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Aussage eines Augenzeugen: Pistorius schluchzt auf der Anklagebank

Der vierte Tag im Mordprozess gegen Oscar Pistorius verläuft dramatisch. Zum ersten Mal berichtet ein Augenzeuge vom Tatort. Für den Paralympics-Star sind die Schilderungen kaum zu ertragen.

Der Mordprozess gegen den südafrikanischen Paralympics-Star Oscar Pistorius verläuft zunehmend emotional: Als am vierten Prozesstag der erste Augenzeuge vom Tatort über die schrecklichen Ereignisse der Tatnacht berichtete, zeigte sich Pistorius tief ergriffen. Der 27-Jährige schluchzte, weinte, hielt sich zeitweise die Ohren zu.

Ohne seine Beinprothesen habe der Angeklagte über der leblosen, blutenden Reeva Steenkamp gestanden und weinend gesagt: "Ich habe sie erschossen, ich dachte, sie war ein Einbrecher und ich habe sie erschossen", zitierte der Mediziner Johan Stipp am Donnerstag im Zeugenstand des Gerichts in Pretoria den Mordverdächtigen.

Der behinderte Profisportler Pistorius habe laut gebetet und Gott angefleht, seine Freundin möge nicht sterben. Der Arzt stellte aber fest, dass die blutende Frau nicht mehr geatmet und keinen Puls mehr gehabt habe. Pistorius habe weinend gesagt, er würde sein Leben geben, wenn Reeva nur durchkäme.

Emotionaler Moment für Pistorius

Zum ersten Mal berichtete ein Augenzeuge von den Geschehnissen am Tatort. Für Pistorius war es offenbar sehr aufwühlend - Journalisten berichteten, dass der Angeklagte an diesem vierten Prozesstag seinen bislang emotionalsten Moment durchlebte. Während der Zeugendarstellung saß Pistorius nach Angaben eines BBC-Reporters fast die ganze Zeit über nach vorne gekrümmt auf seiner Bank und reagierte bestürzt.

Der Radiologe hatte als Nachbar von Pistorius in der geschlossenen Wohnanlage in Pretoria in der Nacht zum 14. Februar 2013 Hilferufe, Schreie und Schüsse gehört. Zunächst hatte er den lokalen Sicherheitsdienst alarmiert und war dann zum Haus von Pistorius geeilt, den er zuvor nicht kannte. Dort fand er laut seiner Aussage vor dem Haus einen Mann vor, der mit seinem Handy telefonierte, und eine Frau, die ihm die Tür geöffnet habe.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Pistorius des Mordes. Der 27-Jährige sagt, er habe seine Freundin irrtümlich durch eine geschlossene Tür erschossen, weil er in Panik war und einen Eindringling im Haus wähnte. Insgesamt sollen in dem Prozess 107 Zeugen allein der Anklage gehört werden.

Widersprüche in den Zeugenaussagen

In den ersten Tagen des Mordprozesses hatten Zeugen der Anklage die Darstellung des Sportidols infrage gestellt. Vor allem schilderten sie Schreie und Streit im Haus von Pistorius neben den tödlichen Schüssen in der Nacht zum Valentinstag 2013.

Über die Abfolge der Schreie und Schüsse gibt es jedoch keine Einigkeit. Nach den Aussagen eines benachbarten Ehepaars und einer weiteren Nachbarin, wonach sie erst Schreie und dann Schüsse gehört hätten, berichtete der Zeuge am Donnerstag, er habe erst Schüsse und danach Schreie gehört. Er sei von drei Schüssen, "gefolgt von den Schreien einer Frau", geweckt worden, sagte Johann Stipp.

kis/DPA/AFP / DPA