Berliner Ensemble Ex-Terrorist Klar sagt Theaterpraktikum ab


Ende eines umstrittenen Projekts: Das ehemalige RAF-Miglied Christian Klar wird nun doch kein Praktikum am Berliner Ensemble absolvieren. Der nach 26 Jahren Haft entlassene Ex-Terrorist sagte dem Theater ab, weil er sich von Paparazzi verfolgt sieht.

Der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar wird das geplante Praktikum am Berliner Ensemble nicht antreten. Das teilte das von Claus Peymann geleitete Theater am Freitag mit. "Das angestrebte Leben in Normalität nach 26-jähriger Haft scheint unter diesen Umständen nicht möglich." Die Bühne sprach von einer "sensationslüsternen Berichterstattung in einem Teil der Medien" und einer "Belagerung" durch Paparazzi. Klar befürchte, das Theater, Peymann und er selbst könnten Schaden nehmen. Der Ex-Terrorist war kurz vor Weihnachten nach fast drei Jahrzehnten aus der Haft entlassen worden.

Peymann hatte sich mit der Praktikumszusage, mit der er nach eigener Aussage Klar beim Weg zurück in die Gesellschaft helfen wollte, nicht nur Freunde gemacht. "Ich habe den Eindruck, dass da sehr viel Eigeninszenierung im Spiel ist", meinte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Dezember. Senatssprecher Richard Meng begrüßte die Absage als "vernünftig". Der Berliner CDU-Chef Frank Henkel stichelte: "Wir haben stets gesagt, dass das Berliner Ensemble keine Besserungsanstalt für Terroristen ist."

Schon oft hat der mittlerweile 71 Jahre alte Peymann Zuschauer und Politiker provoziert. In Stuttgart rief der Theaterdirektor 1977 zu Spenden für die Zahnarztbehandlung der inhaftierten RAF-Terroristin Gudrun Ensslin auf, wofür er von der Politik davongejagt wurde. In Bochum brachte er "Bambule" von Ulrike Meinhof auf die Bühne. Als das Berliner Ensemble das Praktikum absagte, war der Intendant in Paris und wollte sich zu Klar nicht äußern. Er wisse aber, dass Klar bereue und um Vergebung bitte, wird Peymann in einem Buch zitiert. "Er möchte nur nicht vorgeführt werden in dieser Vergebungsgeste."

Die Entscheidung wirft auch die Frage auf, wie Terroristen nach ihrer Haftentlassung leben. Einerseits haben sie wie alle Verbrecher nach der verbüßten Strafe einen Anspruch auf einen ungestörten Weg zurück in die Normalität. Dabei spielt es juristisch keine Rolle, dass Klar, einst zentrale Figur "Roten Armee Fraktion" (RAF) und wegen neunfachen Mordes verurteilt, sich für seine Taten öffentlich nie entschuldigte.

Foto auf der Titelseite

Andererseits stellt sich die Frage, ob der 56-Jährige durch sein früheres Verhalten - durch ein Interview und ein umstrittenes Grußwort - so prominent geworden ist, dass die Öffentlichkeit ein Recht hat, zu wissen, was er macht. Die "B.Z." druckte ein Foto Klars ab, das ihn vor dem traditionsreichen Theater zeigt. Chefredakteur Peter Huth erklärte, es gebe ein großes Interesse in der Öffentlichkeit. Es sei Aufgabe der Zeitung, abzubilden, was in der Stadt passiert.

Klar, der so lange im Gefängnis saß wie kein anderer RAF-Terrorist, ist auf Bewährung frei. Sein Anwalt Heinz-Jürgen Schneider hatte bei der Entlassung aus Bruchsal bei Karlsruhe deutlich gemacht, sein Mandant werde nicht die Öffentlichkeit suchen. Es seien bereits rechtliche Schritte gegen die Zeitung eingeleitet worden, sagte Schneider am Freitag. Klar habe die Entscheidung zum Verzicht nach einem Gespräch mit dem Theater selbst getroffen. "Er will arbeiten, aber nicht unter öffentlicher Aufmerksamkeit." Nun wolle er sich eine etwas weniger herausgehobene Tätigkeit suchen, "bei der er nicht im Blitzlicht steht". Sein Wohnort wird laut Schneider voraussichtlich Berlin bleiben.

Klar will es anscheinend ähnlich halten wie Brigitte Mohnhaupt: Von der einstigen Komplizin ist seit ihrer Haftentlassung 2007 kaum etwas zu hören. Das Berliner Ensemble bemühte in Sachen Klar den Zitatenfundus der Aufklärung: "Die in Lessings Theaterstück "Nathan der Weise" postulierte Idee von Vergebung und Verzeihen bleibt offenbar ein Traum."

Caroline Bock/DPA DPA

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