Berufswahl 2009 Aufstieg ohne Studium


Die Schule ist aus. Für immer. Viele haben auf diesen Augenblick sehnsüchtig gewartet. Denn jetzt beginnt das richtige Leben. Mit einem Ausbildungsberuf und dem ersten eigenen Geld. Übrigens: Azubis werden auch in Krisenzeiten gesucht. Für viele eine gute Alternative zur Uni.
Von Silke Gronwald

Während der Ausbildung golfen, Tennis spielen und segeln? Zwei Monate mit dem Wohnwagen ins Ausland touren? Oder sich nebenher zum Feinschmecker mit Hochschulabschluss weiterbilden?

Geht nicht? Gibt's nicht? Doch, all das ist heute Berufsausbildung in Deutschland. Lehrlinge gehen nach Buenos Aires, Toronto oder Amsterdam. Sie entwickeln mit modernster Technik neue Produkte, arbeiten in Berufen, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Und manchem bezahlt der Ausbildungsbetrieb sogar das Studium.

Bei Jugendlichen wird die Berufsausbildung immer beliebter: 68 Prozent der Schulabgänger in Deutschland entscheiden sich dafür. 616.000 Azubis begannen 2008 ihr erstes Lehrjahr. Darunter waren viele Abiturienten. Allein in den letzten fünf Jahren erhöhte sich die Zahl der Lehrlinge mit Abi um 38.000 (plus 50 Prozent).

Ausbildung mit Rundumversorgung

Eine von ihnen ist Bianca Schwarzenburg. Sport- und Fitnesskauffrau - seit 2001 ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Bianca lernt im A-Rosa-Resort Scharmützelsee in der Nähe von Berlin. In drei Jahren, wenn sie mit ihren Prüfungen durch ist, kann sie in Fitnessklubs und Sportvereinen arbeiten oder in Hotelketten das Wellnessprogramm organisieren.

An diesem sonnigen Aprilnachmittag übt sie aber erst mal auf der 63-Loch-Golfanlage den richtigen Abschlag. "Ich muss die Gäste schließlich gut beraten können." Und nach Feierabend spielt sie gratis auf einem der Tennisplätze oder verabredet sich mit den anderen Azubis zum Segeln. Sie genießt das Hotelessen - ohne einen Cent dafür zu zahlen - und wohnt in einem kleinen Mitarbeiterapartment. "Da ist bei meinen 350 Euro Azubi-Gehalt sogar noch ein kleines Auto drin", erzählt sie stolz.

Wie das A-Rosa-Resort kämpfen viele Unternehmen um gute Schulabgänger. Sie locken mit verkürzten Ausbildungszeiten, schnellen Aufstiegschancen, attraktiven Auslandsstationen und jeder Menge kleiner Annehmlichkeiten. Beim schwäbischen Maschinenbauer Festo etwa gibt es jedes Jahr die "Nacht der Bewerber". Und die Eltern werden regelmäßig über die Fortschritte ihrer Töchter und Söhne auf dem Laufenden gehalten.

Vom Hiwi-Job zur Mediengestalterin

Manchmal hilft auch der Zufall bei der Entscheidung für den Beruf des Lebens. Wie bei Pia Dohse. Die 21-Jährige stapelte Kartons im Lager des Hamburger Outdoorausrüsters Globetrotter. Ein Aushilfsjob für ein paar Wochen nur. "Ich wollte ein bisschen Geld verdienen, dachte über ein Kunststudium nach, konnte mich aber nicht durchringen", erinnert sie sich. Da schlenderte der Marketingleiter des Unternehmens vorbei, sie plauderten ein wenig, und er erzählte ihr von dem neuen Ausbildungsgang zur Mediengestalterin. "Ich hatte von dem Beruf noch nie was gehört, aber es klang interessant." Ein Vorstellungsgespräch später war aus dem Hiwi-Job ein festes Ausbildungsverhältnis mit 580 Euro im Monat geworden.

