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Baden-Baden: "Beschämend" - Gaffer ermuntern Mann zu tödlichem Sprung und wollen es filmen

Das Entsetzen bei der Polizei ist groß: In Baden-Baden haben Gaffer einen Mann ermuntert, vom Hoteldach zu springen - mit gezückten Handys. Die Polizei verhinderte Schlimmeres.

Gaffer Smartphones

Gaffer machen selbst vor suizidgefährdeten Menschen nicht halt (Symbolbild)

Was sich am Montagabend vor einem Hotel in abspielte, hat sogar bei abgehärteten Polizisten für blankes Entsetzen gesorgt. Ein Mann stand auf einem Hotelvordach und hatte offenbar die Absicht, sich in die Tiefe zu stürzen. Als die herbeigerufenen Beamten am Ort des Geschehens eintrafen, hatte sich eine etwa fünfzigköpfige Menschenmenge vor dem Hotel versammelt.

Was sie aber vor Ort für Szenen erleben mussten, sprengte sogar die Vorstellungskraft von erfahrenen Einsatzkräften. Einige aus der Menge hatten ihre Smartphones gezückt und filmten die Bemühungen der , den Mann aus der Gefahrensituation zu bringen. Aber das Schlimmste war: Einige aus der Menge ermunterten den Mann auf dem Dach, in die Tiefe zu springen.

Polizei nennt Verhalten "beschämend"

Bei den Polizisten ist die Empörung gewaltig. Normalerweise veröffentlicht die Polizei keine Pressemeldungen über Suizide oder Suizidversuche. Die Gefahr der Nachahmung ist zu groß. Doch in diesem Fall machte der Pressesprecher des zuständigen Polizeipräsidiums Offenburg eine Ausnahme, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Die Worte der Pressemeldung sind deutlich: "Das beschämende Verhalten zahlreicher Passanten vor einem Hotel am Goetheplatz hat am frühen Montagabend selbst erfahrene Polizeibeamte erschaudern lassen", heißt es da.

Mit dem Vorfall ist zweifellos eine weitere Grenze überschritten worden. Dass Menschen hemmungslos Unfallopfer oder andere Unglücke filmen und die Clips in sozialen Medien posten, ist nichts Neues. Dass Menschen aktiv einen Menschen, der sich in einer "seelischen Ausnahmesituation" befindet, anfeuern, Suizid zu begehen, hat eine andere Qualität. Zum Glück ließen sich die Polizisten nicht von ihrem Job abbringen. Durch "geschicktes Vorgehen" verhinderten sie den Sprung des Mannes und lieferten ihn in eine Fachklinik ein.


Die Polizisten haben aber keine rechtlichen Mittel, um in diesem Fall gegen die Gaffer vorzugehen, weil sie die Beamten nicht bei ihrer Arbeit behinderten. Und selbst wenn die Gaffer die Polizeiarbeit gestört hätten, hätten sie womöglich nicht mit einer Strafe zu rechnen: Meist haben die Polizisten keine Zeit und keine Möglichkeit, die Personalien aufzunehmen.

Gaffer filmten sogar sterbendes Baby

Schaulustige bei einem Unfall sind kein neues Phänomen, doch durch mit Foto- und Filmkameras hat sich das Problem schon vor Jahren verschärft. Zuletzt sorgte ein Vorfall in Hagen für Entsetzen, als Gaffer ein schwer verletztes Kleinkind bei der Erstversorgung filmten. Später verstarb das einjährige Mädchen im Krankenhaus. Oft versprerren Autofahrer auf Autobahnen die Rettungsgassen oder bepöbeln Rettungskräfte, weil sie zu einem Stopp gezwungen sind.

Die Politik hat auf das Gaffer-Unwesen reagiert und vor drei Monaten höhere Strafen beschlossen. Beim Gaffen als Ordnungswidrigkeit kann ein Bußgeld von bis zu tausend Euro erlassen werden. Das Filmen von Opfern und Verletzten gilt jetzt als Straftat und kann mit Gefängnis von bis zu zwei Jahren bestraft werden. Geholfen hat es bislang nichts.

Sie haben selbst suizidale Gedanken? Zu jeder Lebenslage und rund um die Uhr bietet die Telefonseelsorge anonym und kostenlos ein offenes Ohr und Beratung unter Telefon: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich.

Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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