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Berlin Kapitaler Problembär


Leerer Flughafen, kaputte S-Bahn, Eigentor-Hertha und deutscher Hundescheiße-Rekordhalter: Willkommen in Berlin, Hauptstadt der Peinlichkeiten.
Von Werner Mathes, Berlin

Sie hatten sich schon so auf den 24. Mai gefreut, die 10.000, die mit Angela Merkel aufs neue Tor zur Welt anstoßen wollten während der Eröffnungsfeier für den neuen Großflughafen Berlin Brandenburg BER. Der sollte dann zehn Tage später den Flugbetrieb aufnehmen - eigentlich. Doch dann mussten beide Termine abgesagt werden, weil der Bau voraussichtlich erst im Herbst fertig sein wird.

Natürlich beömmelt sich nun wieder halb Deutschland über seine bescheuerte Hauptstadt. In der so vieles schief läuft (oder gar nicht) und so wenig funktioniert. Die vor allem bevölkert wird von großmäuligen Wichtigtuern, aufschneiderischen Gernegroßen und raubeinigen Hartz-4-Empfängern. Berlin, so hatte es der Industrielle Walther Rathenau schon Anfang des 20. Jahrhunderts erkannt, sei der "Parvenü der Großstädte und die Großstadt der Parvenüs" - von unkultivierten Emporkömmlingen also, die unfähig sind, sich den besseren Kreisen anzupassen.

Einer wie der Raumausstatter und CDU-Politiker Frank Steffel zum Beispiel, der 2001 als "Kennedy von der Spree" gegen Klaus Wowereit antrat - und verlor. Steffel hatte bei einem Wahlkampfauftritt am Alexanderplatz, als plötzlich Eier flogen, ängstlich Schutz hinter dem breiten Kreuz seines Gastes Edmund Stoiber gesucht. Über die Bilder dieser kümmerlichen Vorstellung amüsierte sich wieder halb Deutschland.

Ob Flughafen oder Bahnhof

Genau so wie über den längsten Witz der Welt, die Berliner S-Bahn mit ihren 330 Streckenkilometern. Die wurde zur Lachnummer, als 2009 wegen Sicherheitsmängeln an den Radscheiben nur noch ein Viertel der Fahrzeugflotte auf den Schienen fuhr. Zwei Jahre lang gehörten Ausfälle und massive Verspätungen zum Alltag der pendelnden Berliner. Wer als Erwachsener mit einer Kinderfahrkarte erwischt wurde, konnte sich leicht herausreden: "Da sehen Sie mal, wie lang ich schon auf diesen Zug gewartet habe."

Bleiben wir gleich bei der Bahn und ihrem Berliner Hauptbahnhof. Weil das Bauwerk unbedingt zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fertig sein musste, ließ der damalige Bahnchef Mehdorn das gläserne Längsdach nicht auf die geplante Länge von 450 Metern bauen, sondern verkürzte es auf 321 Meter. Weil aber ein ICE in der Regel 410 Meter lang ist, wurden bei Regen oder Schnee ausgerechnet die Fahrgäste der 1. Klasse nass. Deshalb wollte die Bahn Mitarbeiter einstellen, die diese Fahrgäste mit Regenschirmen zum Zug begleiten sollten - was sich dann aber als zu teuer herausstellte.

Teuer bleibt auch der 2008 geschlossene innerstädtische Flughafen Tempelhof. Die Unterhaltung des riesigen Gebäudekomplexes, mit dem man wohl so richtig noch nichts anzufangen weiß, kostet die Stadt jährlich über acht Millionen Euro. Das 220 Hektar große ehemalige Flugfeld ist vor zwei Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Tagsüber darf sie über zehn Eingänge aufs Feld, das irgendwann einmal an den Rändern bebaut und ansonsten eine Parklandschaft werden soll, irgendwie.

Versunken im "Berliner Sumpf"

So richtig fertig wird Berlin auch mit seinem Teufelsberg nicht. Der war nach dem Krieg mit 26 Millionen Tonnen Trümmerschutt zerbombter Häuser und Gebäude aufgeschüttet worden. Auf dem Hügel hatten dann die Amerikaner eine Flugüberwachungs- und Abhörstation errichtet, deren weiße Ballonkuppeln kilometerweit zu sehen waren. Als die Amis nach der Wiedervereinigung abzogen, verfiel die Anlage langsam. Erst sollten dort oben Luxuslofts entstehen, dann wollten der Regisseur David Lynch und eine Maharishi-Stiftung eine "Vedische Friedensuniversität" bauen, was sich aber zerschlug, weil für die Kosten das Kanzleramt aufkommen sollte. Das kommunalpolitische Personal der Stadt ist offenbar uneins über eine künftige Nutzung: Die Grünen wollten die Silhouette der Kuppeln erhalten, die CDU plädierte für "Rückbau und Verlandschaftung".

