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Benedikt XVI.: Kardinal Meisner kritisiert deutsche Anti-Papst-Haltung

"Wir sind Papst", titelte einst die "Bild"-Zeitung. Aber waren wir wirklich Papst? Der Kölner Kardinal Joachim Meisner kritisiert die Skepsis vieler Deutscher gegenüber "ihrem" Kirchenoberhaupt.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat die Deutschen wegen ihrer Haltung gegenüber dem deutschen Papst heftig kritisiert. "Es hat mich immer verletzt, wie abschätzig, ja hämisch in Deutschland über den Papst gesprochen wurde", sagte Meisner der Frankfurter Rundschau einen Tag, nachdem Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt angekündigt hatte. Es ist der erste Rücktritt eines Oberhauptes der katholischen Kirche seit mehr als 700 Jahren.

Benedikt war gut acht Jahre Papst gewesen. Die Deutschen haben diese Zeit nach Ansicht Meisners nicht genutzt, um mit dem früheren Kardinal Joseph Aloisius Ratzinger warm zu werden. "Was vielen gefehlt hat, war ein Gefühl des Selbstbewusstseins, ja des Stolzes, dass zum ersten Mal nach fast 500 Jahren wieder ein Deutscher ein solches Amt mit dieser globalen Verantwortung bekleidete", sagte Meisner. "Das wurde völlig ausgeblendet."

Nach der überraschenden Rücktrittsankündigung beginnt eine Debatte über Reformen an der Spitze der katholischen Kirche. Benedikts Schritt könnte die Tür für eine Begrenzung der Amtszeit öffnen, heißt es. Nach Einschätzung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) hat der Papst mit seinem Rückzug einen neuen Standard gesetzt.

Ein paar Namen kursieren schon

Auch die Spekulationen über den möglichen Nachfolger blühen. Ein Favorit ist aber noch nicht erkennbar. Am 28. Februar wird Benedikt sein Pontifikat aufgeben. Dann beginnt innerhalb von 15 bis 20 Tagen das Konklave, das seinen Nachfolger wählt. Bis Ostern soll der neue Papst feststehen. Voraussichtlich 117 Kardinäle aus aller Welt sind beim Konklave wahlberechtigt, darunter sechs aus Deutschland.

Als mögliche Nachfolger werden unter anderem der Mailänder Erzbischof Angelo Scola und die beiden Afrikaner Peter Turkson aus Ghana und Francis Arinze aus Nigeria genannt. Auch Kardinal Marc Ouellet aus dem kanadischen Quebec und dem New Yorker Erzbischof Timothy Dolan werden Chancen eingeräumt. Aus Lateinamerika werden der Erzbischof von Sao Paulo, Kardinal Otto Scherer, und Kurienkardinal Leonardo Sandri aus Argentinien genannt.

Meisners Wünsche an den neuen Papst

Meisner wünscht sich einen jüngeren Papst als den Noch-Amtsinhaber. "Wenn ich einen ersten Blick über diesen Moment hinaus in die Zukunft werfe, dann müsste der neue Papst sicher ein Mann von ähnlich hoher Bildung wie Joseph Ratzinger, mit großer menschlicher Erfahrung und - vor allem - von vitaler Gesundheit sein", sagte der Kardinal dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Nicht älter als 70, würde ich sagen." Benedikt XVI. ist 85 Jahre alt. Er trägt, wie erst am Dienstag bekannt wurde, seit längerer Zeit einen Herzschrittmacher.

Nach Ansicht Meisners wäre als neuer Papst eine "Mischung" aus Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gut. "Die beiden haben sich herrlich ergänzt", sagte der Kölner Kardinal. Er gestand in der Zeitung zugleich ein, dass er die Rücktrittsankündigung zunächst für "einen Rosenmontagsscherz" gehalten habe. "Das geistliche Amt ist ja eine Art Vaterschaft. Und Vater bleibt man doch Zeit seines Lebens", begründete Kardinal Meisner sein Unverständnis über den Rücktritt des Papstes.