HOME

Berufswahl 2009: Sprungbrett Uni

Ein Studium ist immer ein Abenteuer: neue Stadt, neue Freunde, eigenes Leben. Jeder, der dazu die Möglichkeit hat, sollte es wagen. Denn ein Studium eröffnet viele Chancen und schützt vor Arbeitslosigkeit. Akademiker werden gesucht. Die stern-Jobampel zeigt, welche Fachrichtungen in Zukunft besonders gefragt sind.

Von Catrin Boldebuck

Die gute Nachricht gleich vorweg: Ein Studium lohnt sich. Immer. Es ist der Königsweg zum Job. Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Das Ticket zur Karriere. Die Chance, später einmal gut zu verdienen. Und einen Job zu finden, in dem man sich selbst verwirklichen kann. Deshalb sollte jeder, der die Chance bekommt, an eine Universität oder Fachhochschule gehen. Gerade in einer schweren Wirtschaftskrise. Denn Bildung ist eine Währung, deren Kurs nicht fällt.

Der Blick zurück zeigt: Akademikern erging es auf dem Arbeitsmarkt auch in der Vergangenheit besser als dem Rest der Beschäftigten. Im Boomjahr 2000 herrschte bei Hochschulabsolventen Vollbeschäftigung, nur 2,9 Prozent waren auf Jobsuche. Die Arbeitslosenquote betrug damals insgesamt fast zehn Prozent. Auch wenn es in der Wirtschaft schlecht läuft, wie 2005 oder heute, sind die gut Ausgebildeten besser dran. Sabine Klinger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg erklärt das so: "Jobs für Geringqualifizierte hängen stärker von der Konjunktur ab. Sie werden schneller gestrichen. Hochqualifizierte sind dagegen schwerer zu ersetzen. Deshalb haben Unternehmen großes Interesse daran, diese Kräfte zu halten."

Und der Bedarf an guten Leuten bleibt groß. Die Arbeitswelt verändert sich, weil sich die gesamte Wirtschafts- und Lebensweise wandelt, weg von der Industrie- und hin zur Wissensgesellschaft. Die Experten vom IAB beobachten schon seit Jahren, dass die Zahl der einfachen Jobs sinkt, die Zahl der anspruchsvollen Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung, Beratung und Lehre aber steigt. In ihren Berichten raten die sonst eher vorsichtigen Berufsforscher ganz klar: "Für junge Menschen heißt das: Ein Studium lohnt sich, in Zukunft noch mehr als bisher."

Studienwahl und Arbeitsmarkt

Eine wichtige Einschränkung allerdings gibt es: Es kommt auf das Studienfach an. Viele künftige Ingenieure beispielsweise haben bereits vor dem Abschluss einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Anglisten oder Historiker hangeln sich hingegen oft jahrelang von einer befristeten Stelle zur nächsten.

Keiner weiß das so genau wie Michael Weegen. Er analysiert seit mehr als neun Jahren die Jobchancen von Hochschulabsolventen. Weegen leitet die Forschungsstelle ISA, das "Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt" an der Universität Duisburg-Essen. Auch er sagt: "Etwas Besseres als ein Studium gibt es nicht." Aber Weegen warnt davor, sich einfach mal für irgendein Fach einzuschreiben: "Das Studium ist eine Investition fürs ganze Leben. Deshalb sollte jeder Studienanfänger bei seiner Fächerwahl Neigung und Arbeitsmarktchancen abwägen."

Doch woher sollen Studienanfänger und ihre Eltern wissen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird? Wo es einen Bedarf an Hochschulabsolventen geben wird und wo ein Überangebot? Zur besseren Orientierung hat Arbeitsmarktforscher Weegen gemeinsam mit dem stern die Jobampel entwickelt. Sie zeigt die Aussichten für die 26 beliebtesten Studienfächer. Dazu untersucht Weegen drei zentrale Bereiche:

• Absolventen: Wie viele Studenten schreiben sich ein? Und wie viele halten bis zum Abschluss durch?
• Erwerbstätige: Wie viele Akademiker werden in den nächsten Jahren in Rente gehen? Und wo tun sich neue Berufsfelder auf?
• Arbeitslose: Wie viele ältere Absolventen einer Fachrichtung suchen bereits erfolglos einen Job? Und wie hoch ist der Anteil der Jüngeren?

