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Berufswahl 2009: Das ganze Leben ist ein Test

Unternehmen und Universitäten nehmen Bewerber so intensiv unter die Lupe wie nie zuvor. Aufwendige Tests ergründen Intelligenz, Allgemeinwissen und Persönlichkeit, im Internet werden Bewerbungsspiele veranstaltet. Der stern zeigt, wie man sich gut vorbereitet, was Testknacker taugen und warum man sich nicht verrückt machen sollte.

Von Nikola Sellmair

Je länger der Test, desto röter der Kopf. Die Münchner Abiturientin Alexandra Faltenbacher hat schon einen Intelligenztest und eine Gruppendiskussion hinter sich gebracht und ist beim Sporttest über eine Bank gesprungen. ",Mei, wie die hupft", hat der Prüfer gerufen. Jetzt, bei den Sit-ups, macht sie schlapp. Alexandras Gesicht ist rot, sie ringt nach Luft. Uff und Ende. Nur 15 Sit-ups hat sie geschafft. Das gibt eine Vier, gerade so bestanden.

Alexandra will unbedingt Polizistin werden, so wie ihr Vater. Beim Polizeitest in München wird nicht nur geprüft, ob sie einen Unfallverlauf korrekt schildern kann. Sie soll später auch einem Verdächtigen hinterherrennen können oder bei einer Wirtshausschlägerei eingreifen. Deshalb muss sie springen, sprinten und Gewichte stemmen. Danach bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. In der Schule steht die nächste Abi-Klausur an. Auch ein Test.

Es wird nicht ihr letzter gewesen sein. Das ganze Leben ist ein Test. Das Schulzeugnis ist nicht genug. Schon angehende Azubis müssen ins Assessment-Center. In vielen Firmen steht dann vor jeder neuen Karrierestufe ein mehrtägiges Auswahlverfahren. Bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group müssen sogar Bewerber um ein Praktikum Interview und Tests absolvieren. Und Universitäten und Fachhochschulen dürfen jetzt 60 Prozent ihrer Studenten selbst auswählen. Wo früher allein Abiturnote und Wartezeit entschieden, steht inzwischen vor knapp jedem zweiten Studiengang ein Auswahlverfahren. Mal sind es Tests über Intelligenz und Allgemeinwissen, mal Aufnahmegespräche, auch den 1997 abgeschafften Medizinertest gibt es an vielen Fakultäten wieder - jede Uni kocht ihr eigenes Süppchen, das Chaos ist perfekt.

Viele neue Fragen

Mittendrin die Schulabgänger. Was ihre Lehrer von ihnen wollten, wussten sie. Aber auf die Prüfungen danach sind sie nicht vorbereitet. Was erwarten Personalchefs und Professoren? Wie erklärt man völlig Unbekannten aus dem Stegreif, warum man perfekt auf genau diesen Ausbildungsoder Studienplatz passt? Jeden Tag neue Meldungen von Firmen, die sparen, streichen und entlassen - warum sollten die jetzt gerade mich einstellen? Vor Andreas Schneider, Ausbildungsleiter beim schwäbischen Technologie-Unternehmen Trumpf, sitzen manchmal junge Bewerber, die vor lauter Aufregung kein Wort herausbringen und ihn nur stumm und verzweifelt anstarren. "Ich frage sie dann nach ihren Hobbys, um die Stimmung aufzulockern", sagt Schneider.

In den Schulklausuren ging es um Fachwissen, bei einer Bewerbung geht es vor allem um die eigene Person. Es ist ein bisschen wie beim Flirten, wie beim Werben um eine Frau oder einen Mann: Bitte, sieh mich an, ich bin etwas Besonderes. Man will sich von seiner besten Seite präsentieren - und dann stottert man und hat Schwitzehände. Es lauern tausend Fettnäpfchen. Ein paar Komplimente wären vielleicht nicht verkehrt - aber bloß nicht zu dick auftragen, denn Schleimer mag keiner. Und was ist der feine Unterschied zwischen Sich-Darstellen und Sich-Aufplustern? Auf keinen Fall will man eine Abfuhr kassieren. Aber was, wenn man nie der Aufreißertyp war?

