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Biografie über römischen Statthalter: Pontius Pilatus kannte keine Gnade mit Jesus

Pontius Pilatus hat Jesus ans Kreuz nageln lassen. So steht es in der Bibel und das bestreitet auch Historiker Ralf-Peter Märtin nicht. Doch bis auf diese Tatsache habe der römische Statthalter wenig mit dem Pilatus aus den Evangelien gemein, behauptet Märtin.

Herr Märtin, wollen sie uns mit ihrer Behauptung, die Verurteilung von Jesus Christus durch Pontius Pilatus hätte keine zehn Minute gedauert, das Osterfest verderben?

Jesus war kein Bürger Roms, der ein Anrecht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren gehabt hätte. Er war zudem bereits durch eine Untersuchung des jüdischen Hohen Rates des Aufruhrs überführt und abgeurteilt. Die Kreuzigung von Aufrührern war auch kein Einzelfall, sondern vor und nach Jesus gängige Praxis. Die Überstellung an den römischen Statthalter zur Verkündung und Vollstreckung des Todesurteils war nur noch eine Formalie.

Eine Formalie? Pontius Pilatus stellte sich schließlich dem Zorn der jüdischen Priesterschaft entgegen.

Weshalb hätte Pilatus wegen eines galiläischen Wanderpredigers und Störers der öffentlichen Ordnung einen Konflikt mit der Priesterschaft riskieren sollen, mit der er nachweislich gut zusammen arbeitete? Insbesondere mit dem Hohepriester Kaiphas. Schließlich beließ er ihn zwölf Jahr im Amt.

Pilatus bot dem Volk immerhin die Alternative, entweder Jesus freizulassen oder den Verbrecher Barabas?

Es findet sich kein außerbiblischer Beleg für die in den Evangelien geschilderte Sitte, einen Verurteilten am Passahfest freizulassen. Die vom Volk geforderte Begnadigung eines des Mordes überführten Terroristen wie Barabas hätte Pilatus politisch unglaubwürdig gemacht. Der durch die historischen Quellen dokumentierte Statthalter war durch die harte Schule der Legionen gegangen, er war ein rigoroser Law- and Order-Politiker.

Aber warum wusch dann Pilatus, um sich zu distanzieren, seine Hände in Unschuld?

Undenkbar, dass sich der römische Statthalter dieses jüdischen Rituals bedient hätte, um seine Unschuld darzutun. Dies wäre eines Beamten unwürdig, der auf dem Gerichtsstuhl schließlich die Macht Roms verkörperte.

Der sich aber vielleicht durch diesen charismatischen Rabbiner intellektuell herausgefordert sah.

Niemals hätte sich Pilatus auf einen philosophischen Exkurs mit dem Angeklagten eingelassen, der dann auch noch in der Erörterung der Frage gipfelte: „Was ist Wahrheit?“ Das fand sicher nicht statt, wie der Versuch, Jesus zu retten, indem er mit den Worten „Ecce homo“ also, nach Luthers Übersetzung „Sehet, welch ein Mensch“, an das Volk von Jerusalem appellierte.

Aber alle vier Evangelien schildern, unanhängig von ihrer Entstehungszeit, diesen Prozess.

Aber alle in einer Zeit, als sich christliche und jüdische Gemeinden als erbitterte Gegner gegenüberstanden. Erst diese Schilderung, in der die Juden dem widerstrebenden Pilatus die Verurteilung Jesu gleichsam abzwangen, eröffnete den Christen die Möglichkeit, sich leichter mit Rom zu arrangieren.

Nur aus opportunistischem politischen Kalkül? In einer Zeit, als Christen noch von Rom verfolgt wurden?

Nein, vor allem wohl auch deshalb, weil die Vorstellung, der Gesalbte des Herrn und Messias wäre wie ein normaler Verbrecher gekreuzigt worden, für die junge christliche Gemeinde schwer erträglich war. Jesu Auftreten musste überragend sein und Pilatus tief beeindruckt zurücklassen. Denn schließlich war er nicht mit irgendjemandem, sondern mit Gottes Sohn konfrontiert.

Aber gerade Pontius Pilatus ist in der Ostergeschichte eine gut nachvollziehbare Figur.

Es ist die Figur, die die Evangelisten meisterhaft konstruiert haben, ein Mensch, dem die Dinge außer Kontrolle geraten. Und der egal, was er tut, immer das Falsche unternimmt.

Und auf diese Weise eine auch nach 2000 Jahren noch aktuelle Geschichte erzählen.

Das ist ja das Faszinierende an den Evangelisten, dass sie die literarische Erzählung einer in sich schlüssigen Psychologie des Scheiterns entworfen haben.

Interview: Kuno Kruse
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