Auslandsstudium Deutsche Studenten gehen gerne fremd


Immer mehr deutsche Studenten kehren den Heimatunis den Rücken. Innerhalb von 30 Jahren hat sich die Zahl der im Ausland Eingeschriebenen versiebenfacht. stern.de präsentiert die neue Liste der Lieblingsgastländer - und einige Überraschungen.

Fast 76.000 deutsche Studenten waren 2005 an ausländischen Hochschulen eingeschrieben. Damit ist die Zahl der im Ausland Studierenden in den Jahren von 1995 bis 2005 um 80 Prozent gestiegen. Im Vergleich zu 1975 hat sich die Zahl sogar versiebenfacht. Damals hatten sich gerade einmal 11.300 Studenten einer ausländischen Alma Mater anvertraut.

Niederlande ist das beliebteste Studienziel der Deutschen

Seit 1975 wanderten fast jedes Jahr mehr Deutsche aus als im jeweiligen Vorjahr - für ein Semester oder gleich für das ganze Studium. Ein Langzeittrend also. Allerdings gab es bei den Zahlen, die das Statistische Bundesamt jetzt veröffentlicht hat, einige Überraschungen. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2005 bei den im Ausland Eingeschriebenen einen ungewöhnlich sprunghaften Anstieg von 14 Prozent. Regelrecht von deutschen Studenten überrannt wurden Österreich (plus 43,9 Prozent) und die Niederlande (plus 38,3 Prozent). Seit 2000 hat sich an den österreichischen Hochschulen die Zahl der Kommilitonen aus dem nördlichen Nachbarland fast verdoppelt. In den Niederlanden hat sich die Zahl der eingeschriebenen Deutschen im selben Zeitraum sogar mehr als verdreifacht.

Eine weitere Überraschung: Das beliebteste Zielland waren 2005 erstmals die Niederlande. Mit 15,7 Prozent aller im Ausland eingeschriebenen Deutschen überholten sie den Vorjahreschampion Vereinigtes Königreich (15,3 Prozent). Dritter wurde Österreich mit 13,4 Prozent. Als bestplatziertes nichteuropäisches Land schafften es die USA auf Platz vier (11,6 Prozent). Australien schaffte es als zweites Überseeziel in die Top Ten: Platz 8 mit 3,7 Prozent. China, in der Schul- und Hochschulpolitik als Zukunftsland in aller Munde, liegt in der Gunst deutscher Studenten erst an dreizehnter Stelle.

Australien startet durch, USA rutschen auf Platz 4 ab

Die USA, die die Liste der Lieblings-Studierländer im Jahr 2000 noch angeführt hatten, haben diese Position nach den Anschlägen des 11. September 2001 und ihren gesellschaftlichen wie politischen Folgen endgültig eingebüßt. Eine abschreckende Folge der Anschläge für ein Auslandsstudium sind die verschärften Einreisebedingungen, die ausländischen Studenten bei ihren ohnehin zeitaufwendigen study-abroad-Vorbereitungen immer höhere Hürden in den Weg stellen. Dass sich nach Jahren des Rückgangs 2005 erstmals wieder etwas mehr Deutsche in US-Hörsäle wagten (plus 2,2 Prozent), hilft dem einstigen Dauersieger der Gastland-Tabelle wenig: Er rutscht ab auf Platz vier - bedrängt von der Schweiz, die auf ihrem Konto ein Plus von 10 Prozent verzeichnen kann.

Ein anderes englischsprachiges Land legte dagegen auf der studentischen Beliebtheitsskala einen regelrechten Senkrechtstart hin: 1996 waren deutsche Studenten in Australien noch echte Exoten auf dem Campus - nicht einmal 200 von ihnen verirrten sich dorthin. Im Jahr 2005 tummelten sich schon knapp 2800 in den Hörsälen zwischen Perth und Sydney. Hochschulbildung ist in Australien inzwischen neben Tourismus zu einem der zentralen Wirtschaftszweige aufgestiegen.

Gut zwei Drittel der deutschen Studierenden wählten für ihren Auslandsaufenthalt einen EU-Mitgliedstaat, weitere 12 Prozent gingen in andere Staaten Europas. Rund 24.000 Studierende der 75.800 im Ausland eingeschriebenen absolvierten ein oder mehrere Semester innerhalb des EU-geförderten ERASMUS-Programms. Spanien, das in der Rangliste erst auf Platz zwölf auftaucht, hat mit einem statistischen Handicap zu kämpfen: Seit 2004 werden hier die ERASMUS-Teilnehmer nicht mehr in die Gesamtzahl der Studierenden eingerechnet.

Andere Gastländer, andere Studiensitten

Die Fächergruppenverteilung unterscheidet sich in den Zielländern erheblich. Beim Spitzenreiter Niederlande entschieden sich 44 Prozent der deutschen Kommilitonen für ein Studium in der Fächergruppe "Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften". In Frankreich dagegen interessieren sich die deutschen Gäste besonders für das Schöne, Gute und Wahre: 45 Prozent sind im Fächerblock "Sprach- und Kulturwissenschaften, Sport" eingeschrieben - ein Indiz dafür, dass deutsche Studenten sich im Land der Liebe besonders für die kulturellen Eigenheiten und Vorzüge ihrer einheimischen Kommilitonen interessieren. An den deutschen Unis belegen lediglich 23 Prozent der Studenten Kurse in diesem Fachbereich.

Auch andere Länder locken mit ihren Vorzügen. Österreich, Ungarn und die Tschechische Republik etwa sind bei deutschen Medizinstudenten überdurchschnittlich beliebt - viele der dort eingeschriebenen Deutschen sind Numerus-Clausus-Flüchtlinge, denen an heimischen Unis wegen ihres Abiturschnitts kein Studienplatz offensteht. In Ungarn waren 2005/2006 über 70 Prozent aller deutschen Studierenden in „Humanmedizin“ eingeschrieben - an vielen Universitäten wurden eigens deutschsprachige Kurse eingerichtet.

Ebenfalls attraktiver: Auslandsstudium in Deutschland

Trotz der Auswanderungswelle der deutschen Studierenden - die Uni-Rektoren müssen sich keine Sorgen um Hörsaal-Leerstände machen: Auch Deutschland ist in den letzten Jahren als Zielland für ein Auslandsstudium immer beliebter geworden. Im Wintersemester 2005/2006 waren an deutschen Hochschulen insgesamt 189.450 Studierende eingeschrieben, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben hatten. Damit hat sich deren Zahl innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt.

Die größte Gruppe der Gaststudenten kam im Wintersemester 2005/2006 aus dem Reich der Mitte in die Mitte Europas: 27.390 chinesische Studenten waren an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Mit 22.419 stellten die Studenten türkischer Herkunft die zweitgrößte Gruppe. Jeweils über 10.000 Studenten kamen aus Polen, Bulgarien und der Russischen Föderation.

Markus Wanzeck

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