahlt wurden."

Das Problem mit der Schraube

Die Sorge Elke Kollers und ihrer zwei Dutzend Mitstreiter kann Friedensforscher Otfried Nassauer verstehen. Zwar seien die Magazine, in denen sich die Waffen befinden, so konstruiert, dass sie sowohl einem Feuer als auch einem bewaffneten Angriff eine Zeit lang standhalten würden. "Trotzdem stellte im Februar 2008 eine Expertengruppe der US-Luftwaffe fest, dass die meisten der Nuklearwaffenlagerstätten in Europa die strengen Sicherheitsanforderungen des US-Verteidigungsministeriums nicht mehr erfüllen", sagt der Experte. "Die Waffen seien zwar im Grundsatz sicher gelagert, heißt es darin. Mängel an Zäunen, Beleuchtungen und Gebäuden müssten aber mit hohem finanziellen Aufwand beseitigt werden. In den Geschwadern, die neben ihren nuklearen immer mehr konventionelle Aufgaben erfüllen, werde die für die Nuklearwaffen erforderliche, strikte Sicherheitskultur oft nicht eingehalten."

Doch er sieht auch noch ein ganz anderes Problem. Denn sobald die Atomwaffen aus ihrer Gruft gehoben würden, zum Beispiel bei Wartungsarbeiten, bestehe das Risiko eines menschlichen Fehlers. "Wenn eine Schraube der Halterungssysteme nicht richtig angezogen wird und so eine Bombe auf den Boden knallt, könnte Strahlung austreten." Explodieren könne sie dadurch jedoch nicht. Dazu müsste sie erst gezündet werden. "Dafür braucht man einen Code aus dem Pentagon, der nur in einem bestimmten Zeitraum, den ich aber nicht spezifizieren möchte, eingegeben werden muss, ansonsten zerstört sich die Bombe selbst." Die Angst der Atomwaffenbefürworter vor dem Verlust der Arbeitsplätze hält Nassauer für falsch. Denn das Nachfolgemodell der Tornados, der Eurofighter, sei schon bestellt, das Militär werde den Fliegerhorst weiter nutzen - völlig unabhängig davon, was mit den Atombomben passiere.

Bombenstimmung in Büchel

Vielen Dorfbewohner sind solche Überlegungen freumd. Beim Bäcker, an der Imbissbude oder Tankstelle ähneln sich die Kommentare: "Was soll denn passieren? Die sind doch so streng bewacht. Wir sind ja froh, dass wir sie haben. Da hängen so viele Arbeitsplätze dran." Und wer trotzdem zweifelt, muss sich auf eine geballte Ladung schwarzen Humors gefasst machen. "Bei uns im Dorf herrscht eine Bombenstimmung", sagt ein Kunde in der Tankstelle gut gelaunt, "deswegen strahlen wir hier auch alle so."

  • Katharina Schönwitz