Nun entwirft Pia Logos, Anzeigen und Werbebanner. Vieles, was sie dazu braucht, bringt sie sich selbst bei. "Ich muss sehr eigenständig arbeiten. Mich alleine in neue Grafikprogramme einfuchsen", erzählt sie. "Dafür darf ich aber auch viel machen. Beispielsweise mal zu einer Fotoproduktion für den neuen Katalog nach Kanada fliegen."

Lehrlinge sind knapp. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren vorausgesagt? Im Herbst 2008 gab es erstmals seit 2001 mehr Ausbildungsplätze als Bewerber - rein rechnerisch 5000 an der Zahl. Bis zum Jahr 2020 soll die Lücke der offenen Stellen auf eine Viertelmillion wachsen. Eine Folge des Geburtenrückgangs der vergangenen drei Jahrzehnte. Für die Bewerber ein komfortabler Zustand - eigentlich. Trotzdem quälen sich die Jugendlichen und oft auch ihre Eltern mit der Entscheidung für den richtigen Beruf. Viele Fragen tauchen auf: Wie sieht die Zukunft in meiner Traumbranche aus? Wird es den Job, den ich mir ausgesucht habe, in zehn Jahren überhaupt noch geben? Wie stark trifft die Krise den Lehrstellenmarkt?

Jobs mit Zukunft

Der stern hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Situation für die Jobeinsteiger analysiert.

Im Kommen sind Dienstleistungs- und Gesundheitsberufe. Auch in der Logistikbranche wird es bis zum Jahr 2025 positives Beschäftigungswachstum geben. "Kurzfristig sind hier allerdings viele Firmen von Auftragsrückgängen betroffen", sagt Joachim Gerd Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). "Nach ersten Umfragen werden im Krisenjahr 2009 aber nur kleinere Betriebe ihr Ausbildungsangebot zurückfahren. Große Unternehmen und das Handwerk halten ihr Angebot konstant."

So weit die guten Nachrichten. Zum ganzen Bild gehören aber auch diese Zahlen: 2008 suchten 14 479 Mädchen und Jungen vergebens einen Ausbildungsbetrieb, obwohl 19 507 Stellen offenstanden. Trotz der positiven Entwicklung finden noch immer nicht alle Bewerber einen Platz.

Hartnäckige Klischees

Mangelnde Ausbildungsfähigkeit und Flexibilität werfen die Chefs den Schulabgängern vor. Und ein krasses Missverhältnis zwischen den eigenen Ansprüchen und dem tatsächlichen Können. Die Berufsberaterin Uta Glaubitz bringt die Misere so auf den Punkt: "Alle wollen Bürokaufmann/-frau werden, auch wenn sie eine Fünf in Deutsch haben und kein Englisch können. Im Hotel, im Restaurant, im Handwerk sind hingegen Hunderte Lehrstellen unbesetzt."

Bei den Bewerbern halten sich jedoch hartnäckig viele Vorurteile gegen die "zupackenden" Berufe. Verstaubt und langweilig sei die Ausbildung dort, man werde nur zum Schuften missbraucht. Klischees, die Anita Urfell von der Handwerkskammer Münster nicht mehr hören kann: "Das ist doch Quatsch. Wir sind modern. Auch bei uns gibt es Auslandsprojekte und Zusatzqualifikationen."

