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Berlin-Tempelhof: Kampf um liebgewonnenen Nazi-Bau

Er sollte ein Teil von Adolf Hitlers Welthauptstadt "Germania" werden, aber er ist auch ein Symbol für die Freiheit: der Berliner Flughafen Tempelhof. Eigentlich soll der Flugbetrieb dort bald eingestellt werden. Eine Bürgerinitiative kämpft jedoch für den Erhalt des geschichtsträchtigen Flughafens - mit guten Erfolgsaussichten.

Von Marcus Müller

Ruhig, mächtig, wie eine gigantische Kathedrale liegt der Flughafen Berlin Tempelhof in der Nacht. In einem kräftig-kühlen Blau strahlt der Schriftzug "Zentralflughafen" so weit in den dunklen Himmel, dass im Notfall sogar orientierungslose Flugzeuge den Weg hierher finden. Der Nazi-Bau ist eine Legende. Noch immer zählt das gebogene 1250 Meter lange Gebäude zu den größten der Welt.

Sechs Stockwerke ragen in die Höhe, drei gehen in den Untergrund. 9.000 Büroräume gibt es, sieben Flugzeughangars, 13 massige Treppenhaus-Türme. Die 40 Meter weit hervorragende Stahl-Dachkonstruktion zum Rollfeld hin sollte bei Flugschauen als Tribüne bis zu 100.000 Menschen tragen. Der Flughafen hatte ein eigenes Wasser- und Elektrizitätswerk, Liefertunnel für die Eisenbahn und Laster sowie ausgedehnte Bunkeranlagen. Tempelhof ist ein noch stehender Teil von Hitlers irren Plänen einer Welthauptstadt "Germania".

Volkswillen gegen Willkür

Um diesen Klotz von Bauwerk herrscht ein Streit, in dem es inzwischen sehr grundsätzlich zugeht. "Ja zum Volkswillen. Nein zur Willkür", schreit es seit einigen Wochen von blau-grünen Plakaten in Berlin. Besonders dramatisch wird die Botschaft nachts an den Bushaltestellen, denn dann ist sie auch noch kräftig von hinten beleuchtet. Volkswillen gegen Willkür, das riecht nach politischem Skandal, einem dicken Aufreger. Und so hätten es die Plakatkleber von der Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof (ICAT) auch gern, denn sie kämpfen für dessen Erhalt.

Mit einem Volksbegehren will die ICAT das Aus für Tempelhof, das für Ende Oktober 2008 vorgesehen ist, noch verhindern. Bis Mitte Februar benötigt sie dafür 170.000 Stimmen. Hatte es in den ersten Wochen der Abstimmung Ende vergangenen Jahres noch so ausgesehen, als wäre das Interesse für Tempelhof nur mäßig, hat die Abstimmung zum Jahresende erheblich an Fahrt gewonnen. Gut 149.000 Stimmen haben die Tempelhof-Freunde bis jetzt zusammen.

Pflügers Auferstehung

Das ist mehr, als so mancher im rot-roten Berliner Senat des Klaus Wowereit (SPD) erwartet hätte. Und plötzlich steht auch der bisher eher blasse CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger mit einem Erfolgsthema da. Die oppositionelle CDU hatte sich vehement gegen die Schließung Tempelhofs ausgesprochen, obwohl der ursprüngliche Beschluss vor mehr als zehn Jahren unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen fiel, ebenfalls CDU-Mitglied.

Nun will Pflüger seinen Kontrahenten Wowereit mit dem Thema Tempelhof vor sich her treiben. Wenn der Regierende Bürgermeister nach einem Erfolg des Volksbegehrens "nicht noch die Kurve kriegt", so Pflüger, dann folge ein Volksentscheid. Es gilt zwar als unwahrscheinlich, dass die dafür notwendigen gut 600.000 Stimmen zusammen kommen werden. Doch Pflüger könnte Wowereit mit dem Thema monatelang nerven.

Planlos in die Zukunft

In der SPD sind die lässig gemeinten Sprüche, es handele sich bei dem Volksbegehren um eine "Schicksalsfrage für Pflüger" inzwischen nicht mehr so oft zu hören. Erschwerend kommt für den Senat hinzu, dass nicht klar ist, wie es nach dem Schließungsbeschluss weitergehen soll, der nach langen juristischen Rangeleien Ende 2007 vom Bundesverwaltungsgericht endgültig bestätigt wurde. Sollen Häuser auf das 400 Hektar große Areal, Gewerbegebiete, ein Central-Park nach New Yorker Vorbild, Sportplätze oder gar ein Wiesenmeer?

Diese Unsicherheit macht es den Befürwortern leicht, für einen Geschäftsreisenden-Airport mitten in der Stadt zu trommeln oder den Investoren-Plan einer Luxusklinik mit eigenem Rollfeld zu beklatschen. Einer der größten Trümpfe der ICAT und der CDU ist aber offenbar die deutsche Nachkriegsgeschichte. Denn seit der sowjetischen Blockade West-Berlins 1948/49 und der Luftbrücke der West-Alliierten ist Tempelhof auch ein Symbol der Freiheit.

Frontstadt-Nostalgie verleiht Aufwind

Im 90-Sekunden-Takt landeten damals die "Rosinenbomber" auf zwei eilig neu angelegten Rollbahnen und brachten der eingeschlossenen Stadt Kohle, Kartoffeln und Kaugummi. Dass diese Frontstadt-Nostalgie zieht, zeigt sich besonders daran, dass die meisten Stimmen für das Volksbegehren aus den alten Westbezirken Berlins kommen. CDU und ICAT werden zudem von den Zeitungen der Springer-Presse flankiert, die wohl noch aus den gewohnten Zeiten der Teilung Tempelhofs Bedeutung beschwören.

In dem Pathos geht die Bürgerinitiative Flughafen Tempelhof (BIFT) mit ihren Argumenten etwas unter. Sie setzt sich seit der Wiederaufnahme des zivilen Flugverkehrs in Tempelhof in den 1980er-Jahren für dessen Ende ein, um Lärm, Luftverschmutzung und Unfallrisiken mitten in der Stadt zu verringern. Zudem verweist sie auf die Verluste Tempelhofs - gut zehn Millionen Euro macht der Flugplatz Miese im Jahr.

Verlustbringer Tempelhof muss weg

Für den Senat steht fest, dass Tempelhof - ebenso wie später der zweite alte West-Berliner Flughafen Tegel - schon aus juristischen Gründen geschlossen werden muss. Denn der Bau des neuen Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) in Schönefeld im Südosten der Hauptstadt sei baurechtlich zwingend an das Ende Tempelhofs und Tegels gebunden. Außerdem will sich die Flughafengesellschaft mit Blick auf die Kosten für das Großprojekt BBI, der voraussichtlich 2011 in Betrieb gehen soll, schnell vom Verlustbringer Tempelhof trennen.

Ganz gleich, was mit Tempelhof bis dahin passiert, die Hinterlassenschaften der Nazis und auch der US Air Force, die Tempelhof während des Kalten Krieges nutzte, bleiben Neugierigen erhalten: Bei Führungen können sie hinter die Kulissen des Großgebäudes blicken. Und etwa entdecken, dass die Amerikaner den früheren Bankettsaal in eine Basketballhalle umbauten. Die fängt zwar langsam an zu bröseln, steht aber unter Denkmalschutz.