Martin Rüter (Name geändert) fährt sich durch die gegelten Haare und streicht über seine Krawatte, er räuspert sich. Dann schaltet er zu Hause in Dortmund die Webkamera an seinem Laptop ein. Wenige Sekunden später ploppt auf seinem Bildschirm ein weiteres Fenster auf: Zu sehen sind wackelige Videobilder von einer Frau mit blonden kurzen Haaren. Sie heißt Frauke Baumgarten und ist Personalreferentin beim Handelskonzern Otto in Hamburg. Der 21-jährige Martin Rüter hat sich dort um eine Stelle als Bürokaufmann beworben. Er und Frauke Baumgarten sind zum Videotelefonat verabredet. Sie nutzen dabei die Technologie des Speed-Dating-Portals "Kissnofrog". Baumgarten will wissen: Frosch oder Prinz?

Bewerbung via Internettelefon

Das Bewerbungsgespräch via Internet ist neu bei Otto. "Wenn man Gestik und Mimik der Bewerber sieht, kann man den Menschen besser einschätzen", sagt Baumgarten. Wer keine Webcam hat, bekommt sie zugeschickt. "Besonders junge Bewerber finden die Internettelefonate cool." Sie sollen nach und nach das Telefoninterview und das erste persönliche Treffen ersetzen, die bei Otto am Anfang des Bewerbungsverfahrens stehen.

Noch erinnert das Gespräch zwischen Martin Rüter und Frauke Baumgarten an einen ruckeligen Internetchat: Die Gesichter zerfallen in einzelne Teile, der Ton kommt mit Verzögerung an. Ist tatsächlich nur die schlechte Verbindung schuld an den langen Pausen zwischen den Fragen der Personalerin und den Antworten des Bewerbers - oder hat Martin Rüter einfach eine lange Leitung? Nach 20 Minuten fällt der Ton komplett aus.

Technisch ausgereift ist bei Otto der erste Teil der Bewerbung: Man füllt ein Internetformular aus - Noten, Praktika, Hobbys, Sprach- und EDV-Kenntnisse. Die gute alte Bewerbungsmappe ist bei vielen Firmen nicht mehr gefragt. Das elektronische Verfahren ist schneller und billiger. Beim Siemens-Konzern bewerben sich deutschlandweit jedes Jahr rund 40.000 Berufseinsteiger, seit 2005 ist das nur noch online möglich. Neben den Eckdaten des Lebenslaufs kann man zusätzliche Angaben in freie Felder schreiben. Hans-Georg Kny, Fachreferent Ausbildung bei Siemens, sagt: "Viele lassen diese Felder offen und vergeben ihre Chance, sich zu präsentieren: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten bringe ich mit? Welche Ämter hatte ich inne, welche zum Berufswunsch passenden Hobbys habe ich? Warum will ich diesen Beruf, diese Firma? Wie in einem Bewerbungsbrief - nur das Medium ist ein anderes."

Einfach und ehrlich

Schlicht, knapp, präzise sollte der Text sein. Auf Phrasen wie "dynamisch", "hochmotiviert", "internationaler Einsatz", "Teamarbeit" reagieren Personaler allergisch. Niemand will einen Bewerber, der sich selbst inszeniert wie ein Theaterstück. Lieber in einfachen, ehrlichen Sätzen aufschreiben, was genau man warum gemacht hat. Und auf den E-Mail-Absender achten. "Adressen wie ‚sexyqueen‘ oder ‚kleiner.feigling‘ sind unpassend", sagt Kny. Minuspunkte gibt es auch für peinliche Fotos im Internet: Immer mehr Personaler googeln die Bewerber, ausländische Unis wie Oxford oder Harvard recherchieren im Internet, bevor sie Studienplätze vergeben.