Einer, der das gerade ausprobiert, ist Jens Gruber. 20 Jahre alt, 1,88 groß und muskulös. Der angehende Zimmermann ist Teil des EU-Projekts "Grenzüberschreitende Verbundausbildung im Handwerk". Vier Monate seiner Lehrzeit verbringt Jens in den Niederlanden. Im September vergangenen Jahres ging es los. Mit seinem Ford-Escort zuckelte der einstige Realschüler von seinem Heimatort Vreden nach Vuren - 140 Kilometer südlich von Amsterdam. Im Schlepp: der alte Wohnwagen seines Chefs. "Meine Austauschfirma konnte so schnell keine Bleibe für mich auftreiben. Also hat mir mein deutscher Chef einfach seinen Caravan geliehen." Jens stellte sich auf den erstbesten Campingplatz: "Direkt am Fluss - schön, aber im Herbst auch empfindlich kalt." Wenn er sich morgens aus dem Schlafsack schälte, zeigte das Thermometer oft nur ein paar Grad über null. Also schnell rein in die Klamotten und ab zur Arbeit. Mit wehenden Haaren bog er um die Ecke. "Na, na, na, altijd lekker rustig", riefen ihm dann die niederländischen Arbeiter zu. Die Begrüßungsformel heißt so viel wie: immer mit der Ruhe. "Denn anstrengend ist der Job schon." Da will Jens nichts schönreden.

Die begehrtesten Fähigkeiten

Neulich mussten er und seine Kollegen Balken schleppen. Jeder bis zu 150 Kilo schwer. Der Bauherr wollte eine echte Eichenholz-Sauna im Garten, aber keine Lasterspuren auf dem Rasen. Statt Zimmermannsarbeit war also Wuchten und Stemmen angesagt. Eine harte Lehrzeit, doch Jens hat gute Chancen, rasch in Führungsaufgaben hineinzuwachsen. In Handwerksberufen können auch Haupt- und Realschüler schnell Chef werden.

Mitdenken, Verantwortung tragen, selbstständig arbeiten - das sind die Tugenden, die heute erwartet werden. Überall. "Dafür bieten wir aber auch tolle Aufgaben", sagt Ausbildungsleiter Andreas Schneider von der schwäbischen Technologiegruppe Trumpf.

Einer seiner Azubis ist Michael Lehnert, Mechatroniker im dritten Lehrjahr. Selbstbewusst tritt der 19-Jährige auf - und wie viele seiner Generation erstaunlich pragmatisch. "Natürlich wohne ich noch zu Hause, da hab ich eine Etage für mich, und Geld abgeben muss ich auch nicht."

Berührungsängste kennt er nicht. Hand in Hand arbeitete er mit den Trumpf-Ingenieuren zusammen. Gemeinsam entwickelten sie den Prototypen für einen der modernsten OP-Tische der Welt, den Tru-System 7500. Michael fräste und schweißte so lange, bis alles auf den Millimeter passte. "Wenn ich jetzt den fertigen Tisch im Hochglanzprospekt sehe, bin ich schon mächtig stolz."

Gehälter im Vergleich

Und wie ist es später mit dem Gehalt? Die Antwort wird manchen ernüchtern. In Lehrberufen verdient man gut - zwischen 25.000 und 30.000 Euro in den ersten Jahren im technischen Bereich etwa. "Langfristig bekommen Männer und Frauen mit Hochschulabschluss aber deutlich mehr", sagt Frank Behrmann von der Hamburger Agentur Personalmarkt. Für den stern hat der Vergütungsexperte aus der größten Gehaltsdatenbank Deutschlands den Lebensverdienst von Kaufleuten, IT-Spezialisten und Technikern ermittelt - einmal mit, einmal ohne akademischen Titel.

Ergebnis: Im Laufe ihres Lebens verdienen Kaufleute mit Studium rund eine Million Euro mehr als ihre nicht studierten Kollegen. Das durchschnittliche Jahresgehalt der Akademiker liegt mit 64 Jahren bei 90.144 Euro (brutto) - Gleichaltrige mit einer Berufsausbildung bringen es auf 61.986 Euro. Beachtlich ist auch der Abstand bei den Ingenieuren (650.000 Euro mehr Gehalt im gesamten Arbeitsleben) und den Informatikern (440.000 Euro mehr Gehalt im gesamten Arbeitsleben). Nur in jungen Jahren erwirtschaften die Nichtakademiker einen kleinen Vorsprung. Aber schon nach kurzer Zeit im Job, so etwa mit Mitte dreißig, haben die Akademiker aufgeholt und ziehen gleich.

