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Berufswahl 2009: Schule aus - was nun?

Die Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium ist eine der wichtigsten Weichenstellungen im Leben. Kein Wunder, dass sich Schüler und Eltern so sehr damit quälen. Der stern hilft, gute Wege in die berufliche Zukunft zu finden.

Von Nikola Sellmair

Wenn Elli an ihre Zukunft denkt, hört sie das Klack-Klack von Steppschuhen. Mattia fühlt Öl und Steine an seinen Händen. Katharina hört die Sirene eines Streifenwagens heulen. Und Cornelius blickt auf einen kleinen grünen Zettel, darauf stehen ordentlich durchnummeriert 22 Berufe.

Elli möchte später auf der Bühne stehen, tanzen, singen, steppen. Mattia würde gern auf dem Bau arbeiten oder als Mechaniker. Katharinas Traumjob ist Polizistin. Und Cornelius hat, seit er zwölf Jahre alt ist, jede seiner Berufsideen aufgeschrieben. Jetzt, mit 18 und ein Jahr vor dem Abitur, hat er ganze 22 Berufe beisammen.

22 von Abertausenden. Es gibt in Deutschland mehr als 20.000 Berufsbezeichnungen, und täglich kommen neue hinzu. Der Müllmann heißt jetzt "Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft", und was bitte macht ein Galeniker oder ein Solarteur?

Durch Vielfalt entstehen Entscheidungsschwierigkeiten

Wie in diesem Wust von Angeboten das passende finden? Die große Freiheit nach der Schule - für viele Jugendliche ist sie erst mal eine große Zumutung. Bisher gab der Lehrplan die Richtung vor, jetzt sollen sie selbst entscheiden, was zu ihnen passt. Gärtner oder Germanist, Lehre oder Berufsakademie, Fachhochschule oder Uni? Gleich losstudieren oder erst mal ein soziales Jahr in Afrika?

Arbeitsmarktprognosen ändern sich: Gestern gab es zu viele Lehrer, heute zu wenige. Und wie wird sich die Finanzkrise auswirken? Die Angst ist gewaltig, falsche Entscheidungen zu fällen. Und Jugendliche sind nicht ausreichend über ihre Möglichkeiten informiert, jeder dritte fühlt sich von der Schule nicht genügend auf den Start in die Arbeitswelt vorbereitet, zeigen Studien.

Sogar Profis sind oft überfordert, sagt Sybille Heintz, Studienberaterin an der Universität Regensburg. Als sie 1980 als Berufsberaterin anfing, gab es nicht mal 1000 Studiengänge. Jetzt warten auf Schulabgänger über 12 000 Studienvarianten und mehr als 350 Ausbildungsberufe. Der stern wird in einer sechsteiligen Serie jungen Menschen und ihren Eltern Orientierung in der unübersichtlichen neuen Jobwelt geben. stern-Reporter haben Dutzende Schüler, Auszubildende und Studenten auf ihrem Weg in den Beruf begleitet. Tests, Tipps und Info-Adressen helfen gegen das Chaos im Kopf und die Angst im Bauch, die viele Schüler vor dem Abschluss befallen.

Torschlusspanik

Heinrich Wottawa, Psychologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, begleitet die stern-Serie als Experte. Ihn erinnern berufssuchende Jugendliche an Singles in Torschlusspanik: "Sie glauben: Es muss den einen geben, der mich glücklich macht. Wenn ich ihn nicht finde, dann ist mein Leben verpfuscht." Aber genau wie bei der Partnerwahl gebe es auch bei der Berufswahl nicht nur einen geeigneten Kandidaten. Ungefähr 30 verschiedene Berufe passen zu einem Menschen, ohne dass er über oder unterfordert wäre, sagt Wottawa. Seine Botschaft: Druck rausnehmen, die Entscheidung nicht überfrachten. Man muss am Anfang einer Ausbildung nicht unbedingt wissen, was genau man später damit machen will. Oft sind Praktika wichtiger für den Berufseinstieg als Fachwissen. Und man kann ein und denselben Beruf auf verschiedenen Wegen erreichen. In der Personalabteilung einer Firma etwa arbeiten Betriebswirtschaftler neben Psychologen und Juristen.

Wer wissen will, wie seine Zukunft aussieht, muss zuerst in die Vergangenheit blicken: Was hat mich immer interessiert, worin war ich gut?

