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Berliner Flüchtlingsunterkunft: Starb ein Ungeborenes, weil die Security nicht den Rettungsdienst rufen wollte?

Eine hochschwangere geflüchtete Frau braucht einen Krankenwagen, Sicherheitsleute der Unterkunft verweigern den Notruf. Wenig später ist das ungeborene Kind tot. Diesen Vorwurf erheben die trauernden Eltern und der Berliner Flüchtlingsrat. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Wegweiser zu einem Krankenhaus

Im Krankenhaus angekommen, entband die 21-Jährige einen toten Sohn

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Es sind schwere Anschuldigungen, die der Flüchtlingsrat Berlin erhebt: Vor einem Monat brachte eine geflüchtete Frau in einem Berliner Krankenhaus einen toten Jungen zur Welt – laut Mitteilung des Vereins, weil der Sicherheitsdienst in der Sammelunterkunft der Familie sich geweigert habe, den Rettungsdienst zu rufen, nachdem die Hochschwangere in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni über Schmerzen geklagt und starke Blutungen bekommen habe.

"Es sei Sonntagnacht, da könne man nicht die Feuerwehr rufen. Er war auch nicht bereit ein Taxi zu rufen, da das Krankenhaus nur wenige hundert Meter entfernt sei", habe ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes dem Ehemann der Frau gesagt, so der Flüchtlingsrat in einer Mitteilung.

Das Paar habe sich anschließend zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den drei Kilometer langen Weg in die nächstgelegene Klinik mit Geburtshilfeabteilung gemacht. "Im Krankenhaus entband die Frau einen toten Jungen, Normalgewicht, Todesursache akute Plazentainsuffizienz (es entsteht Sauerstoffmangel, d. Red.). Bei dieser Diagnose besteht Lebensgefahr für das Ungeborene", beschreibt der Flüchtlingsrat die Situation im Krankenhaus. "Es ist davon auszugehen, dass das Kind am frühen Morgen noch gelebt hat." Die 21-jährige Mutter selbst sagte laut "Tageszeitung", sie habe wenige Stunden zuvor noch das Strampeln ihres ungeborenen Kindes gespürt. Ein früheres Eintreffen im Krankenhaus hätte den Jungen retten können, sagte eine Ärztin laut Flüchtlingsrat. Die Frage dürfte auch in den Ermittlungen der Behörden eine maßgebliche Rolle spielen.

Strafanzeige wurde gestellt

Denn das junge Paar hat einen Anwalt eingeschaltet. Tobias Kiwitt aus Wedel bei Hamburg ist auf Medizinrecht spezialisiert und hat nach eigener Auskunft eine Obduktion durchführen lassen. Am 7. Juli habe er zudem bei der Berliner Staatsanwaltschaft Strafanzeige gestellt. Auch zivilrechtlich will Kiwitt gegen die Verantwortlichen vorgehen, also Schadenersatz oder Schmerzensgeld geltend machen.

Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigt dem stern, Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen und der unterlassenen Hilfeleistung gegen Unbekannt aufgenommen zu haben. Ob sie eine weitere Obduktion anordnen wird, lässt die Behörde zunächst offen.

Die elfstöckige Flüchtlingsunterkunft mit ihren 350 Plätzen im Stadtteil Lichtenberg, in der das Ehepaar untergebracht war, wird von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betrieben. Manfred Novak, Vorsitzender des Kreisverbandes Berlin-Mitte, zeigt sich im Gespräch mit dem stern erschrocken über den Tod des Ungeborenen und äußert sein Unverständnis über das Verhalten der Sicherheitsleute. "Zum Zeitpunkt des Vorfalls, am frühen Sonntagmorgen, waren die beiden Mitarbeiter alleine in der Unterkunft mit den Bewohnern vor Ort. Es gibt klare Dienstanweisungen, dass für Schutzbedürftige bei Bedarf ein Krankenwagen zu rufen ist. Gegen diese wurde verstoßen." Die Sicherheitsleute sollen bei einer ersten Befragung erklärt habe, es habe eine massive Sprachbarriere bestanden.

Berlin: Sicherheitsleute abgezogen

Beauftragt hat die Awo das Berliner Unternehmen G & S GmbH, ein "guter und zuverlässiger Partner", wie Novak ausführt. Die Arbeiterwohlfahrt arbeite schon mindestens seit den 1990er-Jahren mit der G & S GmbH zusammen. "Es gab bisher keinen Anlass für Beanstandungen." Die beiden Sicherheitsleute wurden nach Angaben Novaks von der Position in der Wohnunterkunft abgezogen und sollen nicht mehr in Awo-Einrichtungen eingesetzt werden.

Die Verantwortlichen der G & S GmbH gingen auf Tauchstation. Am Telefon wollte man sich nicht zu dem Vorfall in der Flüchtlingsunterkunft äußern, eine Anfrage per E-Mail blieb unbeantwortet.

Neben der juristischen Aufarbeiten des Todes hat auch die politische Diskussion begonnen. Der Flüchtlingsrat fordert vom Berliner Senat neben einer lückenlosen Aufklärung "die vertraglichen Maßgaben für Heimbetreiber und Securityfirmen entsprechend anzupassen und die Mitarbeitenden anzuweisen, im Zweifel immer einen Rettungsdienst zu rufen, wenn Flüchtlinge darum bitten."

Frau mit Zöpfen

Der Senat sagt Untersuchungen zu: "Das ist ein entsetzlicher Vorfall, der betroffen macht und Fragen aufwirft", erklärte Integrationsstaatssekretär Alexander Fischer. "Er wird aufgeklärt. Es ist inakzeptabel, wenn Menschen die Notfallversorgung verwehrt wird. Das muss jederzeit gewährleistet sein." Der Familie gehöre sein Mitgefühl, so Fischer. "Sie muss jede Hilfe bekommen."

Die Eheleute, die erst vor wenigen Monaten aus Armenien nach Deutschland gekommen sind, lebten inzwischen in einer anderen Wohnunterkunft. Die Awo habe ihnen unverzüglich unter anderem psychologische Hilfe angeboten, sagt der Kreisvorsitzende Novak. "Wir tun alles, um sie bei der Bewältigung dieses schrecklichen Ereignisses zu unterstützen."

Rechtsanwalt Kiwitt bemüht sich indes darum, dass der Leichnam des ungeborenen Junge zur Beisetzung freigegeben wird. Damit die Eltern Abschied nehmen können.

Anmerkung: Nach Erscheinen dieses Artikels korrigierte die Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen liefen nicht wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung sondern wegen der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen. Wir haben die entsprechende Passage angepasst.

Quellen: Flüchtlingsrat Berlin e.V., "Tageszeitung", Arbeiterwohlfahrt, Tweet Alexander Fischer, Nachrichtenagentur DPA