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Bergbauschäden: Wo sich die Erde auftut

In Deutschland drohen Zehntausende alte Bergbauschächte und Stollen einzubrechen. Wo genau? Weiß niemand. Unterwegs mit den Jägern der schwarzen Löcher.

Von Rolf-Herbert Peters

Bergbauschäden: Zehntausende alte Stollen sind einsturzgefährdet

Das Team vom Bergamt (r.) kartiert ein neues Bergbauloch – zum Glück liegt es im Wald. In Siegen stürzten 2004 Teile eines Mehrfamilienhauses in die Tiefe

Kurz nach Mittag rast Peter Hogrebe dahin, wo sich die Erde aufgetan hat. Über die A 43 Richtung Wuppertal, raus an der Ausfahrt Sprockhövel. Stopp an einem Feldweg. Er steigt aus, steckt die Hände in den grauen Kurzmantel, sagt: "Hier irgendwo muss es sein", und keine Minute später – da kommt ein Forstarbeiter auf einem Traktor angefahren. "Sie wollen zum Krater?"

"Ja. Wissen Sie, wo der ist?"

"Klar, hab ihn entdeckt, als ich Bäume gerückt hab. Kommen Sie!"

Zu Fuß hastet der Forstarbeiter den Feldweg hinauf zu einem Waldstück. Hogrebe fährt ihm nach, "Bezirksregierung Arnsberg" steht am Heck seines silbernen Wagens. Gemeinsam schlagen sie sich ins Unterholz. "Da!" Der Holzfäller zeigt auf ein etwa sieben Meter breites Loch. "Uh, das ist ordentlich", staunt Hogrebe, "sehr alt ist das nicht." Mal hinabsteigen, schauen, wie tief es runtergeht? "Ich bin nicht lebensmüde", sagt er. Die Bewohner eines nahen Hauses hätten am Morgen einen Stein in den Krater geworfen und die Sekunden gezählt, bis er aufschlug. 40 Meter, hätten sie ausgerechnet.

Früher oder später krachen die Hohlräume ein

Löcher, die es eben noch nicht gab, sind Hogrebes Spezialität. Der 58-jährige Bergbauingenieur kümmert sich als Dezernent der Bezirksregierung um Abgründe, die sich urplötzlich auftun, weil unter der Erde alte Bergwerksschächte zusammenfallen. Das passiert überall in Deutschland, im Durchschnitt zwei-, dreimal die Woche, am häufigsten in Nordrhein-Westfalen, in Hogrebes Einsatzgebiet. Das halbe Bundesland ist durchlöchert wie ein Ameisenhügel: 600 Quadratkilometer sind untergraben, 52 Prozent aller Kommunen betroffen – und Peter Hogrebe muss dafür sorgen, dass nichts passiert. Dass aus Löchern wie hier im Wald von Sprockhövel keine Katastrophen werden.

"Siegener Loch": 2004 riss die Erde in einem Garten auf. Ursache war ein altes Erzbergwerk

"Siegener Loch": 2004 riss die Erde in einem Garten auf. Ursache war ein altes Erzbergwerk

Seit Menschengedenken buddeln die Leute nach allem, was sie gebrauchen können: Erze, Salz, Schiefer. Vor allem aber nach Steinkohle, die sie nachweislich schon im Jahr 1113 abbauten. An der Ruhr reichen die Kohleflöze bis an die Grasnarbe, auch hier am neuen Krater schimmert es schwarz kurz unter der Bruchkante. Jeder Laie konnte seine Hacke einfach in den Boden hauen und 20, 30 Meter tief graben, legal oder illegal. Doch früher oder später krachen die greisen Hohlräume durch Erosion oder Verwitterung der Holzstützen ein, und niemand kann ahnen, wann und wo es passiert. Auch Hogrebe nicht, das macht seinen Job so anstrengend. Nicht selten breiten sich die Tagesbrüche rasant und unkontrollierbar aus. Der Forstarbeiter hätte samt Traktor in den Krater stürzen können. Oder Kinder beim Spielen. "Die hätte niemand gefunden", sagt Hogrebe mit faltiger Stirn. "Nicht auszudenken."

Jetzt kommen weitere Experten ans Loch. Ein Mann vom Ordnungsamt. Ein Landschaftsbauer, Spezialist für das Sichern und Verfüllen. Und schließlich Markus Holzheim, Markscheider, also Vermessungsingenieur, beim Energiekonzern RWE. Der hat eine Akte voller Kopien alter Karten mitgebracht. "Das Gebiet gehörte zu unserem Grubenfeld Alter Hase II", sagt er. Bis 1956 hat RWE hier Kohle abgebaut. Genau beim Krater befand sich eine Schachtöffnung.

Hogrebe atmet durch. Ab jetzt muss RWE die Verantwortung übernehmen. Und die Kosten für die Absicherung auch. Findet das Bergamt keinen Rechtsnachfolger einer Grube, muss der Staat zahlen. So ist es besser.