Mattia, Gymnasiast aus Hamburg, erinnert sich, dass ihm in der Grundschule Trommeln und Werken am meisten Spaß machten: "Ich liebe es, etwas mit meinen Händen zu schaffen. Theorie ist nicht mein Ding. Und ich bin gut darin, Freundschaften zu schließen - ich möchte später im Team arbeiten." Erst wer weiß, was er gern macht, kann die passende Ausbildung oder den Studiengang dazu suchen.

Raus in die Welt

Wer aber nur zu Hause über Büchern hockt oder sich durch Internetseiten klickt, wird nie ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, jeden Tag Leuten die Haare zu schneiden, oder was ein Arabistik-Studium ausmacht. Studienberaterin Sybille Heintz meint: "Gerade Abiturienten haben gelernt: Wenn ich lange genug über ein Problem nachdenke, finde ich eine Lösung. Für die Berufswahl ist das die falsche Strategie. Da muss ich rausgehen und Erfahrungen sammeln."

Realschülerin Katharina machte ein dreiwöchiges Praktikum im Kindergarten und weiß seitdem: Erzieherin will sie bestimmt nicht werden. Jetzt steht sie auf der Berufsmesse "Einstieg" in Hamburg am Stand der Polizei. Katharina sagt: "Ich will nicht im Büro hocken, sondern viel draußen sein. Ich kann gut mit Menschen umgehen und mich durchsetzen, ich bin kein kleines Mäuschen." Wirklich nicht: Katharina ist 1,94 Meter groß, hübsch und kräftig.

Zu kräftig? Der Polizist am Info-Stand sagt, dass Polizeianwärter kein Übergewicht haben sollen. "Neben dem Bullen von Tölz stehe ich aber super da. Muss ich jetzt Diät machen?", fragt Katharina. Der Polizist rät der 15-Jährigen, ihren Body Mass Index (BMI) auszurechnen, für alle Fälle. Außerdem soll sie Diktate üben und für den Sporttest Klimmzüge und Standweitsprung. Katharina schaut erschrocken. Jeden Tag will sie nun trainieren. "Ich bin hundertprozentig sicher, dass Polizistin das Richtige für mich ist."

Gekaufte Lebensläufe

In der Messehalle werben zwei Ungarn für ein Medizinstudium in Budapest, dort gibt es keinen Numerus clausus, dafür sind pro Jahr über 10.000 Euro Gebühren fällig. Eine Agentur bietet reizvolle Praktika in Kalifornien und Südafrika an - für ein paar Tausend Euro. "Das ist nur was für Kinder reicher Eltern", sagt Katharina. "Man kauft sich den Lebenslauf, das finde ich traurig."

Ein Messeveranstalter wirbt für "Seminare zur Berufsfindung". Immer mehr private Institute versprechen: Keine Panik, wir sagen dir schon, was aus dir werden soll. Gegen Tagessätze von bis zu 1200 Euro werden Ratsuchende durch verschiedene Testverfahren geschleust. Tatsächlich können Interessen und Fähigkeitstests sowie Interviews mit einem geschulten Berater am Anfang der Suche sinnvoll sein, und das muss nicht immer teuer sein. Kostenlos werden Tests und Gespräche mit einem Psychologen von der Agentur für Arbeit angeboten. Auch im Internet finden sich seriöse Tests.

Thomas Lang von Wins, Psychologieprofessor an der Bundeswehr-Uni München, hält viele Verfahren aber für zu "holzschnittartig": "Berufsbilder verändern sich permanent. Viele Tests bilden das nicht ab." Unseriös seien konkrete Empfehlungen - mache dies, studiere das. Eine gute Beratung helfe dem Schüler, sich selbst besser kennenzulernen, und stärke seine Entscheidungskompetenz.

Die zwei Schulabgänger-Spezien

Die Arbeitspsychologen, mit denen der stern sprach, erleben bei Jugendlichen zwei Extreme: einerseits die, die sich bis kurz vor Schulschluss "tot stellen" und dann ruck, zuck eine Entscheidung herbeizwingen, aber sehr schlecht informiert sind. Hans-Jörg Jacobsen, Biologie-Professor an der Uni Hannover, trifft Studenten in seinen Vorlesungen, "die denken, Biologie sei das Streicheln von Gorillas im Nebel - und wenn man eine Mathe-Formel erwähnt, bekommen sie glasige Augen". Die zweite Gruppe sind die Überinformierten, die jeden Lehrberuf kennen und jedes Studienfach. Nur ihren eigenen Weg, den kennen sie leider nicht. Gerade gute Schüler sind oft planlos. Studienberater berichten von weinenden 1,1-Abiturienten, die sich für alles interessieren. Aber alles kann man nicht studieren.

