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Bibel-Park: Jesu-Auferstehung alle halbe Stunde

Im einzigen religiösen Themenpark der Welt wird Glauben zur skurrilen Show. Laser und bewegliche Puppen stellen die Schöpfung nach, Jesu Auferstehung ist alle halbe Stunde und die Synagoge teilt sich ihr Plätzchen mit der Moschee - neben dem Klohäuschen.

Von Matthias Lohre, Buenos Aires

Der Heiland ist etwas steif in der Hüfte, dafür aber zwölf Meter groß. Zu den Klängen von Händels "Halleluja" entsteigt eine gewaltige Pappmaché-Figur des Heilands langsam einem künstlichen Hügel. Mit ausgebreiteten Armen und einem Nicken segnet der Auferstandene die Parkbesucher auf den Rängen, einige klatschen. Der bizarre Höhepunkt jedes Besuchs in "Tierra Santa" ist vollbracht.

Das Osterwunder ist nur eines von vielen Show-Einlagen im Themenpark "Heiliges Land". Mitten in Buenos Aires haben findige Geschäftsleute ein skurriles Machwerk geschaffen, das wohl einzigartig auf der Welt ist. Eingezwängt zwischen einem Flughafen, Hochhäusern und dem Rio de la Plata steht eine Comicversion des alten Jerusalem, die einem deutschen Bischof den Atem verschlagen würde.

Klagemauer und Golgatha aus Leinwand

Fast alles im mehrere Fußballfelder großen Park besteht aus mit Leinwand und Farbe überzogenen Drahtgittern: Klagemauer, Stadttor, Marktplatz und die Kreuzigungsstätte Golgatha. Junge Menschen in langen Gewändern oder römischen Rüstungen führen Besuchergruppen durch die Anlage und tun so, als seien sie im Nahen Osten. "Dieses Tor haben die Römer vor 2000 Jahren erbaut", ruft ein junger Mann in sein Mikrofon. Vor allem Studenten aus der Hauptstadt verdienen sich im Park etwas Geld hinzu.

Sogar die Palmen sind hier aus Pappmaché. Dabei gedeihen deren natürlichen Vorbilder in diesen Breiten Argentiniens von allein. Zwischen ihnen stehen Dutzende lebensgroße Nachbildungen von römischen Soldaten, Marktfrauen, Pferden, Schafen - und natürlich Jesus.

Um den christlichen Messias dreht sich alles hier. Zwar verkauft sich der Park offiziell als "ökumenischer Park", doch beherrscht die Darstellung insbesondere des Neuen Testaments das Bild: Rings um das Gelände stellen lebensgroße Figuren die 14 Stationen des Kreuzwegs dar, und ein Papp-Jesus heilt die Papp-Kranken.

Synagoge und Moschee uncharmant neben dem Klo

Für andere Weltreligionen bleibt im christlichen Club kaum Platz. Eine jüdische Synagoge und eine "al Aksa Moschee" stehen sich zwar einträchtig gegenüber - allerdings uncharmant neben einem Toilettenhäuschen drapiert. Buddhismus und Hinduismus fehlen ganz. Irgendwie stellvertretend für beide Religionen grüßt ein Papp-Gandhi milde aus seiner Nische. Selbst Martin Luther bleibt abseits der Hauptwege des Parks meist allein. Dafür hat die Figur von Johannes Paul II. einen eigenen kleinen Tempel - inklusive den Worten "Pilger des Friedens" in Leuchtbuchstaben. Ein paar Meter weiter heilt Mutter Teresa leprakranke Kinder.

Der skurrile Park ist kommerziell ein Riesenerfolg. Nach Betreiberangaben sind seit der Eröffnung 1999 mehr als drei Millionen Menschen ins künstliche Jerusalem gepilgert. Dabei öffnet die Geisterbahn des Glaubens nur freitags bis sonntags und an Feiertagen. Zu Ostern und jetzt, zur Vorweihnachtszeit, ist der Andrang besonders groß. Dann ist der Park eine ganze Woche lang geöffnet, 30.000 Besucher werden in diesen Tagen erwartet. Umgerechnet rund drei Euro kostet der Eintritt für Erwachsene, für Kinder ein Euro. Sie sind die größte Zielgruppe.