Hogrebe ergründet die Erde unter und über Tage seit Jahrzehnten. Nach dem Bergbaustudium fuhr der Ingenieur als Reviersteiger runter in den Pütt, wo es duster war vor der Hacke. 1998 kam er zum honorigen Bergamt und kümmert sich seither um das, was bleiben wird vom Bergbau. Denn auch wenn Ende des Jahres die letzten Steinkohlezechen in Bottrop und Ibbenbüren geschlossen werden – mit den Folgen des Bergbaus, der einst Wohlstand brachte, müssen die Deutschen auf ewig leben.

Der "Herr der Löcher": Ingenieur und Bergamts-Dezernent Peter Hogrebe

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Dabei gehen die Gefahren weniger vom Tiefenbergbau aus, der bis 1600 Meter in die Erde vordrang. Brechen diese Stollen ein, wird das an der Oberfläche kaum bemerkt. Es entstehen vielleicht ein paar Risse in Gebäuden, vor allem aber weitläufige Senkungen in der Landschaft. Große Flächen des Ruhrgebiets sind inzwischen um bis zu 30 Meter abgesackt. Spürbar, aber nicht dramatisch.

Das bleibt vom Bergbau – auf ewig

Riskanter, sagt Hogrebe, riskanter sei der oberflächennahe Bergbau. Der reißt alles über sich mit. Was hat er nicht schon alles erlebt! Im Januar 2000, Bochum-Höntrop. Ein 500 Quadratmeter großer Tagesbruch mitten im Wohngebiet. Kurz darauf noch ein zweiter, gleich daneben. Autos und Garagen wurden verschluckt. Die ganze Gegend voller Schaulustiger. Journalisten. Polizei. Zehn Jahre haben sie gebohrt, untersucht, verfüllt, bis der "Krater von Wattenscheid", wie er heute heißt, Geschichte war.

Schadensuche: Oft ist über die maroden Schächte längst Gras gewachsen, wie bei Gevelsberg

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Oder im Februar 2004, am Siegener Rosterberg. Da krachte der Boden unter einem Mehrfamilienhaus weg. Hogrebe raste herbei und konnte nur noch zusehen, wie sich die Kluft öffnete. Eine Ecke des Gebäudes brach ab, man blickte plötzlich in den Keller. Noch heute hört er das Gurgeln, mit dem damals ein Fahrrad im "Siegener Loch" verschwand.

Manchmal kamen auch Personen zu Schaden, das geht Hogrebe besonders nahe. Etwa die 79-jährige Nonne, die, eingehakt bei einer Glaubensschwester, im Garten des Klarissenklosters Wilnsdorf wandelte, als sich aus dem Nichts die Erde auftat. Als zöge der Leibhaftige an ihr, rutschte sie etwa sieben Meter hinab. Am Ende konnte die Feuerwehr die Klosterfrau bergen, versehrt von nicht mehr als Schürfwunden und Schreck. Tote hat es zu Hogrebes Zeiten wie durch ein Wunder noch nicht gegeben.

Am nächsten Tag in der Dortmunder Goebenstraße. In dem schlossähnlichen Bau sitzt das alte Oberbergamt, das heute "Bezirksregierung, Abteilung 6: Bergbau und Energie" heißt. Besucher betreten das Haus durch ein mächtiges Bronzetor und werden von einer Bronzestatue der Kumpel-Schutzheiligen Barbara begrüßt. Man würde sich nicht wundern, wenn irgendwo auf den Fluren die Bergmänner noch die Hacken zusammenschlagen würden.

In Witten wurden 2014 Häuser evakuiert, weil der Krater immer weiter wuchs

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Hogrebe hockt oben in seinem Büro und studiert Excel-Tabellen. Sein Amt hat ein Risikomanagementsystem entwickelt, das stets eine aktuelle Liste der gefährlichsten Schächte generiert. Es geht ihnen erst mal nur um Schächte. Um die unzähligen riskanten Stollen kann sich Hogrebe erst in ein paar Jahren kümmern – zu wenig Geld, zu wenig Personal.

Die Geheimnisse uralter Karten

Die Recherchen seines Teams beginnen meist im Amtskeller. Dort lagern mehr als 150.000 teils uralte Lage- und Schnittbilder der früheren Bergbaubetreiber in grauen Metallschubladen. Zusätzlich durchstöbern sie "Berechtsame", das sind Schwarten in Kurrent- oder Sütterlinschrift – eine Art Grundbuch der Grubenbetreiber. "Viele Informationen sind vorhanden, aber viele eben auch nicht", sagt Hogrebe. Mühsam haben sie Teile der Unterlagen inzwischen digitalisiert. Aber illegale Bergwerke sind nicht dokumentiert, und viele Karten verschwanden im Bombenhagel der Weltkriege – und so bleiben die Gefahren verborgen in den Tiefen des Bodens.

Genau 2775 Tagesöffnungen, also Schachtzugänge, verzeichnet derzeit die Risikotabelle des Bergamts. An jeder einzelnen kann Schlimmes passieren. Liegt eine in einem Wohngebiet, rutscht sie in der Priorität prompt nach oben, wird also vordringlich behandelt. "Die Sicherheit der Bevölkerung hat immer Vorrang", sagt Hogrebe. "Gefährliche Schächte könnten unter Hochhäusern oder Straßen liegen." 2013 musste er Teile des Essener Bahnhofs über Wochen lahmlegen. Ein vergessener "wilder" Stollen, 24 Meter unter den Gleisen, war eingebrochen.