Auch die Hamburger Zwillingsbrüder Cornelius und Claudius haben früh angefangen, sich zu informieren. Auf Cornelius' Liste mit seinen 22 möglichen Berufen, die er seit seiner Kindheit fortschreibt, steht unter Pilot und Koch auch der "Petroleum-Ingenieur". Das kann man nur in Clausthal-Zellerfeld im Harz studieren. Und das soll die Uni mit der höchsten Selbstmordrate sein - hat Cornelius recherchiert. Er will nach Clausthal-Zellerfeld fahren, um herauszufinden, ob die Studenten dort wirklich so arm dran sind. Sein Bruder hospitierte sieben Wochen auf einem Containerschiff und reiste bis nach Singapur. Er vermisste seine Familie mehr, als er erwartet hatte, und will nun wohl doch lieber Medizin als Nautik studieren.

Jede Berufsidee stellen die Zwillinge beim Abendessen ihrem Vater vor, einem Unternehmer. "Das ist schwierig, er hat dann Einwände und zeigt einem die Schattenseiten des Berufs auf", sagt Claudius.

Die Rolle der Eltern

Eltern sind die wichtigsten Berater, wenn es um die Berufswahl geht, ihr Urteil zählt mehr als alles andere. In die Sprechstunden von Hans-Werner Rückert, Studienberater an der FU Berlin, kommen immer häufiger Kinder zusammen mit ihren Eltern. "Die 'helicopter parents' sind im Anflug", sagt Rückert und meint damit Eltern, die wie Hubschrauber im Dauereinsatz über ihren Kindern kreisen. Universitäten bieten neuerdings "Elterninformationstage", Unternehmen laden jetzt auch Mama und Papa zur Betriebsbesichtigung ein.

Auch bei der Agentur für Arbeit in Hamburg ist Elternabend, 80 Mütter und Väter sind gekommen. "Eltern unterstützen bei der Berufswahl" heißt der Vortrag. Als Berufsberater Matthias Neyer erzählt, man bekomme im Bachelor-Studium keine Noten mehr, sondern "Credit Points", lachen die Eltern noch. Als er sagt, dass in den meisten Bundesländern Studiengebühren von bis zu 600 Euro pro Semester fällig sind, stöhnen sie.

Um Träume geht es an diesem Abend nicht. Neyers Kollege Peter Kruse wirft eine Grafik an die Wand: Sie zeigt einen roten Berg, der immer höher wird: der Abiturientenberg. Weil nach und nach in den Bundesländern zwei Jahrgänge gleichzeitig fertig werden - die einen nach neun Jahren Gymnasium, die anderen nach acht Jahren -, gibt es zu viele Abiturienten. Kruse rät: "Lieber nicht erst ins Ausland gehen, sondern gleich losstudieren, bevor sich die Schüler richtig stauen." Er spricht auch vom Numerus clausus. "Scheiße", murmelt eine Mutter.

Schutzinstinkte und Träume

Mattia ist mit einem Freund und seiner Mutter zu dem Vortrag gekommen. "Man kann auch im Ausland seinen Zivildienst machen", redet die danach auf die beiden Jungen ein, "ich kann euch Links geben."

Mattias Mutter recherchiert für ihn im Internet, sie schleppt ihn zu Berufsmessen und Uni-Schnuppertagen. Manchmal denkt sie, sie müsse sich mehr zurücknehmen. "Aber ich finde auch, man muss doch in einer Familie nicht alle Fehler zweimal machen. Ich habe so ein höllenrattenschlechtes Abitur, das will ich meinem Sohn ersparen. Und in den Ferien soll er nicht nur chillen, sondern die Zeit für Praktika nutzen."

Die Gymnasiastin Elli aus Berlin sagt manchmal zu ihrer Mutter: "Ich will im Leben alles ausprobieren, auch mal obdachlos sein." - "Na, mit deinem Berufswunsch wirst du das sowieso. Aber meine Tür steht immer offen", scherzt ihre Mutter Monika dann. Sie hat ihr Leben lang als Pflegerin geschuftet und ihre Familie mit Sonderangeboten groß gekriegt. Die alleinerziehende Mutter hat vier grundverschiedene Kinder und ein Prinzip: In Liebesdingen und beim Beruf halte dich raus. Ihre Kinder durften schon im Sandkasten Sand essen: "Die merken schon selber, dass das nicht schmeckt."

