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Ausstieg auf Zeit: Die Suche nach der großen Kristallkugel

Einmal aus dem Alltag ausbrechen, einmal länger als nur vier Wochen weg sein: Fast jeder hat schon über einen Ausstieg aus dem Alltagstrott nachgedacht. stern-Redakteur Rüdiger Barth hat es wirklich gewagt und sich auf die große Weltreise begeben. Sein Fazit: nichts wie raus!

Es war in Gloucester, Neuengland, da gingen wir ins "Crow's Nest", jene düstere Bar, in der die sechs Mann des Trawlers "Andrea Gail" gefeiert hatten, bevor sie in einem fürchterlichen Sturm untergingen. An der Theke saß Charlie, ein Schwertfischer, Irak-Veteran und Schatzsucher, er trank mit uns, und er fragte uns, wer wir seien. Er lachte, als er hörte, wir reisten um die Welt.

"Wir suchen Menschen", fuhren wir fort, "die uns erzählen, wie sie das Rätsel lösen, vor dem wir alle stehen: Wie man glücklich werden kann in diesem Leben." Charlie nahm einen großen Schluck Whiskey Soda. "Ich glaube nicht", sagte er grinsend, "dass irgendwer die große Kristallkugel hat, die wir alle suchen. Aber wenn ihr ein paar Antworten habt, lasst es mich wissen."

Von einer Auszeit reden viele

Charlie kritzelte seine Telefonnummer auf eine Bingo-Karte. Sie liegt noch immer auf meinem Schreibtisch. Es ist nicht so, dass wir keine Antworten gefunden hätten in unseren vier Monaten des Umherstreifens; die Fragen erscheinen uns einfach nicht mehr so drängend.

Von einer Auszeit reden viele Menschen, auch wir haben lange nur dies getan: davon geredet. Ich hatte beim stern auch vorher einen guten Job, aber das nützte nichts, und meiner Frau, wie ich als Journalist tätig, erging es ebenso: Nach fast zehn Jahren im Berufsleben fühlten wir uns ausgehöhlt.

Zu oft dachte ich morgens auf dem Weg zur Arbeit, ich würde zu Hause mein Leben zurücklassen. Und so war über die Jahre der Wunsch gewachsen, jener Wunsch, den viele hegen. Wenigstens viele unserer Freunde, die immer wieder sehnsüchtig erzählen, dass sie einfach mal ausbüchsen wollen. Was geschähe mit uns?, fragen sie. Und das fragten wir uns auch.

In 120 Tagen um die Welt

Im September 2006 brachen wir endlich auf, fuhren in 120 Tagen einmal um die Erde: von Neuengland nach New Orleans, in die Karibik, nach Brasilien, über die Osterinsel und Tahiti nach Sydney, wo wir uns einen Monat lang vom Reisen erholten. Es war ein einziges großes Abenteuer, und ich kann jedem nur raten: Liebe Leute, nichts wie raus, da draußen wartet ein neues Leben. Ihr werdet nicht mehr dieselben sein, wenn ihr zurückkehrt.

Das Kribbeln beginnt schon beim Planen. Die Round-the-World-Tickets der großen Flug-Allianzen sind ab 2000 Euro zu haben, wir schöpften das Maximum aus: 39000 Meilen, für 4100 Euro. Zum Glück hatten wir seit Jahren an einem Puffer gespart, der ist ganz wichtig: der Puffer. Die Flugtermine gaben schließlich den Rahmen, dazwischen ließen wir uns treiben. Bis aus der gewohnten Urlauberpose etwas Neues wurde: die Haltung von Reisenden.

Wir sind am Ende keine besseren Menschen geworden, aber gelassener. Wir wissen, dass wir jederzeit wieder losziehen könnten - und genauso genießen, für immer hierzubleiben. Ob uns das im Job motivierter, belastbarer, was-weiß-ich gemacht hat? Keine Ahnung. Wir sind seitdem glücklicher - und dieses Gefühl kann ich jedem nur empfehlen.

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