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Ausschreitungen in England: Auslöser der Krawalle - wohl keine Notwehr

Brennende Häuser, Plünderer, wütende Schläger: Der Tod eines jungen Mannes hat die schweren Jugendkrawalle in London ausgelöst. Nun wurde bekannt, dass der 29-Jährige wohl nicht zuerst auf die Beamten schoss. Die Regierung hat unterdessen die Sicherheitskräfte massiv aufgestockt.

Großbritanniens Premierminister David Cameron hat eine massive Aufstockung der Polizeikräfte in London angekündigt, um die anhaltenden Krawalle zu beenden. In der kommenden Nacht werden 16.000 Polizisten auf den Straßen der Hauptstadt eingesetzt, sagte Cameron am Dienstag nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts "Cobra". In der Nacht zum Dienstag waren es etwa 6000.

"Wir werden alles tun, um die Ordnung wieder herzustellen", versicherte Cameron vor der Tür von Downing Street Nummer 10. Es handele sich bei den Krawallen um "pure Kriminalität". "Die muss besiegt werden", sagte der Premierminister, der am Vorabend vorzeitig aus seinem Italien-Urlaub nach London zurückgekehrt war.

Bisher seien 450 Randalierer festgenommen worden. Es sei noch mit deutlich mehr Festnahmen zu rechnen. Cameron drohte eine harte Bestrafung der Krawallmacher an. "Ihr werdet die Kraft des Gesetzes spüren", sagte er. Wer alt genug sei, Straftaten zu begehen, sei auch alt genug, bestraft zu werden. Cameron kündigte zudem eine Sondersitzung des Parlaments für Donnerstag an. Das Unterhaus befindet sich eigentlich in der sommerlichen Sitzungspause.

26-Jähriger stirbt an Schussverletzungen

Unterdessen meldet Scotland Yard den ersten Toten aus den Krawallgebieten: Ein 26-Jähriger, der in der Nacht zum Dienstag angeschossen wurde, sei im Krankenhaus gestorben. Der Mann war mit mehreren Schusswunden in einem Auto in Croydon gefunden worden. Zu dem Zeitpunkt waren laut Polizei zwei weitere Personen anwesend. Sie seien verhaftet worden, weil sie Diebesgut bei sich getragen hätten. Näheres ist bislang nicht bekannt. Croydon ist ein Stadtteil im Süden Londons, wo während der Unruhen mehrere Gebäude in Brand gesteckt worden waren.

Die Ausschreitungen haben inzwischen die ganze Hauptstadt und auch andere Regionen Englands voll erfasst. Nach der dritten Krawallorgie in Folge sprach die Londoner Feuerwehr von der arbeitsreichsten Nacht seit Jahrzehnten. Die Krawalle hatten in der Nacht zum Sonntag im Nordlondoner Stadtteil Tottenham begonnen.

Zuvor war dort ein 29-Jähriger unter ungeklärten Umständen von einem Polizisten erschossen worden. Die Polizei hatte die Situation zunächst so dargestellt, dass der Mann das Feuer auf die Beamten eröffnet und ihn ein Schütze aus Notwehr erschossen habe. Dafür seien bei einer Untersuchung aber keine Beweise gefunden worden, teilte Scotland Yard am Dienstag mit.

Bereits in der Nacht zum Montag breiteten sie sich innerhalb der britischen Hauptstadt aus. In der dritten Nacht gab es dann erstmals Ausschreitungen in Liverpool, Birmingham und Bristol.

Länderspiel abgesagt, Liga-Start fraglich

Wegen der anhaltenden Gewaltexzesse hat der englische Fußball-Verband (FA) inzwischen das für Mittwoch geplante Freundschaftsspiel gegen die Niederlande abgesagt. "Mit großem Bedauern" müsse die Partie im Londoner Wembley-Stadion abgesetzt werden, teilte die FA. Auch das im Londoner Vorort Watford geplante Länderspiel zwischen Ghana und Nigeria wird nicht stattfinden. Zuvor waren bereits zwei für Dienstag geplante Spiele des englischen Ligapokals verschoben worden.

Noch nicht sicher ist zudem, ob die Premier League wie geplant an diesem Samstag in die neue Fußball-Saison starten wird. Man stehe mit den Londoner Erstligisten, der Polizei und den Behörden in ständigem Austausch, teilte die Liga am Dienstag mit. Die nächste Bekanntmachung kündigten die Verantwortlichen der Premier League für Donnerstag an. Aufgrund der derzeitigen Informationen gebe es keinen Grund, davon auszugehen, dass Spiele außerhalb Londons von den jüngsten Vorfällen beeinflusst würden, hieß es.

Augenzeugen sprechen von "Bürgerkrieg"

Auch in London nahm das Ausmaß der Gewalt weiter zu. Aus acht Stadtvierteln in allen Teilen Londons gab es Berichte über Gewalt, Brände und Plünderungen: von Ealing im Westen bis Hackney im Osten, von Croydon im Süden bis Camden im Norden. Die Zeitungen titelten mit einem Bild, auf dem eine Frau aus dem Obergeschoss eines brennenden Gebäudes in die Arme von Rettern springt.

Augenzeugen bedachten die Bilder immer wieder mit Vergleichen wie "Kriegsgebiet" und "Bürgerkrieg". Im Stadtteil Croydon brannte ein ganzer Straßenzug, aus einem Möbellager schlugen in der Nacht meterhoch die Flammen. So etwas habe London seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt, kommentierte eine BBC-Reporterin.

Ruf nach Einsatz des Militärs wird laut

Die Polizei agierte verhältnismäßig zurückhaltend und bekam die Lage nicht in den Griff. Auch die Feuerwehr wirkte überfordert. Viele Betroffene äußerten harsche Kritik. Schnell wurde der Ruf nach härteren Maßnahmen und einem Einsatz des Militärs laut. Die britische Innenministerin Theresa May verteidigte das Vorgehen dagegen. "In Großbritannien halten wir niemanden mit Wasserwerfern zurück." Sie rief die Eltern der randalierenden Jugendlichen und die Vertreter der Gemeinden auf, den Behörden dabei zu helfen, die Gewalttäter auf den Bildern der Überwachungskameras zu identifizieren.

Ein führender Polizist von Scotland Yard erklärte, das Profil der Krawallmacher habe sich seit Beginn der Ausschreitungen am Wochenende geändert. Während in den ersten beiden Nächten vor allem 14- bis 17-Jährige beteiligt gewesen seien, hätten in der Nacht zum Dienstag Gruppen älterer Randalierer mit Autos die Plünderungen organisiert, sagte Polizeioffizier Stephen Kavanagh. Einige hätten versucht, Sanitäter und Feuerwehrleute anzureifen. Die Beamten hatten vor allem Probleme mit den Jugendlichen, weil sie sich als "kleine und mobile" Gruppen über Internet und Smartphones organisierten und schnell von einem Ort zum nächsten weitergezogen.

Auswärtiges Amt mahnt London-Reisende zur Vorsicht

Das Auswärtige Amt rät Reisenden nach Großbritannien inzwischen zu besonderer Vorsicht. Auf der Homepage des Ministeriums heißt es: "Reisenden wird geraten, besondere Vorsicht walten zu lassen, sich bei Anzeichen von Ausschreitungen sofort zurückzuziehen und den Anweisungen von Sicherheitskräften unbedingt Folge zu leisten. Reisende sollten sich ferner durch die Medien über die aktuelle Entwicklung informieren und ihr Verhalten vor Ort entsprechend anpassen."

kng/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters