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Bayern: Heime lassen geistig behinderte Kinder wegsperren

Eltern aus Bayern berichten Schreckliches: Ihre geistig behinderten Kinder würden in Heimen einfach weggesperrt, wenn es den Betreuern zu viel wird. Wer sich damit nicht einverstanden erklärt, bekomme keinen Betreuungsplatz.

Symbolbild: Ein Kind sitzt in einer Kindertageseinrichtung in einer Hängematte, nur die Beine sind zu sehen

Mehrere Heime in Bayern wenden bei geistig behinderten Kindern "freiheitsbeschränkende Maßnahmen" an - sperren sie also einfach in deren Zimmer ein

Sind Betreuer in Bayern mit geistig behinderten Kindern im Heim überfordert, sperren sie die regelmäßig einfach weg. Das legen Recherchen des Bayerischen Rundfunks und der "Zeit" nahe. Demnach sollen Kinder mit geistiger Behinderung in bayerischen Heimen grundsätzlich "freiheitsbeschränkenden Maßnahmen" unterliegen.

Der Bayerische Rundfunk (BR) zitiert etwa die Mutter eines geistig behinderten Jugendlichen, die ihren Sohn in einem Heim in Bayern betreuen lässt. Bei der Anmeldung habe sie unterschreiben müssen, dass ihr Junge eingesperrt werden darf, wann immer er in den Augen der Betreuer aggressiv wird.

Das fragliche Heim selbst verzichtete auf einen Kommentar; der Sprecher eines anderen bayerischen Heimes bestätigte gegenüber dem BR jedoch, dass es solche Maßnahmen gibt. "Wenn Eltern das nicht möchten, diese Maßnahmen aber unbedingt nötig sind, müssen wir schon überlegen, ob wir die richtige Einrichtung sind", so zitiert ihn der BR. Der Mann sprach für die Diakonie Neuendettelsau.

"Stimmen Sie zu, dass wir Ihren Sohn einsperren dürfen?"

Der Sohn der befragten Mutter ist Autist. Als sie sich entschloss, ihren Jungen in einem Heim betreuen zu lassen, sei sie in sämtlichen Einrichtungen beim Erstgespräch gefragt worden: Stimmen Sie zu, dass wir Ihren Sohn einsperren dürfen? "Das war für mich total verstörend", sagt die Frau gegenüber dem BR. "Die können doch nicht die Kinder in die Zimmer einsperren!" Das Argument der Betreuer: Das brauchen die Kinder zu deren eigenen Schutz. "Das kann auch mal sein, aber nicht in der Masse", findet die Mutter.

Wie die Recherchen des BR ergaben, handelte es sich beim Umgang mit dem Jugendlichen keineswegs um einen Einzelfall oder ein extremes Beispiel. Der Sender hatte bei 30 Heimen eine Stellungnahme erbeten; nur 21 antworteten. Davon gaben 18 Einrichtungen zu, sich solch "freiheitsbeschränkende Maßnahmen" durchaus vorzubehalten. Das sei notwendig, gaben die Heime laut BR an, es gehe dabei darum, in Extremsituationen zu deeskalieren.

Alle Einrichtungen sollen dabei betont haben, dass sie die geistig behinderten Kinder nur in Abstimmung mit den Eltern einsperrten. Die befragte Mutter bestätigt das - weist aber auch darauf hin, dass sie ohne die Zustimmung vorab bei der Anmeldung wohl auch gar keinen Heimplatz gefunden hätte.

Wunsch nach neuen Gesetzen wird laut

Das ist nach geltendem Gesetz sogar legitim: Bei Erwachsenen muss erst ein Richter genehmigen, dass Fixierung und Zimmereinschluss zu den Optionen der Betreuer gehören; jegliche Form der Freiheitsbeschränkung muss bei volljährigen Heimbewohnern richterlich genehmigt werden, sogar ein Gitter am Pflegebett. Bei Minderjährigen jedoch dürfen allein die Erziehungsberechtigten entscheiden. Das hat der Bundesgerichtshof so festgelegt.

Deshalb wird nun der Wunsch nach neuen Regelungen laut. Die Vorsitzende des Deutschen Familiengerichtstages, Isabell Götz, fordert, den Einsatz jener freiheitsbeschränkenden Maßnahmen auch bei Kindern durch Richter prüfen zu lassen. Auch das Diakonische Werk Bayern fordert richterliche Beschlüsse. "Bei uns ist es in der Regel so, dass wir uns nach der Zustimmung der Eltern noch mit einem richterlichen Beschluss absichern", gibt der Diakonie-Sprecher Daniel Wagner an. Das solle rechtlicher Standard für alle werden.

jen
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