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Benedikt XVI.: Der entzauberte Papst

Vor knapp vier Jahren waren wir Papst - und stolz. Heute sind wir ernüchtert - und das zu Recht. Denn nach seinen jüngsten Aktionen dürfte auch dem letzten Wohlmeinenden klar sein: Selbst in Benedikt XVI. steckt nur der alte Josef Ratzinger. Und der hat mit einer liberalen Kirche nicht viel am Hut.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

Wie glücklich wir waren! Denn Papst waren wir! Nicht einmal vier Jahre ist es her, da stand ein Deutscher auf der Loggia von Sankt Peter, grüßte ungelenk die Menge unten auf dem Platz wie einst Gerhard Schröder seinen Parteitag, und alle zusammen konnten es kaum fassen: Joseph Ratzinger, der "Panzerkardinal", der Großinquisitor mit dem unsicheren Hüsteln, der sich angeblich auf nichts so sehr gefreut hatte wie auf den nahen Ruhestand, war der neue Hohepriester der katholischen Kirche - und strahlte zufrieden. "Beeeee-ne-detto", riefen sie rhythmisch in Chören von unten wie noch kurz zuvor "Gio-vaaaaani-Paolo", als habe sich nur der Name des weiß gekleideten Mannes auf dem Balkon geändert.

Plötzlich Medienstar

Und auch die Medien - die deutschen vor allem - konnten gar nicht genug jubilieren. War er nicht ganz menschlich auf einmal? Ging er, der sonst so Reservierte, ja Schüchterne, nicht plötzlich ganz erstaunlich aus sich heraus? Streichelte er nicht Kinder so liebevoll wie der charismatische Pole zuvor? Scherzte er nicht sogar mit den Journalisten und Pilgern? Dass er dabei davon sprach, ihn habe die Wahl wie ein Fallbeil getroffen, ließ den einen oder anderen vielleicht wegen der seltsamen Bildwahl zusammenzucken. Aber das war schnell verdrängt.

Die folgenden Wochen und Monate sind ein Paradebeispiel für kollektive Blindheit. Wie bei Frischverliebten spülten die Wogen heißer Gefühle jeden noch kurz aufmuckenden Gedanken der Art "Ja, aber hat er nicht früher ..." hinweg. Das war doch Geschichte. Jetzt gab es Ratzinger 2.0! Und wer an Ratzinger 1.0 erinnerte und an die Zerschlagung der Befreiungstheologie, die immer neue Diskriminierung von Schwulen und Lesben, den rabiaten Umgang mit Geschiedenen, die Schikanen, die den deutschen Bischofsbrüdern in Sachen Schwangerschaftsabbruch angetan worden waren, und auch die damals schon unübersehbare (und unüberlesbare) Sympathie für die Kritiker und Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils, der wurde behandelt, als habe er auf einem Kindergeburtstag mit der Faust in die Torte geschlagen.

Der Neue ist noch der Alte

Und jetzt? Jetzt erkennen auch die letzten Hoffnungstrunkenen mit Schmerzen, dass der Neue doch nur der Alte ist. Er hat sich übrigens nie sonderlich verstellt in den vergangenen vier Jahren. Das immerhin sollten wir Joseph Ratzinger zugute halten. Als Benedikt XVI. hat er nur vollendet, nur abgerundet, nur mit der Macht des höchsten kirchlichen Amtes vergoldet, was er in den Jahrzehnten davor erkannt, gelehrt und ziemlich gnadenlos - auch da aber immer schon mit einem freundlichen Lächeln - durchgesetzt hatte.

Johannes Paul II. hat das allermeiste davon reibungslos durchgehen lassen, war doch auch er ein Konservativer, der sich eher im Gegenüber zur "Welt" sah als im Bund mit ihr. Die vom polnischen Pontifex vehement bekämpfte dreiköpfige Schlange der Gottlosigkeit - Konsumismus, Sexismus, Liberalismus - wird unter seinem intellektuelleren Nachfolger zur "Diktatur des Relativismus". Joseph Ratzinger hat immer darunter gelitten, dass "die Welt" sich der Führung "der Kirche" (seiner natürlich nur) so störrisch widersetzt, wie sie es gerade wieder tut. Was soll denn werden, wenn alle selber denken?

Das Gehirn im Dauerdämmer

Die neuesten päpstlichen Fehltritte hätten dann einen Sinn, wenn das jetzt geweckte "Selber denken" auch in der Kirche nicht binnen weniger Wochen schon wieder einschliefe. Das peinlichste Problem ist nicht dieser Papst. Der wirkliche Skandal sind die dumpfen Nachbeter, die Schönredner, die Rückgratlosen mit und ohne Weihe und alle, die das - so sie es denn glauben - von ihrem Schöpfer geschenkte Gehirn im dauernden Dämmer halten, um ja nicht vor der Wirklichkeit erschrecken zu müssen.

Haben sie alle nicht gehört, wie Benedikt XVI. in Auschwitz davon sprach, eine "Schar von Verbrechern" habe sich in der Nazizeit des deutschen Volkes bemächtigt und es missbraucht, als seien zwischen Flensburg und Füssen, und von Köln bis Königsberg eigentlich nur Opfer und kaum Täter zu finden gewesen? Haben sie alle nicht mitbekommen, wie die Karfreitagsbitte zur Bekehrung der Juden wieder in die Liturgie aufgenommen wurde? Aber viel spannender war ja offenbar, welche Kopfbedeckung Heiligkeit für seine offziellen Auftritte wählte. Dabei hätte selbst die pontifikale Modenschau Grund zur Besorgnis für alle die sein müssen, die sich eine liberalere Kirche und wie das Zweite Vatikanische Konzil eine "Kirche in der Welt von heute" wünschten.

Kein unglücklicher Zufall

Dass der alte Zeremonienmeister Marini durch einen erzkonservativen Namensvetter ersetzt wurde und nun wieder prunkvolle Thronsessel unter dem Baldachin Berninis stehen, wenn der Heilige Vater in Sankt Peter zelebriert, ist keine simple modische Marotte. Das ist Programm und Signal. Und das Dekret zur Wiederaufnahme der halsstarrigen Konzilsgegner, veröffentlicht wenige Tage vor dem 50. Jahrestag der Verkündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII., ist kein unglücklicher Zufall. Es ist die Todesurkunde des Konzils.