Das sind überzeugende Argumente für ein Studium. Dennoch entscheiden sich heute viele Abiturienten gegen die Hochschule. Vieles schreckt ab: einen Kredit für die hohen Studiengebühren aufnehmen, wenn noch nicht einmal klar ist, was die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse später am Arbeitsmarkt wirklich wert sind? Oh, Gott, nein. Sich in überfüllten Hörsälen graue Theorie in den Schädel pressen, die ein paar Jahre nach den Abschlussprüfungen ohnehin veraltet sein wird? Lieber nicht.

Das heiß begehrte Duale Studium

Wenn schon studieren, dann mit Netz und doppeltem Boden. So in etwa funktioniert das Duale Studium - eine Art Zwitter zwischen beruflicher und universitärer Ausbildung. Vor zehn Jahren war das Modell noch so gut wie unbekannt. Heute beteiligen sich mehr als 24.000 Unternehmen mit 44.000 Plätzen. Um einen einzigen der begehrten Plätze kämpfen bis zu 300 Bewerber.

Benjamin Schärtel hat einen ergattert. Er arbeitet beim Münchner Feinkosthändler Käfer, verdient 800 Euro monatlich und studiert parallel Foodmanagement und Kulinaristik an der Business School Bad Mergentheim.

23 angehende Feinschmecker sitzen schwitzend im umgebauten Renaissanceschloss und brüten über "Change-Management"- und "Employability"-Aufgaben. Drei Monate Theorie, drei Monate Praxis, immer im Wechsel. Semesterferien gibt es keine. Lediglich 25 Urlaubstage stehen Benjamin zu. "Natürlich bin ich manchmal neidisch auf die ‚normalen‘ Studenten. Die können viel mehr chillen." Bei Benjamin fangen die Vorlesungen morgens um 9 Uhr an und enden um 16.30 Uhr.

Betriebe suchen Nachfolger

Einfach mal blaumachen ist auch nicht drin. Wenn Benjamin fünfmal unentschuldigt fehlt, bekommt Käfer automatisch eine Meldung und kann ihm kündigen. Für Benjamin wäre dann nicht nur der Job weg, sondern auch der Studienplatz.

Nächsten Sommer ist er fertig. Ein nervender Bewerbungsmarathon bleibt ihm erspart. Sein künftiger Arbeitgeber steht fest: Feinkost Käfer, wahrscheinlich gleich mit einer Nachwuchs-Führungsposition. Kein unbezahltes Praktikum, kein langwieriges Traineeprogramm erwartet den Bachelor-Studenten. Personalerin Livia Wagner sagt: "Unsere Leute steigen hoch ein. Eingearbeitet sind sie ja schon." Benjamin möchte als Erstes nach Bahrain, dort macht Käfer unter anderem das Catering für die Formel 1. Und eines weiß er schon heute: "Das wird eine geile Zeit."

Raus aus dem Klassenzimmer, rein ins Leben. Endlich Geld verdienen, auf eigenen Beinen stehen - die Lehre ist der erste entscheidende Schritt. Und danach geht es richtig los. Bianca, die Sportkauffrau vom Scharmützelsee, würde gern ein Unternehmen gründen. "Vielleicht eine Voltigierschule für Kinder", überlegt sie. Pia, die ehemalige Aushilfe im Lager von Globetrotter, hat den Gedanken an ein Kunststudium nicht aufgegeben. Und Jens, der reisende Zimmermann, könnte sich vorstellen, einen Handwerksbetrieb zu übernehmen. Die Chancen stehen gut. In den kommenden Jahren bahnt sich ein gigantischer Generationenwechsel in Deutschland an. Jeder vierte Betrieb steht zur Übernahme. Viele Firmeninhaber wollen aus Altersgründen verkaufen. Handwerkspräsident Otto Kentzler sagt: "Wir brauchen dringend Nachfolger."

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