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Berlin für Arme: Unkorrektheiten am Rande der Legalität

Sie gehören zum Prekariat, wissen nicht, wie Sie in Zukunft über die Runden kommen sollen oder stecken schon tief drin in der Hartz-IV-Hölle? Das ist traurig, doch jetzt gibt es einen kleinen Trost: Der Überlebensratgeber "Berlin für Arme" lotst Sie fortan durch den Wo-gibt-es-was-billig-oder-für-umsonst-Dschungel.

Von Judka Strittmatter

Auch wenn einer vor elf Jahren noch von der "Zeit" als heimlicher Wenderoman-Autor gefeiert wurde, weil sein Buch "Paradies" die Finessen der Ost-West-Zusammenführung brillant beschreibt, so muss er dennoch nicht zu Ruhm und Reichtum gekommen sein. Schreiben, selbst sehr gut schreiben, macht in den meisten Fällen eher arm, Bernd Wagner hat es selbst erfahren. Er ist Autor, Jahrgang 48, und ALG II-Empfänger. Aber wie gut, dass er arm ist: Selbst darüber kann man ein Buch machen. Und eine Schulung für Betroffene noch dazu. Und so ist es kein Wunder, dass bei der Buchvorstellung in Berlin die Hütte richtig voll ist. Denn die Hauptstadt hat viele Arme. Und jeden Tag werden es mehr.

Am Tag der Buchvorstellung steigen sie in den vierten Stock des Second-Hand-Kaufhauses "Humana" am Frankfurter Tor, einem prächtigen Stalinbau aus den Fünfzigern, zu DDR-Zeiten mal "Haus des Sports". Wagner und sein Verlag Eichborn haben geladen, und es kommt, wer kann, und sei es nur, um sich am überschaubaren Büfett durchzuschnorren. Warum auch nicht, ums Schnorren geht es weithin auch in Wagners Buch "Berlin für Arme". Aber auch darum, dass man den Zustand des chronischen Geldmangels mit Würde und Intelligenz schultern kann. Und - besonders würdevoll - auch mit Humor.

Sie sind Vertreter des notorisch klammen Künstlerproletariats

Wagner und seine ihm zuarbeitende Tochter und Co-Autorin Luise Wagner, laut Klappentext zur Zeit "freiberufliche Weltreisende", haben es vorgemacht: Hier sprechen keine tumben RTL- und Fast-Food-konsumierenden Unterschichtler, sondern Vertreter des notorisch klammen Künstlerproletariats, deren Verarmung von der Politik weitgehendst ignoriert wird und denen der Entzug geistiger Nahrung wohl die weitaus größere Pein bedeuten würde. Trotz laxem Ton und frechem Witz erheben sie sich nicht über die Nöte und Ängste Mitbetroffener, sondern ermuntern zur Größe, auch bei Untergangsszenarien.

Schon im Vorwort spaziert Wagner in die Welt der reflektierenden Denker, und erinnert alle, die mit Scham auf ihren Zustand schauen, dass schon Buddha und der Heilige Franziskus ihre Erbschaft ausschlugen, um die Gnade des Armseins zu erfahren. Frei nach dem Motto: Armut schändet nicht. Und Diogenes? Lebte immerhin in einer Tonne. Schlussfolgerung des Autors: ohne Armut gebe es "keine Philospohie, keine Gewerkschaften und keine selbstgedrehten Zigaretten".

Unkorrektheiten am Rande der Legalität

Seine schmissigen Thesen, vorgetragen im grauen Dreiteiler, von dem anzunehmen ist, dass er nicht ladenneu erstanden wurde und der dennoch Eleganz versprüht, können sogar ein Publikum erheitern, dessen Frustpegel sich nur durch einen warmen Regen senken ließe - doch der ist nicht in Sicht. Also zum Nahe liegenden: zu romantischen Fährfahrten auf dem Wannsee, zu Konzertbesuchen in Hochschulen und zu Fressorgien in Landesvertretungen - und alles für lau. In witziger und gescheiter Manier lotsen einen die Wagners durch den Wo-gibt-es-was-billig-oder-für-umsonst-Dschungel, animieren dabei auch zu Unkorrektheiten am Rande der Legalität (Wie man den GEZ-Mann umgeht, wie man eine Kinosammelkarte selber vollstempelt, wie man im Fundbüro fremdes Eigentum als das eigene deklariert) aber eben nur am Rande. Da hält es der Dichter mit der Frau Wolff aus dem "Biberpelz": "Aber stehlen ...nee. A bissel mausen, ja."

Der schönste und simpelste Tipp, im Buch untermauert mit einer ausgefeilten Karte, ist die Animation zum Erntehelfereinsatz auf Berliner Wiesen und Alleen. Was hier - mitten in der Stadt - alles wächst und umsonst zu haben ist! Äpfel, Johannisbeeren, sogar Aprikosen und Mirabellen. Und auch der im Bioladen für teuer Geld verkaufte Bärlauch - im Osten auffindbar im Treptower Park, im Westen im Schlosspark Charlottenburg. Mit einem Sträußchen dessen belohnt das Autoren-Duo an diesem Nachmittag unter anderem auch die Mitmachenden ihrer Quizrunde, deren Fragen sich auf Vorgelesenes berufen und deren Teilnehmer sich von den Wagners auf ihre real existierende Armut abklopfen lassen müssen: "Was, sie sind mit dem Auto hier?" Buhrufe, nicht allzu ernst gemeint.

Auch für Armutsferne: empfehlenswert!

Ein Buch ist hier entstanden, das auch Armutsfernen sehr ans Herz zu legen ist. Denn nebenbei ist nicht nur ein vorzügliches kleines Kochbuch drin versteckt (Bärlauchrisotto, Leinöl-Quark), auch zeitgenössischen Riten werden endlich mal hinterfragt: "Warum immer nur Stiefmütterchen auf Gräber pflanzen und nicht etwas Essbares? In früheren Zeiten muss das anders gewesen sein, denn woher sonst kommt die Redewendung ‚sich die Radieschen von unten ansehen'?" Schlussendlich steckt in Wagners feinem Büchlein auch ein Berlinführer der besonderen Art. Welcher SPD-affine Berlinbesucher weiß schon, was ihm das Willy-Brandt-Haus alles bietet? Wagners Recherchen sei Dank: "Zu Füßen des bronzenen Willy können Sie dann Platz nehmen und kostenlos einen Film sehen, einer Lesung oder dem Einführungsvortrag einer Ausstellung lauschen und, wenn Sie Glück haben, sich in der Spätausgabe der ‚Berliner Abendschau' bewundern."

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