Elli sitzt im Plattenbau in Berlin-Mitte, blickt in den weiten Himmel und summt "Seeräuber- Jenny" von Kurt Weill. Das übt sie gerade in der Gesangsstunde. Elli spielt Klavier, tanzt Ballett und steppt. Sie liest "aus Interesse" die Bibel und sagt ernste erwachsene Sätze. Dass sie auf der Bühne stehen und etwas Neues schaffen will. Dass es ihr um die Kunst geht, nicht um Erfolg. Wenn sie ihr musisches Gymnasium beendet hat, würde sie gern ein englischsprachiges Ein-Frau-Stück einstudieren und damit um die Welt ziehen.

<zwit>Trend zu alten Werten

Ellis Mutter weiß, dass Elli ins Ungewisse geht. Elli sei stark, die schaffe das, sagt sie. Sie vertraut ihrer Tochter. Aber sie sorgt sich auch, dass Elli später einsam sein wird, "weil ihr Lebensentwurf so anders ist".

Typisch für ihre Generation ist Elli nicht. In der Shell Jugendstudie heißt es: "Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist drastisch angestiegen." Es gebe eine Hinwendung zu traditionellen Werten wie Ordnung und Sicherheit. Die "pragmatische Generation" traue sich nicht, vom Traumjob zu träumen, sondern setze sich bescheidene Ziele und versuche, die mit Fleiß und Leistung zu erreichen.

Schüler vom Gymnasium Grootmoor in Hamburg studieren eine Szenenfolge zum Thema "Abi - was nun?" ein. Sie rempeln sich an und verziehen das Gesicht zur aggressiven Grimasse. Wer wird als Erster am Ziel sein, wer kriegt den Job? Der Wettkampf um den Arbeitsplatz steht am Anfang ihres Theaterstückes.

Die schönste Zeit ist vorbei

Lehrerin Constanze Schmidt hat die Schüler zur Vorbereitung in die "Arge" geschickt, die Anlaufstelle des Arbeitsamtes für Langzeitarbeitslose. Die Schüler waren geschockt von der trostlosen Atmosphäre und den resignierten Menschen dort. "Da waren auch junge Leute, nur wenig älter als wir", sagt ein Schüler. Ihre Angst vor Arbeitslosigkeit, aber auch vor einer Arbeitswelt, die ihnen anonym und unmenschlich erscheint, thematisieren die Jugendlichen im Theaterstück. "Jetzt brauchen wir aber mal eine positive Szene", sagt Schmidt. Die Schüler sind ratlos. Positiv? "Lehrer und Eltern sagen uns dauernd: Die Schulzeit war die schönste Zeit des Lebens. Jetzt wird es ernst. Ihr müsst die Besten sein, sonst geht ihr unter."

Der 17-jährige Aimo würde gern Manager werden, aber er fürchtet, dafür nicht fies genug zu sein: "Um Karriere zu machen, muss man über Leichen gehen, aber dazu bin ich nicht bereit." Am liebsten möchte Aimo später bei einem großen Konzern arbeiten, "ich will meine Familie mal sicher ernähren können - aber das kommt mir sehr utopisch vor". Vom Band kommt Musik von "Wir sind Helden" für die nächste Szene: "Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück. Guten Tag, ich gebe zu, ich war am Anfang entzückt, aber euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht, wenn man sich bückt."

Maja Storch, Psychologin an der Universität Zürich, glaubt, dass die Zeiten für junge Menschen gar nicht so schlecht sind: "Die Finanzkrise hat etwas enorm Entlastendes. Allen, die diese Lebenslauf-Hysterie gepredigt haben - studiere turboschnell, lerne drei Sprachen, trainiere die Soft Skills -, wird jetzt die Maske vom Gesicht gerissen." Große, sichere Firmen - Banken, Autokonzerne, Unternehmensberatungen - haben ihren Nimbus verloren, glaubt Maja Storch: "Es gibt nicht mehr die eine tolle Firma, wo ich mein Leben lang arbeiten kann. Jetzt kann ich nur mir selbst trauen und dem folgen, was ich wirklich will."

Elli wird auf der Bühne stehen. Mattia wird etwas mit seinen Händen schaffen, als Schiffsmechaniker oder auf der Baustelle. Katharina trainiert Klimmzüge für den Polizeitest. Und Cornelius hat von den 22 Berufen auf seinem Zettel 17 durchgestrichen und seinen Favoriten leuchtend rot angemarkert: Pilot. "Das ist mein Herzenswunsch", sagt er. Das Fliegen.

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