Die Bewerbung an Hochschulen wird der bei Unternehmen immer ähnlicher. Viele Fakultäten fordern Motivationsschreiben und Angaben zu Jobs und Praktika. Im Fach Anglistik an der Uni Mannheim etwa werden Praktika und Auslandsaufenthalte mit Bonuspunkten belohnt. Professorin Rosemarie Tracy findet die Bewertung von Lebensläufen nicht einfach: "Was ist toller - ein Jahr als Au-pair in England oder ein Schuljahr in Australien?" Der Druck auf Abiturienten nimmt zu, sagt Tracy: "Sie sollen nicht nur gute Noten haben, sondern neben der Schule noch Praktika machen, ins Ausland gehen, sich sozial engagieren und brillante Essays für ihre Wunsch-Uni schreiben."

In den USA, wo Aufnahmeverfahren an den Unis seit Langem üblich sind, ist ein ganzer Dienstleistungszweig entstanden: "College Counselors" beraten Schüler, raten zu Hilfsdiensten in Obdachlosenheimen, weil sich das im Lebenslauf gut macht, und verfassen Bewerbungsessays. Rosemarie Tracy hofft, dass es in Deutschland nicht so weit kommen wird. Sie überprüft das Verfahren für Anglistik regelmäßig: "Bei uns gibt es mittlerweile für Auslandsaufenthalte weniger Punkte, weil sich das viele nicht leisten können. Wir wollen nicht die Kinder Wohlhabender bevorzugen."

Christian Greiser, für das Recruiting verantwortlicher Geschäftsführer bei der Boston Consulting Group, fragt im Bewerbungsgespräch gezielt nach: Wie ist der Bewerber ans Praktikum gekommen - mit Eigenengagement oder über eine kommerzielle Agentur? Warum hat er sich gerade für dieses Land entschieden? Inhalt vor Verpackung, das gilt auch für Greisers Unternehmen selbst: Köderten die großen Unternehmensberatungen Bewerber früher mit Reisen in schicke italienische Palazzi, ist heute Bodenständigkeit angesagt: Beim letzten Recruiting Event der Boston Consulting Group pflanzten die Bewerber Bäume in Mecklenburg-Vorpommern.

Der gläserne Lehrling

Beim Markenartikler Unilever mussten Bewerber schon mal als Osterhasen verkleidet über den Weihnachtsmarkt hüpfen - solche Kindereien sind vorbei. Jetzt wartet auf Kandidaten ein Computerspiel: Sie sollen in einer Fabrik eine neue Eissorte erfinden und Fallstudien lösen. Der Nachteil: Niemand kann überprüfen, ob wirklich der Bewerber zu Hause vor dem Computer sitzt - oder seine schlaue Schwester. Deshalb folgt nach dem ersten Aussieben das zweite: ein Assessment-Center direkt im Unternehmen.

Computergestützte Prüfungen liegen im Trend - getestet werden Allgemeinwissen, Konzentration, Intelligenz, immer öfter auch die Persönlichkeit. Früher konnten Personalfachleute an Knicken oder Fettflecken auf dem Lebenslauf erkennen, dass ein Bewerber nicht der ordentlichste war. Jetzt gibt es dafür Tests. Beim Unternehmen Trumpf wird auf Merkmale wie Leistungsmotivation, Sozialkompetenz und Integrität geachtet. "Wir wollen keine Einzelkämpfer, sondern leistungswillige, zuverlässige und engagierte Jungen und Mädchen, die sich ins Unternehmen integrieren", sagt Ausbildungsleiter Andreas Schneider. Seit 2005 der Persönlichkeitstest eingeführt wurde, gebe es keine "disziplinarischen oder leistungsbedingten Probleme", außerdem habe kein Azubi seine Ausbildung abgebrochen.

