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Berlin-Neukölln: Abschied vom Pascha-Klischee

Eine Initiative in Berlin-Neukölln unterstützt türkische Männer bei Problemen im Alltagsleben. Dabei wird deutlich, dass das gängige Vorurteil gewaltbereiter Paschas nicht mehr passt - und dass die Türken mit Kritik an der Politik ihres Mutterlandes nicht hinterm Berg halten.

Von Kristina Pezzei

Wenn die Sprache auf seinen Namensvetter, den türkischen Regierungschef, kommt, verengen sich die Augen von Kazim Erdogan zu Schlitzen, das Kinn wird noch ein Stück spitzer, er streckt den Hals vor. "Ich habe mich geschämt, dass der Ministerpräsident nach Jahrzehnten immer noch nichts dazugelernt hat." Die Stimme des Berliner Psychologen ist voller Zorn. "Das ist doch reiner Populismus, was er da in Köln von sich gegeben hat." Kazim Erdogan spielt auf die umstrittene Assimilations-Rede des türkischen Regierungschefs an. Wer von Türken in Deutschland eine völlige Anpassung an die hiesige Kultur verlange, begehe ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, hatte der während seines Deutschland-Besuchs gesagt.

Reine Propaganda, sagt Kazim Erdogan in seinem Büro im Jugendamt des Bezirks Neukölln, und setzt nach. "Manche Kinder mit Migrationshintergrund hier kennen die Türkei doch nicht mal aus dem Urlaub." Überhaupt, das Aufräumen mit Klischees ist seine Sache. Wo der Namensvetter große Reden schwingt und für Misstöne sorgt, setzt der Psychologe konkret vor Ort an. Der 54-Jährige ist Vater einer türkischen Männergruppe in dem Viertel, der zu den sozialen Brennpunkten in der Stadt zählt.

Bedarf ist da – die Männer öffnen sich

Für türkische Mädchen, für misshandelte Frauen und benachteiligte Kinder, für alle gab es Anlaufstellen – nur für die Väter nicht. Wozu auch, sind sie doch schlagkräftig, patriarchalisch veranlagt und haben ohnehin die Fäden in der Hand. So weit das Vorurteil. Stimmt aber nicht. "Fast alle Männer haben konkrete Probleme mit der Kindererziehung, mit Trennung und Scheidung", sagt Erdogan. "Viele Themen gelten als Tabu, aber wenn zwei anfangen zu reden, kommen die anderen von selbst."

Der Zulauf zu der Initiative gibt ihm recht. Mit zwei Männern fing Erdogan vor gut einem Jahr an, inzwischen kommen jeden Montagabend an die 20 Ratsuchende in das großzügige Büro mit der Fensterfront zum Garten. Mal bleibt einer weg, dafür kommt ein neuer hinzu. Diesmal hat es Halil diesmal gewagt. Der Vater zweier Kinder ist auf Anraten eines Freundes dazugestoßen. Er findet es schwierig, im deutschen Gesellschaftssystem zu leben. "Ich habe ein Problem damit, wenn die Frau nicht macht, was ich ihr sage."

Die Gruppe gibt Stabilität

Der schwerfällige Mann braucht mehr als eine Stunde, bis er sich traute, in der Runde zu reden. "Die Frau stellt sich dann hin und sagt, was glaubst du eigentlich, wo du bist." Die anderen Männer, dicht gedrängt um den Tisch, hören zu, warten ab. Sie kennen die Probleme, wenn Rollenbilder verschwimmen, wenn Arbeitslosigkeit und fehlende Chancen die Daseinsberechtigung infrage stellen und Gewalt keine Lösung ist. Auch sie haben sich geöffnet.

Zwar bespreche er vieles mit seiner Freundin, erzählt der junge Akif. Aber so richtig seine Sorgen und Nöte herauszulassen, das habe er erst hier gelernt. "Es sind andere da, die vielleicht ihre Erfahrungen haben, zum Beispiel mit einer Trennung." Akif hat seine persönliche Krise dank der Gruppe gemeistert, er ist der Runde trotzdem treu geblieben. Sie gibt ihm Stabilität.

Schlechte Noten für den Regierungschef

In der Ecke köchelt Tee, auf dem Tisch steht eine Schale mit Keksen. Erdogan sitzt schier unbeteiligt dabei, den Brillenbügel im Mundwinkel, doch das täuscht: Er moderiert. Setzt die Themen, hakt nach. Wenn jemand mit konkreten Herausforderungen – Schulprobleme des Kindes, Details im Scheidungsstreit – kommt, verabredet er sich zu einem Einzelgespräch. Die Gruppensitzung organisiert der Vater zweier Töchter in seiner Freizeit. Der Arbeitstag, der um vier Uhr morgens begann, hat an diesem Montag erneut mehr als 16 Stunden. Und doch, müde wirkt der gebeugt gehende Mann nicht. Dafür mischt er sich zu gern ein, setzt immer wieder aktuelle politische Themen auf die Agenda der Sitzungen.

Wie derzeit eben die Debatte um den staatsmännischen Namensvetter Tayyip Erdogan. Auf den ist keiner in der Runde wirklich gut zu sprechen. "Er hat nach der Tragödie in Ludwigshafen die Gunst der Stunde genutzt", sagt Süleyman. Mit 63 ist er einer der Ältesten am Tisch. Er lebt seit Jahrzehnten in Berlin, einer der 250.000 Türken in der Stadt. Die anderen sagen, bei seiner Wortgewandtheit sollte er selbst Politiker werden. Süleyman fände es gut, wenn die Türkei in die Europäische Union aufgenommen würde. Aber unter den gegenwärtigen Bedingungen könnten sich das die Menschen wohl abschminken, sagt der Rentner und verweist auf das marode Sozialversicherungssystem in der Türkei. Auch wenn die Hartz-IV-Sätze in Deutschland keinen Luxus ermöglichten – in seiner alten Heimat könne man kaum leben. "Die Türkei ist auf dem Weg ins Mittelalter."

Wer eine Arbeit will, muss Deutsch lernen

Wie es mit seiner Integrationsbereitschaft in Deutschland aussehe, fragt der Psychologe Erdogan, um zu verhindern, dass die Diskussion in eine permanente Türkei-Kritik abgleitet. "Hand aufs Herz: Was haben wir als Türken gegeben, um das Miteinander zu fördern?" Süleyman sagt, von sich aus habe er in diese Richtung keinen Schritt gemacht. Den türkischen Pass hat er behalten, um der Heimat treu zu bleiben – denn den Menschen fühlt er sich verbunden.

Erdogan erwartet von der nachwachsenden Generation da mehr. Wer eine Arbeit will, muss seiner Meinung nach vor allem Deutsch lernen, muss gebildet sein. "Kommunikation ist der Anfang von allem, Sprachlosigkeit der Grundstein für alle Probleme, die wir hier besprechen." Soll der Namensvetter in voll besetzten Stadien ruhig populistische Reden schwingen. Der kleine, ergraute Mann sitzt am späten Abend auf seinem Bürostuhl in der Böhmischen Straße eines Bezirks, in dem Menschen aus 163 Nationen leben, und sagt: "Ich trage beide Länder auf beiden Schultern. Wenn wir die Vorurteile nicht überwinden, haben wir keine Überlebenschance."

spi