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Bildungssystem: Die Schule brennt

In diesen Wochen werden Hunderttausende Kinder an Gymnasien angemeldet. Denn Eltern haben - anders als bei der Grundschule, die zugewiesen wird - neuerdings ein Wahlrecht, wohin sie ihre Sprösslinge schicken. Davon wird rege Gebrauch gemacht.

Von Alexandra Zykunov und Marion Schmidt

Heute ist Händeschütteltag. Die Lehrer tragen Sakkos mit Namensschildchen und begrüßen jeden der etwa 300 Gäste persönlich. Im Musiksaal wirft der Beamer eine Power-Point-Präsentation an die Wand. Dutzende Eltern drängen in den Raum.

Dann betritt Inge Voltmann-Hummes die Bühne und hebt an zu einer Art Vertriebsgespräch. Die Direktorin des Gymnasiums Hochrad im feinen Hamburger Stadtteil Othmarschen spricht von "facettenreich", "kreativ" und "anspruchsvoll". Die Leistungen der Schüler seien "unglaublich", auch im Bundesvergleich. Das Publikum tuschelt begeistert.

Am Gymnasium ist Tag der offenen Tür. Was früher ein Rundgang durch die Klassenräume und ein Waffelstand waren, ist heute eher eine Leistungsschau für Eltern und ihre Kinder. Da treten Chöre und Orchester auf, Lehrer machen Experimente, Schüler führen Theaterstücke auf, erzählen von Golf- oder Hockeykursen, Partnerschulen in aller Welt werden vorgestellt und chinesische Schriftzeichen erklärt. Waffeln gibt es auch. "Die Schulen zeigen sich von ihrer Schokoladenseite", sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands, der Standesvertretung der deutschen Gymnasiallehrer. Nicht nur in Othmarschen, auch in anderen Hamburger Vierteln, wie auch in München, Neumünster, Göppingen oder Rosenheim, werben Schulen immer eifriger um Nachwuchs.

Es geht um das Profil

In diesen Wochen erhalten die Viertklässler ihre Halbjahreszeugnisse, mit denen sie sich bei den weiterführenden Schulen bewerben müssen. Hunderttausende von Eltern müssen nun die Entscheidung treffen, auf welchem Gymnasium sie ihr Kind anmelden wollen.

Die Auswahl ist groß: Es gibt konfessionelle, altsprachliche, musische, naturwissenschaftliche Gymnasien, manche haben Partnerschulen in den USA und China und bieten fünf verschiedene Sprachen an. Andere werben mit prominenten Absolventen. Den größten Zulauf haben Gymnasien, die als leistungsstark gelten, nicht diejenigen, die das Abitur freizügig vergeben. "Die Schulen entwickeln ein Profil, um sich voneinander abzuheben", sagt Meidinger. Er glaubt, dass es immer wichtiger wird, welche Schule man besucht hat.

Deshalb suchen sich Eltern das Gymnasium sehr sorgfältig aus. Das Gymnasium Hochrad etwa will, ungeachtet der Diskussion um die Zukunft der Gymnasien in der Hansestadt, mit Auslandsaufenthalten punkten. Es hat 15 Partnerschulen von Peking bis Florida. Das gefällt Falk und Susanne Wollatz. Das Elternpaar sucht nach einer Schule für Sohn Jösse. Besonders das Sprachangebot der Schule spricht sie an. "Wir wollen keine humanistische Schule. Bilingual ist wirtschaftstauglich. Das wünschen wir uns für unseren Sohn", sagt Falk Wollatz. Aber auch das AG-Angebot imponiert ihnen. "Viele AGs sind für uns ein Zeichen für engagierte Lehrer, die auch nachmittags mit den Kindern arbeiten möchten."

"Wir müssten Lehrer entlassen"

Um die zukünftigen Fünftklässler ist an vielen Orten ein Wettbewerb entbrannt. Seit Jahren sinken die Schülerzahlen. Dieses Schuljahr wurden bundesweit rund 70.000 weniger Kinder eingeschult als noch vor drei Jahren. Insgesamt sinkt zwar die Zahl schulpflichtiger Kinder, doch immer mehr Eltern schicken ihr Kind auf ein Gymnasium. Waren es 1970 im Bundesdurchschnitt nur 23 Prozent, geht mittlerweile jeder dritte Schüler eines Jahrgangs aufs Gymnasium, in Hamburg sind es sogar 42 Prozent, in manchen Stadtteilen gar über 70 Prozent.

Doch gerade dort, wo mehrere Gymnasien am Ort um Nachwuchs buhlen, steigt die Konkurrenz untereinander. Alle wollen volle Klassen, um nicht ihre Existenz zu gefährden oder ihr Profil. "Von der Schüleranzahl hängt unser Personal ab", sagt Direktorin Voltmann-Hummes. "Wenn wir neue Fachbereiche ausbauen und die Schüler plötzlich wegbleiben, müssten wir Lehrer entlassen. Das wäre fatal."

"Ich habe gleich ein Konzept entwickelt"

Sie hat früh begonnen, das Marketing ihrer Schule auszubauen. "Als ich anfing, habe ich gleich ein Konzept entwickelt." Neues Logo für die Schule, Banner, Werbebroschüren. In einem Vitrinenschrank in ihrem Büro stehen Becher, Taschen, Baseballkappen - alle mit Aufschrift "Hochrad Gymnasium".

Das Freihof-Gymnasium im baden-württembergischen Göppingen etwa hängt die Konkurrenz am Ort ab, weil es eine Ganztagsbetreuung mit Mittagessen in einer schönen Mensa anbietet. Der zunehmende Wettbewerb zwischen den Schulen ist auch den Eltern nicht entgangen. "Es ist eine regelrechte Konkurrenzschlacht", sagt Thorsten Stohldreier, der sich gerade das Gymnasium Othmarschen für seinen Sohn Jan anschaut. Vorher war er auch schon am Hochrad. "Alle Schulen präsentieren sich so tadellos wie in einem Hochglanzmagazin. Manchmal ist das fast zu viel und kann einfach zu glatt wirken." Auch für die Kinder. Als eine Mutter ihren Sohn nach einem Marathon durch mehrere Hamburger Schulen fragt, welche er denn wählen möchte, antwortet er: "Ich wähle die Tür, ich will jetzt endlich nach Hause."

FTD