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Benedikt XVI. in Kroatien Balsam für die nationale Seele


Weil die EU ihrem nächsten Mitglied Kroatien immer neue Bedingungen gestellt hat, sind viele Bürger der Union bereits überdrüssig, bevor sie noch beigetreten sind. Jetzt spendet Papst Benedikt XVI. Balsam für die nationale Seele.

Kroatiens Medien sind sich am Sonntag weitgehend einig. Papst Benedikt XVI. hat bei seinem zweitägigen Besuch großzügig Balsam für die geschundene nationale Seele der Bürger gespendet. "Das kroatische Volk ist europäisch und daher ist es logisch, gerecht und notwendig, dass es der EU beitritt", sagte der Heilige Vater noch im Flugzeug bei seiner Anreise in das Land an der Adria. "Von Anfang an gehörte Ihr Volk zu Europa", bekräftigte er sofort nach seiner Landung auf dem Flughafen der Hauptstadt Zagreb.

Und es kam aus kroatischer Sicht noch besser. Die kroatischen Kardinäle "haben mir immer gesagt: "Wir sind nicht der Balkan, wir sind Europa"", antwortete Benedikt auf eine entsprechende Frage der Zeitung "Vecernji list". Genau das ist eines der nationalen Ziele des kleinen Balkanlandes. Politiker und Bürger halten sich für weit fortschrittlicher als "der dunkle Balkan", der erst an den Grenzen Kroatiens nach Bosnien-Herzegowina und vor allem nach Serbien beginne.

Der Papst riss selbst den sonst eher spröden Staatschef Ivo Josipovic mit. Der sagte bei der Begrüßung des Kirchenoberhauptes zur Verblüffung aller: "Obwohl ich kein Gläubiger bin, teile ich doch im tiefsten Herzen meiner Überzeugungen die gleichen Werte mit den Gläubigen". Dann zog er eine Schlussfolgerung, die in den nächsten Tagen noch für viel Widerspruch sorgen dürfte: Kroatien wolle "großherzig sein bei der Vergebung seiner Nachbarn".

Die große Mehrheit der Kroaten will nicht so einfach einen Schlussstrich unter die Bürgerkriege im eigenen Land (1991-1995) und im benachbarten Bosnien (1992-1995) ziehen. Noch bei der Papstankunft wies der Moderator des Staatsfernsehens (HRT) darauf hin, dass die "kroatischen Verteidiger" nicht mit den "serbischen Aggressoren" gleichgesetzt werden dürften.

Nur die eindeutige Verurteilung des faschistischen kroatischen NDH-Staates im Zweiten Weltkrieg durch den Papst als "Instrument Hitlers" stieß nicht auf Begeisterung. Die Katholische Kirche, die in vielen Fällen mit den Faschisten kooperiert hatte, konnte sich bisher nicht zu einem so klaren Urteil durchringen. Der Primas von Kroatien, Kardinal Josip Bozanic, hatte erstmals im September 2009 die KZ-Gedenkstätte von Jasenovic (100 Kilometer südöstlich von Zagreb) besucht, wo nach ganz unterschiedlichen Lesarten 50 000 bis 700 000 Menschen (vor allem Serben, Juden und Sinti) umgebracht worden waren. Die erwartete Entschuldigung lehnte er offen ab.

Thomas Brey/DPA DPA

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