Gewinner und Verlierer

Weegens Analyse ergibt eine klare Aufteilung der Fächer nach den jeweiligen Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Gewinner sind Ingenieure, Mediziner und viele Naturwissenschaftler. Sie werden heute und morgen dringend gesucht. Auch Absolventen in Fächern wie Wirtschaft, Pharmazie oder Lehramt haben gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Dagegen müssen Geistes- und Sozialwissenschaftler mit Problemen beim Einstieg rechnen und flexibel sein, um Beschäftigungsnischen zu finden. Verlierer unter den Akademikern sind Architekten, Biologen, Germanisten und Juristen: In ihren Fächern herrscht großer Andrang, aber es gibt wenig gute Jobs.

Zurzeit studieren zwei Millionen junge Menschen in Deutschland - so viele wie lange nicht mehr. In den nächsten Jahren könnte die Zahl auf 2,5 Millionen steigen. Schüler, die in den kommenden fünf Jahren ihr Abitur machen, werden daher in überfüllten Hörsälen sitzen. Und auch danach auf dem Arbeitsmarkt wird es vorübergehend eng werden.

Das Gedränge hat verschiedene Gründe: Immer mehr Schüler machen Abitur. Weil in vielen alten Bundesländern die Gymnasialzeit verkürzt wird, erlangen in den kommenden Jahren gleich doppelte Jahrgänge die Hochschulreife. Zudem werden durch die neuen Bachelor-Studiengänge, die meist nur drei Jahre dauern, die Studenten schneller fertig.

Provinz oder Metropole?

Kleiner Trost: Von 2015 an werden sich Hochschulen und der Arbeitsmarkt allmählich wieder leeren. Es ist sogar ein Mangel an Fachkräften abzusehen, denn es werden mehr Akademiker in Rente gehen, als junge nachkommen.

Doch nicht nur die Wahl des Studienfachs ist wichtig. Ob man sich für eine große Universität in einer Metropole oder für eine kleine Fachhochschule in der Provinz entscheidet, hat erhebliche Auswirkungen auf das Studentenleben. Mancher wagt sogar den Sprung und geht zum Studieren ins Ausland. Dort sind allerdings die Studiengebühren meist viel höher als in Deutschland.

Welche Hochschule, welches Fach passt zu welchem Typ?

Für ein Studium an einer Massenuni in einem Massenfach muss man pragmatisch sein, selbstständig arbeiten und auf Menschen zugehen können. So wie Helena Jost. Die 21-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre (BWL) an einer der größten Universitäten Deutschlands, der Albertus Magnus Universität zu Köln. 44 300 Studenten sind hier eingeschrieben, fast 5000 allein in BWL.

Alltag an der Massenuni

Wie Urlauber, die sich schon morgens mit dem Handtuch die Liege am Pool sichern, belegen Kölner Studenten Plätze im Lesesaal der Universitätsbibliothek: Mit Heften, Büchern und Laptops markieren sie ihr Revier. Mittags reicht die Schlange der Hungrigen oft bis ins Treppenhaus der Mensa. Zur Übung über Makroökonomik erscheint Helena eine Viertelstunde vor Beginn, um auch ja einen guten Platz zu bekommen. Persönlich spricht sie den Dozenten selten - Kontakt hält sie per E-Mail.

Für Helena, die aus Bacharach kommt, einem romantischen 2000-Seelen-Dorf bei Koblenz, war der Alltag an der Massenuni zunächst ein Schock. "Die ersten Wochen waren grässlich, ich kannte niemanden", erzählt sie. Sie war nach Köln gegangen, weil der Fachbereich Wirtschaft einen guten Ruf genießt. Schnell merkte sie, hier ist Eigeninitiative gefragt: "An einer großen Uni muss man auf Leute zugehen, sonst ist man verloren. Und man muss sich selbst disziplinieren, weil es keinen kümmert, ob man zur Übung kommt oder nicht."

Überall sprach Helena Kommilitonen an: in der Vorlesung, in der Mensa und der Bibliothek. Sie zog in ein Studentenwohnheim. Jetzt wohnt sie in einer internationalen WG: mit Alex aus Zypern, der Medieninformatik studiert, und Grzegorz aus Polen, der Arzt werden will. Nach drei Semestern fühlt sich Helena in Köln wohl. "Es gibt sehr viele gute Professoren, und ich lerne viele Leute aus ganz unterschiedlichen Fächern kennen."