Zum Beispiel Kinder wie die neunjährige Anna aus Buenos Aires. Gemeinsam mit ihren Pfadfinderfreunden bestaunt sie die Rummelplatzspektakel. "Ich war schon vier Mal hier", kräht die Kleine, "aber ich finde immer noch etwas Neues". Für ihre Betreuerin Maria Balan ist der Park ein Mittel religiöser Erziehung: "Ich will den Kindern das Christentum näher bringen. Und die Kleinen nehmen es dankbar auf." Zumindest eines bleibt den Kindern vor Weihnachten erspart: Live-Aufführungen der Kreuzigung Christi, mit verkleideten Darstellern und jede Menge Kunstblut. Diese Show gibt es nur zu Ostern zu sehen, dann aber drei bis vier Mal am Tag.

Geschichte nicht so genau nehmen

Mit der Geschichte nehmen es die Macher ohnehin nicht so genau. Parksprecherin Ivana Perrone lobt "Tierra Santa" allen Ernstes nicht nur als Wiederauferstehung des alten Jerusalem vor 2000 Jahren, sondern als "Ort, an dem Juden, Christen und Muslime zusammenlebten". Und das mehr als sechs Jahrhunderte, bevor Mohammed auf die Bühne der Geschichte trat. Das Heilige Land von Buenos Aires hat für Perrone noch einen weit pragmatischeren Vorteil: "Der Park ist so real wie Jerusalem, aber viel näher und preiswerter."

Wohl in keinem anderen Land wäre soviel Pragmatismus in Glaubensfragen möglich. Zwar ist Katholizismus in Argentinien Staatsreligion, neun von zehn Einwohnern sind katholisch. Aber die römische Glaubenslehre wird hier nicht bierernst genommen. Es gibt viel Volksglauben, der nur noch wenig mit den offiziellen Riten zu tun hat. Sogar die Landesregierung und der Erzbischof fördern den Park. Zu den stolzen Sponsoren zählen außerdem eine große Supermarktkette und die argentinische Tourismusbehörde.

Blickt man hinter die Kulissen, wirkt das Heilige Land noch profaner. Das sieben Hektar große Gelände gelangte in den 90er Jahren in die Hand des Chefs der Einzelhandelsgewerkschaft, angeblich mit tatkräftiger Unterstützung des damaligen Staatspräsidenten Carlos Menem. Der Gewerkschaftsboss ließ daraufhin den Themenpark bauen - und den Vergnügungspark Norte gleich nebenan. Die Kommune fordert das Gelände zwar zurück, doch der geballten Macht von Regierung und Kirche scheint die Stadt nicht gewachsen.

Kindern recht seltsame Bilder ins Hirn gepflanzt

Deshalb werden Kindern hier auch künftig recht seltsame Bilder ins Hirn gepflanzt. Neben der Auferstehung Jesu ist die Erschaffung der Welt in einer Art Kinosaal ein Renner: Zur Soundtrackmusik von "1492 - Die Eroberung des Paradieses" spricht eine sonore Stimme die ersten Worte der Genesis in die Dunkelheit. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Nacheinander entsteigen Pflanzen, Sterne und Tiere dank geschickt gesetzter Lampen dem Dunkeln. Am Ende drehen sich ein muskulöser Adam und eine blonde, barbusige Eva mechanisch einem grünen Laserstrahl zu. Das ist Gott.

Die Erfolgsgeschichte des Parks soll natürlich weiter gehen. Genug Stoff bietet die Bibel ja. Derzeit wird an einer Nachbildung der Arche Noah gebaut. Als Restaurant.

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