Der gläserne Lehrling - Traum jedes Personalers. Allmachtsfantasien sind aber fehl am Platz, meint Thomas Lang-von Wins, Psychologieprofessor an der Bundeswehr-Uni München: "Den Test, der sagt, wie ein Mensch wirklich ist, gibt es nicht. Ein Test sagt nur etwas aus über Fähigkeiten, über die jemand in der Theorie verfügt."

Der "Testknacker"

Viele Bewerber lesen vorher einen "Testknacker", eines der vielen Bücher, die mit Beispielaufgaben fit machen wollen für den Prüfungsparcours. "Testknacker sind gefährlich", warnt der Psychologe Günter Trost. Er berät Unternehmen bei der Auswahl ihrer Auszubildenden, er hat den Medizinertest mitentwickelt, außerdem die Eingangsprüfungen für Juristen an der Hamburger Bucerius Law School und für wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge an Fachhochschulen in Baden-Württemberg. "In vielen Testknackern werden Aufgaben nachlässig nachempfunden, die Machart entspricht häufig nicht dem Original. So übt man eventuell falsche Lösungswege ein", sagt Trost.

Trotzdem ist es sinnvoll, sich vorher an bestimmte Aufgabentypen zu gewöhnen. Zum Beispiel muss man bei einigen Tests unter Zeitdruck aus einem Riesensalat von Buchstaben alle Ms und Ns nebeneinander raussuchen oder eine Rechenaufgabe nach der anderen lösen. Von den meisten Tests gibt es ältere Versionen im Internet oder als Buch, auch viele Unternehmen geben Broschüren zur Vorbereitung heraus. Teure Seminare zur Vorbereitung auf seinen Medizinertest lehnt Günter Trost ab. "Man bezahlt mehrere Hundert Euro, dafür versprechen manche Veranstalter: Damit bestehst du den Test auf jeden Fall. Das ist unseriös."

Völlig unvorbereitet und in Jeans und Pulli ging die Abiturientin Jennifer Cesario zu ihrem Aufnahmegespräch für das Fach Biologie auf Lehramt an der Universität Hohenheim. "Meine Stimme zitterte, meine Hände waren pfützig. Ich hatte Ehrfurcht - das erste Mal an der Uni, das erste Mal Auge in Auge mit den Professoren. Ich fragte mich: Gehör ich da überhaupt dazu?" Die Professoren legten ihr einen Artikel über Hautkrebs vor und ließen sie den Inhalt zusammenfassen. Außerdem fragten sie, wie Jennifer später als Lehrerin den heftigen Streit zweier Schüler schlichten würde. "Es war ganz locker und lustig. Ich bin jemand, der gern spontan auf Fragen reagiert", sagt sie.

Zu schlau für den Job

Jennifer Cesario hat ihren Studienplatz in Hohenheim bekommen. Alexandra Faltenbacher zittert noch, die bayerische Polizei wird ihr in ein paar Tagen mitteilen, ob ihr Testergebnis für einen Ausbildungsplatz reicht. Martin Rüter ist nach dem Videointerview zum persönlichen Gespräch in die Otto-Zentrale eingeladen worden. Kurz darauf bekam er eine Absage.

In Bewerbungsratgebern steht, man solle Absagen nie persönlich nehmen. Ja, wie soll man es denn nicht persönlich nehmen, wenn einem jemand einen Korb gibt? Trost kommt von Heinrich Wottawa, Psychologieprofessor in Bochum: "Nur altmodische Unternehmen nehmen immer den Besten. Aber der langweilt sich in einem Job mit vielen Routineaufgaben." Moderne Unternehmen entscheiden sich deshalb nicht für den Besten, sondern für den am besten Geeigneten. Eine Absage muss nicht heißen: Du bist zu blöd. Sie kann auch bedeuten: Du bist zu schlau. Vielleicht war Martin Rüter einfach zu gut für den Job.

Mitarbeit: Massimo Bognanni, Angelika Dietrich / print