Als die Stadt noch durch die Mauer geteilt war, gab es die "Hauptstadt der DDR" und nebenan "Berlin (West)", so die amtliche Bezeichnung der Westler. Für die Ostler drüben war es die "Selbständige politische Einheit Westberlin". Dieses West-Berlin hatte weder eine Sperrstunde noch eine Wehrpflicht und war deshalb bei jungen Provinzlern aus West-Deutschland äußerst beliebt, während es gebürtige Berliner, die was werden wollten, aus der Stadt trieb.

1964 zog so ein Provinzler namens Wolfgang Antes nach West-Berlin. Er studierte, trat in die CDU ein und wurde schließlich Baustadtrat im Bezirk Charlottenburg. Antes war die Schlüsselfigur in einer Affäre, die als "Berliner Sumpf" Schlagzeilen machte und ein bunter Querschnitt der betuchten Berliner Gesellschaft hinter Schloss und Riegel brachte, darunter Bauunternehmer, Rechtsanwälte und Steuerberater. 1986 wurde Antes zu fünf Jahren Haft verknackt, weil er gestanden hatte, 300.000 Mark an Bestechungsgeldern angenommen zu haben. Darunter 50.000 von einem Bordellbetreiber mit dem vergnügungssteuerpflichtigen Namen Otto Schwanz, der dafür einen lukrativen Pachtvertrag für ein Café im Europa-Center bekam.

Das Irrenhaus der Republik

In dieser Zeit pumpte Restdeutschland ins eingemauerte West-Berlin unverdrossen Geld, auf das nicht nur Bauspekulanten und Politiker scharf waren, die sich wie afghanische Warlords aufführten, sondern auch junge Zuwanderer, die hier Kultur machen wollten und sich vorzugsweise im Stadtbezirk Kreuzberg einnisteten. West-Berlin war bald das Irrenhaus der Republik und Kreuzberg seine geschlossene Abteilung. Vor kurzem feierte man dort die 25. militante "Revolutionäre 1. Mai-Demo", die Jahr für Jahr mit einer beamtenhaften Routine zelebriert wird.

Heute ist Berlin nicht nur die Hauptstadt der Randalierer und Querulanten, sondern auch der Hunde. Hier gibt es allein 110.000 Köter, für die Steuern gezahlt wird. Wenn täglich 250.000 Hundehaufen auf die Straßen und Plätze der Stadt geschissen werden, müssen es erheblich mehr sein. Dass der gemeine Berliner Hundehalter die Kacke seiner Töle in der Regel eher nicht eintütet, stinkt nicht nur denen, die reintreten, sondern auch Aktivbürgern, die die Haufen mit Fähnchen markieren. Andere gehen das Problem lieber nachhaltig an und verstecken mit Rattengift präparierte Fleischköder in Parks und Hecken.

Der Charme einer bescheuerten Stadt

Wütend müssen auch die Fans von Hertha BSC sein, die ihre Katastrophenkicker in der Relegation gegen den Noch-Zweitligisten Fortuna Düsseldorf im fast ausverkauften Olympiastadion verlieren sahen. Eine Hauptstadt, die sich einen solchen Club leistet, gibt es wohl nicht noch einmal auf der Welt.

Trotzdem: Irgendwas muss diese bescheuerte Stadt haben. Ihre Unberechenbarkeit muss geschätzt und ihre Hemdsärmeligkeit gemocht werden, wenn sie im vergangenen Jahr 9,9 Millionen Gäste beherbergt hat, die hier rund 11,7 Milliarden Mark ausgaben. Und es waren nicht nur Touristen aus dem Ausland, die Berlin und seine Bewohner kaum kennen. 59 Prozent kamen aus dem umliegenden Deutschland, 5,8 Millionen Menschen, die sich auf diesem Rummelplatz offensichtlich sauwohl fühlen.


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