Ein "handfestes" Studium

Erst wollte Helena Lehrerin werden für Mathe und Englisch, entschied sich dann aber doch für Wirtschaft: "Mit BWL bin ich besser dran. Bei dem Studium kann ich Mathe und Fremdsprachen verbinden und habe später gute Berufschancen." Auch ihre Eltern rieten ihr dazu. Sie zahlen das Studium und die Gebühren, pro Semester 500 Euro. In den Semesterferien arbeitet Helena zu Hause auf dem elterlichen Weingut mit. Den Familienbetrieb will sie nicht übernehmen, das wird eine ihrer beiden älteren Schwestern machen, die Weinbau studiert. Die Älteste wird Juristin. Helena möchte später in der Logistik eines großen Konzerns wie des Arzneimittelherstellers Boehringer Ingelheim arbeiten. Sie will etwas "Handfestes" machen.

Ganz anders ticken Geisteswissenschaftler. Sie suchen im Studium einen Sinn - und nach dem Abschluss einen Job. Denn sie haben oft kein klares Berufsziel. Jonathan Kirchner, 22, studiert Germanistik und Philosophie in Tübingen. Die Bibliothek, in der er sich Bücher für seine Hausarbeit über Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" sucht, liegt in der "Burse", einem Fachwerkgebäude aus dem 15. Jahrhundert in der Tübinger Altstadt. Nach einem Seminar setzt sich Jonathan manchmal in die große, dunkle Stiftskirche - zum Nachdenken. "In meinem Studium wird alles infrage gestellt. Das lässt sich nach dem Seminar nicht abschalten, das geht ins Private", sagt er.

In seinem Freundeskreis ist Jonathan der Exot. Seine Kumpel aus der Schulzeit studieren Informatik oder Mechatronik. Einer lernt Speditionskaufmann. Er hat Jonathan mal gefragt: "Wozu liest du Minnesang? Was für ein Scheiß!" Von solchen Kommentaren lässt sich Jonathan nicht beirren. Seit einem Praktikum in der zehnten Klasse weiß er, was er werden will: Journalist.

Weg von zuhause

Seit vier Monaten hat Jonathan seine erste eigene Wohnung, die 40 Quadratmeter für 500 Euro sind sein ganzer Stolz. In den dunkelbraunen Ikea-Regalen stehen Gedichtbände und gelbe Reclamhefte. Zu Freunden und Eltern hat er es nicht weit: "Ich bin bloß ein Kaff weitergezogen", sagt er, von Waldenbuch nach Dettenhausen. Zweimal pro Stunde fährt ein Bus ins zehn Kilometer entfernte Tübingen. Sein Vater zahlt die Wohnung, rund 400 Euro verdient Jonathan dazu: Er fährt Senioren aus dem Altenheim zum Arzt und verkauft im Kino Eintrittskarten und Popcorn.

Wer praxisnah studieren will, ist an einer kleinen Fachhochschule gut untergebracht. Fabian Eggers, 23, studiert Elektrotechnik. Wenn er gerade mal mit drei Kommilitonen in der Vorlesung über "Elektrische Maschinen" bei Professor Reinhardt Cremer sitzt, kann er durchs Fenster die Ostsee sehen. Die Fachhochschule Stralsund liegt direkt am Meer. "Hier fühle ich mich gut aufgehoben. Die Profs kennen mich mit Namen und fragen sogar nach, wenn ich nicht in ihre Vorlesung komme", sagt er. Nur 2500 Studenten lernen auf dem Campus. Die weißen Gebäude sind neu, die Labore mit neuester Technik ausgestattet. Jeden Tag wenn er auf dem Flur seiner Fachschaft am Pinnbrett vorbeikommt, weiß Fabian, dass er sich für das richtige Fach entschieden hat: Dicht an dicht hängen die Zettel mit Angeboten für Praktikumsplätze und Jobs nach dem Studium.

Weil er sich Studiengebühren von 500 Euro pro Semester nicht leisten kann, zog Fabian von Soltau in Niedersachsen nach Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern. In den neuen Bundesländern ist das Studium noch weitgehend kostenlos. 400 Euro Bafög bekommt Fabian pro Monat vom Staat, 400 Euro über einen Studienkredit. Rund 20.000 Euro wird er nach seinem Studium zurückzahlen müssen. "Das belastet mich sehr", sagt er.

