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Bisher keine neuen Krawallen: Erste Randalierer zu Haftstrafen verurteilt

England im Schock: Straßenschlachten, Plünderungen, brennende Häuser in zahlreichen Städten. Die Justiz greift nun schnell durch. Die ersten Randalierer sind zu Haftstrafen verurteilt worden.

Nach vier Nächten mit Krawallen in Großbritannien hat der britische Premierminister David Cameron den Kurs verschärft. Erstmals drohte er den Krawallmachern mit dem Einsatz von Wasserwerfern. "Jeder, der gewalttätig wurde, wird ins Gefängnis geschickt", sagte Cameron nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts. "Es ist klar, dass wir in unserem Land ein Gang-Problem haben", betonte Cameron. Sie seien jedoch nicht repräsentativ für die große Mehrheit der jungen Leute in Großbritannien. Die ersten Randalierer wurden bereits verurteilt. Zwei Männer, die am Dienstag in Manchester randaliert hatten, müssen für mehrere Wochen hinter Gitter.

Cameron, der am Abend Birmingham besuchte, wo in der Vornacht drei Männer zu Tode gekommen waren, erklärte, der "Gegenschlag" gegen die Krawallmacher sei im Gange. Erstmals erlaubte er den Einsatz von Wasserwerfern, die bislang nur bei den Unruhen in Nordirland zum Einsatz kamen. Auch wenn Wasserwerfer derzeit nicht nötig seien, sähen Notfallpläne vor, dass sie der Polizei binnen 24 Stunden zur Verfügung gestellt würden, sagte Cameron. Auch Gummigeschosse dürften verwendet werden. Nach Verdächtigen wird zudem mit Bildern aus Überwachungskameras gefahndet. Schon am Dienstag hatte Cameron das Parlament für Donnerstag zu einer Sondersitzung aus den Ferien zusammengerufen.

Ausschreitungen greifen auf weitere Städte über

Überall im Land herrschte am Abend gespannte Ruhe, Berichte über neue Ausschreitungen gab es zunächst nicht. In der Nacht zuvor hatten die Ausschreitungen erstmals auch die drittgrößte englische Stadt Manchester im Nordwesten des Landes erreicht. Hunderte teils maskierte Jugendliche liefen durch das Stadtzentrum, warfen Schaufensterscheiben ein und plünderten Schuh- und Kleidungsgeschäfte sowie einen Elektromarkt. Zudem setzten sie mehrere Gebäude in Brand und schleuderten Wurfgeschosse auf die Polizisten. Ein Polizeivertreter sprach von den schwersten Krawallen in Manchester in den vergangenen 30 Jahren.

Im zentralenglischen Nottingham griff eine Gruppe von 30 bis 40 Randalierern eine Polizeistation an und setzte sie mit Molotow-Cocktails in Brand. Auch aus Liverpool, West Bromwich, Wolverhampton und Gloucester wurden Zusammenstöße gemeldet.

Drei Menschen sterben in Birmingham

In Birmingham starben drei Männer, als sie Augenzeugen zufolge nach einem Moscheebesuch mit anderen spontan eine Bürgerwehr bildeten, um Geschäfte ihres Viertels vor Plünderungen zu schützen. Ein Auto habe die Männer asiatischer Abstammung mutwillig überfahren, berichtete ein Augenzeuge. Er schilderte, wie mehrere Autos zunächst an den vor den Geschäften ausharrenden Anwohnern vorbeigefahren seien. Die Insassen der Fahrzeuge hätten die Anwohner dabei beschimpft. Eines der Autos habe dann umgedreht und sei "mit unglaublicher Geschwindigkeit" über den Bürgersteig gefahren und habe die Männer im Alter zwischen 20 und 31 Jahren mitgerissen.

Nach Angaben von Rettungskräften waren rund 80 Menschen am Ort des Geschehens, als sie zur Rettung der Opfer eintrafen. Zwei der Männer waren den Angaben zufolge auf der Stelle tot, der dritte Mann erlag seinen schweren Verletzungen im Krankenhauss. Die Polizei nahm einen 32-Jahre alten Verdächtigen fest und ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung.

In London formieren sich Bürgerwehren

In London war es nach drei Krawallnächten in Folge in der Nacht zum Mittwoch relativ ruhig geblieben, nachdem die Regierung statt bisher 6000 nun 16.000 Polizisten in den Einsatz schickte. Aus Angst vor erneuter Randale hatten viele Geschäfte schon am Nachmittag geschlossen und viele Firmen ihre Mitarbeiter früher nach Hause geschickt. Besonders viel zu tun hatten dafür die Haftrichter. In zwei Gerichtssälen wurde die Nacht durch verhandelt.

In mehreren Stadtteilen formierten sich Bürgerwehren, um ihre Viertel zu schützen. Insgesamt wurden seit Beginn der Ausschreitungen am Samstagabend landesweit mehr als 1100 Menschen festgenommen.

Die Krawalle waren am Samstag im nördlichen Londoner Stadtteil Tottenham ausgebrochen und hatten sich in den vergangenen Tagen immer weiter ausgebreitet. Auslöser war der Tod eines 29 Jahre alten dunkelhäutigen Familienvaters, der von der Polizei erschossen worden war. Ballistische Untersuchungen ergaben, dass der Mann selbst nicht auf die Polizisten geschossen hatte. Das hatte Scotland Yard zuvor behauptet.

Polizeigewerkschaft zieht Parallelen zu Deutschland

Der stellvertretende britische Botschafter in Deutschland, Andrew Noble, sagte dem Sender n-tv, die Krawalle und Plünderungen hätten nichts mit den beschlossenen Sparmaßnahmen der Regierung zu tun. sondern seien "nur kriminell". Um die Hintergründe der Situation verstehen zu können, sei es derzeit noch zu früh.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft warnte derweil vor ähnlichen Krawallen in Deutschland. Die Bedingungen für "solche Gewaltorgien" seien in Deutschland "exakt die gleichen", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erklärte indes in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er sehe keinen Grund zur Sorge. In Deutschland sei es Konsens, dass Gewalt gegen unbeteiligte Menschen kein Mittel sei, um politische oder sonstige Ansichten durchzusetzen.

kng/AFP/DPA / DPA