Hogrebe und seine Mannschaft stehen vor einer Jahrhundertaufgabe. Es ist ein Wettrennen gegen die Zeit. Je mehr die Grubenbauten altern, desto wahrscheinlicher wird, dass sie einbrechen. Allein in NRW gibt es etwa 60.000 Zugänge zu Stollen und Schächten, erst 30.000 sind amtlich erfasst – aber längst nicht alle untersucht. Hogrebes Team hat bisher gut 1200 Schächte geprüft – 1100 waren einsturzgefährdet. Fast alle also.

Stollensuche: Meist beginnt die Recherche in antiken Dokumenten

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Wie sollen sie das jemals schaffen? Und es gibt noch ein weiteres Problem. So richtig kann das Bergamt die Gefahrenlage gar nicht überblicken. Etwa 85 Prozent der alten Grubenbauten gehören RWE, Eon, Thyssen-Krupp und anderen Altbetreibern. Die sind nicht verpflichtet, Auskunft darüber zu geben, ob und wie sie Schächte sanieren. Man tausche sich aus, aber: " Alles wird uns nicht gesagt", sagt Hogrebe. Deshalb gibt es auch kein flächendeckendes Kataster. Die NRW-Grüne Wibke Brems, Spezialistin für Bergbau, bezeichnet das als Skandal. "Wir brauchen dringend eine Anzeigepflicht", sagt sie.

Am nächsten Tag, Außeneinsatz. Nicole Reinersmann und Ingo Milas steigen in den taubengrauen Amtsbulli. Auf alten Karten wurden bei Gevelsberg sieben Schächte entdeckt. Die beiden Mitarbeiter sollen sie nun orten und überprüfen. Nur selten steigen sie dabei in unterirdische Gänge ein. Aber manchmal spielen schon Kinder darin. Oder es kriechen Hobbyarchäologen hinein. "Dann handeln wir sofort und verfüllen sie", sagt Milas.

Wehe, wenn das Stadion absackt

Neben einem Fachwerkhaus steigen sie aus. Milas hat alle Geodaten der Schächte zuvor in sein GPS-Gerät eingegeben. Er legt den Finger auf den Startknopf: "Los geht's!" Sie queren eine nasse Weide, aus der Ferne glotzt ein Reh. "Zehn, neun, sieben ...", sagt Milas – und bleibt ruckartig stehen. Er haut eine orangefarbene Messstange in den Boden: "Treffer, versenkt!"

Hier war mal eine Schachtöffnung. Zu sehen ist nichts. Keine Senke, keine Abdeckung. Milas wühlt in den alten Karten. "Seiger Schacht. Dat war die Zeche Vereinigte Trappe." Keine akute Gefahr. Gut. Und weiter, nächster Schacht.

2017 senkten sich Parkplätze am Dortmunder Stadion. Arbeiter füllen Beton in die alten Schächte

2017 senkten sich Parkplätze am Dortmunder Stadion. Arbeiter füllen Beton in die alten Schächte

Die letzte Tagesöffnung liegt in einem Waldstück in der Nähe eines Wanderwegs. Ein zehn Meter breiter Krater, sechs Meter tief. Die Leute haben ihn offenbar mal als Müllkippe benutzt. In dem Loch liegen Autoreifen und ein rostiger Pinkelpott. "Der ist schon alt", sagt Reinersmann, "auch hier müssen wir aktuell nichts tun."

An anderen Orten aber heißt es: sofort eingreifen. Peter Hogrebe ist auf dem Weg zum Signal Iduna Park, dem alten Westfalenstadion in Dortmund. In dieser Gegend verlaufen die Steinkohleflöze "Helene", "Präsident" und "Johann", die teils schon im 18. Jahrhundert ausgebeutet wurden. "Die Bergleute sind hier sehr tief gegangen, bis zu 30 Meter", sagt Hogrebe. Vergangenen Sommer senkte sich der Boden auf den Parkplätzen E3 und C2. Die Gefahr bestand, dass Autos oder Busse in die Tiefe stürzten. Ein großer Teil wurde gesperrt.

Über Tagesbrüche scherzt man nicht

752 Löcher haben Arbeiter seither gebohrt, um Hohlräume zu finden. Nun werden diese mit 2500 Kubikmeter Beton gefüllt. Die Stützen einer Brücke über die benachbarte Ardeystraße müssen neu unterfüttert werden. Ein Millionenprojekt.

Ob das hält? Hogrebe schaut zum Stadion. Vor Jahren hat man einen Schacht direkt unter dem Mittelkreis entdeckt. Was wohl passiert wäre, wenn der Rasen im Spiel eingebrochen wäre und die Schwarz-Gelben ... Er schluckt die makabre Story mit einem Lächeln runter. Über Tagesbrüche scherzt man nicht. Aber Hogrebe ist nun mal kein BVB-Fan: Er ist ein Schalker.

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