Straffer Zeitplan

Doch zum Jobben hat er keine Zeit: 35 Stunden sitzt Fabian in der Woche in Vorlesungen oder macht Messungen im Labor, zwischen 8 und 19 Uhr. Danach muss er Protokolle über die Versuche schreiben, Mathe und Physik pauken. "Ich hatte mir mein Studentenleben lockerer vorgestellt. Mein Vater hat früher weniger fürs Studium gelernt und es trotzdem geschafft", sagt Fabian.

Heute ist das Studium straff organisiert. Vom ersten Studientag an zählt Leistung. Anwesenheit ist Pflicht. Jede Anmeldung zum Seminar ist zugleich auch eine Anmeldung zur Prüfung. Für die gibt es Punkte, sogenannte Credit-Points. Pro Semester kann man 30 Punkte schaffen, 180 sollen es nach sechs Semestern sein. Für die Wiederholung einer Prüfung gibt es "Maluspunkte". Wie viele erlaubt sind, regelt die Prüfungsordnung. Betriebswirte in Köln dürfen zum Beispiel maximal 59 Maluspunkte haben, sonst ist Schluss mit dem Studium.

Helena, Jonathan und Fabian gehören zur ersten Generation der Bachelor-Studenten. Bereits nach sechs bis sieben Semestern machen sie ihren Abschluss. Der Bachelor soll sie für einen Beruf qualifizieren. Nach rund drei Jahren sollen Studenten heute die Hochschule verlassen. Deshalb dreht sich im Studium alles um "Employability", die Beschäftigungsfähigkeit für einen Beruf. "Ein Studium ist keine Phase des Ausprobierens mehr, sondern eine Phase der Ausbildung", sagt Tino Bargel, Soziologe von der Universität Konstanz. BWL-Studentin Helena Jost aus Köln stöhnt: "Wir müssen sofort funktionieren." In der Schule fiel Helena das Lernen leicht. "Im Studium ist es viel schwerer. Wenn man nicht von Anfang an dranbleibt, den Stoff nachholt, schafft man es nicht."

Die Angst zu versagen

Studenten von heute müssen mit Leistungsdruck und Versagensängsten umgehen können. Hans-Werner Rückert, Leiter der Studienberatung an der Freien Universität in Berlin, sagt: "Da ist unglaublich viel Angst im System. Angst, zu versagen. Angst, das Studium nicht in sechs Semestern zu schaffen. Angst, dass der Bachelor auf dem Arbeitsmarkt nichts wert ist. Angst, dass man nicht ins Masterprogramm kommt."

Denn die Studenten trauen dem neuen Turboabschluss nicht. Sie glauben, dass sie mit Bachelor allein keine guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. 85 Prozent wollen deshalb länger studieren und nach vier weiteren Semestern die Master-Prüfung ablegen. Der Germanist Jonathan in Tübingen sagt: "Sechs Semester sind zu kurz, um richtig zu studieren. Und der Bachelor ist noch so neu, der ist in der Arbeitswelt überhaupt nicht anerkannt."

"Ratlose Generation"

Doch ob sie einen Platz in einem Master-Studiengang ergattern werden, wissen sie nicht. Nur die Besten sollen an der Uni bleiben dürfen. Deshalb wird es wohl eine Quote für den Master geben. Ursprünglich sollte diese bei 30 Prozent liegen.

Der Soziologe Tino Bargel nennt die Studenten von heute die "ratlose Generation": Sie sind angepasster, ängstlicher, weniger selbstbewusst. Doch dazu haben sie gar keinen Grund. Zwar hat sich das Studium verändert. Es wird mehr Wert auf Leistung gelegt. Und der Bachelor ist noch neu auf dem Arbeitsmarkt. Aber er wird sich durchsetzen. Denn in Zukunft wird es in vielen Fächern keinen anderen Abschluss mehr geben. Bereits drei Viertel aller Studiengänge sind umgestellt.

Und trotz der Arbeitsbelastung ist man im Studium immer noch freier als in einem normalen Job. "Wahrscheinlich ist das gerade die beste Zeit in unserem Leben", sagt Helena aus Köln auf einer WG-Party. Auf jeden Fall ist es die beste Investition in die Zukunft. Im Hörsaal ist es warm und trocken. Wenn sich der Sturm auf dem Arbeitsmarkt wieder legt, werden die am besten durchstarten können, die studiert haben.

print