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Bootcamps: Nachts angekettet in einem Hundekäfig

Der Ruf nach Erziehungscamps für gewalttätige Jugendliche wird auch in Deutschland lauter. Die Bootcamp-Expertin Maia Szalavitz erklärt im stern.de-Interview, warum das Konzept in den USA kläglich gescheitert ist.

Frau Szalavitz, in Deutschland wird nach einigen Fällen von gewalttätigen Angriffen durch Jugendliche über eine Verschärfung der Gesetze nachgedacht. Die Logik dahinter: Gewaltbereite Jugendliche verstehen nur die "harte Gangart". Nur so lernen sie wieder Disziplin und Respekt. Sie sagen, das sei falsch, warum?

Oft sind diese Jungendlichen doch gewalttätig, weil sie mit vielen Problemen belastet sind. Der Weg kann natürlich nicht sein, ihnen alles zu erlauben oder sie zu ignorieren. Aber um herauszufinden, was in ihnen vorgeht, muss man sie mit Würde und Respekt behandeln. Denn das ist der richtige Ansatz: Ihnen das Verhalten vorzuleben, das man auch von ihnen verlangt. Man kann nicht jemandem beibringen, nicht gewalttätig zu sein, wenn man ihm gegenüber nur Härte zeigt. Diesen Jugendlichen will man doch helfen, und sie nicht verletzten.

Erziehungslager gibt es in den USA bereits: Sogenannte "Boot-Camps". Dort werden Jugendliche militärisch gedrillt, um sie wieder auf den "richtigen Weg" zu bringen.

Ende der Achtziger Jahre haben die Jugendgerichte dieses Konzept für sich entdeckt und die ersten "Boot-Camps" wurden eröffnet. Auf dem Höhepunkt gab es rund 200 solcher Einrichtungen in den USA. Jetzt gibt es nur noch rund 50 offizielle Boot-Camps, die von staatlicher Seite geführt werden. Der Grund für den Rückgang ist, dass es in mindestens vier Bundesstaaten zu schockierenden Missbrauchsfällen kam.

In ihrem Buch " Help At Any Cost" beschreiben sie viele solcher Fälle. Was ist passiert?

Es sind leider viele herzzerreißende Geschichten. Zum Beispiel dieses 14-jährige Mädchen, das in einem Geschäft mehrere Stofftiere gestohlen hat. Sie wurde in ein Boot-Camp geschickt. Obwohl sie übergewichtig war, musste sie bei extrem hohen Temperaturen stundenlang in der Sonne herumlaufen. Sie sagte ihren Wärtern, dass sie am Ende sei, und nicht mehr weiter gehen könne. Doch die packten sie und schleiften sie weiter. Sie wurde bewusstlos, die Wärter haben sie einfach in der Sonne liegengelassen. Und sich über sie lustig gemacht. Als der Krankenwagen kam, hatte sie eine solch hohe Körpertemperatur, das sie in einem lebensgefährlichen Zustand war. Ein anderer Fall: Ein Kind, schlecht in der Schule, die Eltern kamen mit ihm nicht mehr zurecht. Und schickten es in ein amerikanisches Boot-Camp nach Mexiko. Wenn man dort gegen die Regeln verstieß, dann bedeutete das: Die Nacht verbringt man angekettet in einem Hundekäfig. Wie kann man Jugendliche in Hundekäfig sperren? Was soll das bewirken?

Viele dieser Boot-Camps präsentieren sich professionell und geben sich seriös. Trotzdem scheinen viele ein Hort von Gewalt zu sein. Wie kommt es dazu?

Der Grund ist, weil es an einer Überwachung der Wärter fehlt, zudem gibt es keine klaren rechtlichen Vorschriften für solche Lager. Die Wärter nutzen oft ihre Machtposition aus, um andere zu misshandeln. Das erinnert mich an das berühmte Experiment an der Universität von Stanford von 1971, bei dem Studenten Wärter und Gefangene spielen sollten. In nur wenigen Tagen lief das ganze aus dem Ruder: Die Wärter fingen an, ihre Gefangenen zu quälen und zu erniedrigen. Dazu kommt dieses Denken, dass es jemandem helfen kann, wenn man ihm Leiden zufügt.

Was sind das für Menschen, die in solchen Einrichtungen arbeiten?

Diese Wärter haben keinen Universitätsabschluss, und oft sogar noch nicht einmal irgendeinen Schulabschluss. Sie bekommen einen zwei - oder dreiwöchigen Einführungskurs, und mehr nicht. Ihnen fehlt aber das Wissen, wie man mit Kindern und Jugendlichen umgehen muss - die psychologischen Grundlagen sind nicht vorhanden. Und dann werden sie mit Kindern konfrontiert, die ihnen vielleicht auf die Nerven gehen, die sie an ihr eigenes Limit bringen. Man muss wirklich wissen, wie man sich in solchen Situationen verhält. Ohne die richtige Ausbildung wird das sehr schwierig.

Sie selber sprechen von Folter. Ein schwerer Vorwurf.

Viele denken, dass sei keine Folter, aber man muss sich nur mal die Fakten anschauen: Einige dieser Kinder sind in diesen Boot-Camps gestorben. Ich denke, dass reicht aus, um von Folter zu sprechen. Die Jugendlichen sollen dort gebrochen werden. Weit weg von zu Hause. Getrennt von ihren Eltern, von ihren Freunden, isoliert von ihrer Umwelt. Sie bekommen wenig zu Essen, leiden unter Schlafentzug. Das ist definitiv ein menschenverachtender Umgang. Und die Jugendlichen haben auch nach ihrer Entlassung noch Angst, wieder zurückgeschickt zu werden. Da schweigen viele lieber.

Kritiker sagen, Boot-Camps seien zudem nur wenig effektiv. Stimmen sie dem zu?

Untersuchungen zeigen, dass rund 75 Prozent der Kinder den Aufenthalt genau so schlimm empfanden wie eine Jugendstrafanstalt. Für die meisten Jugendlichen, die ich befragt habe, war das die schlimmste Zeit ihres Lebens. Viele leiden unter den psychischen Folgen noch heute, und manche rutschen danach noch mehr auf die falsche Bahn. Ein Beispiel: Eine Familie mit drei Jugendlichen, zwei davon wurden in solche Boot-Camps geschickt. Der eine ist psychisch am Ende, der andere ist heute heroinabhängig. Die einzige, die ein normales Leben führt, war die, die nicht auf ein solches Boot-Camp geschickt worden ist. Sie ist heute verheiratet, hat Kinder und ist beruflich erfolgreich.

In den USA scheint sich die Stimmung gegen "Boot Camps" zu wenden: Einige der Einrichtungen-wurden geschlossen, im Kongress wird über schärfere Auflagen für solche Einrichtungen diskutiert. Wie sehen sie das?

Es wird endlich gesetzliche Regelungen geben. Ich hoffe, dass am Ende ein Gesetz verabschiedet wird, dass Prügelstrafen in solchen Lagern verbietet und besser ausgebildetes Personal garantiert. Leider wird es aber diese Lager weiterhin geben.

Vielleicht kann Deutschland diese Fehler vermeiden. Was raten sie im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen?

Man muss an die wirklichen Probleme dieser Jugendlichen herangehen. Ansonsten zwingt man sie nur mit Gewalt, gefügig zu sein - das geht aber nach hinten los. Am Wichtigsten: Die Familie muss einbezogen werden. Ohne die Hilfe von außen können solche künstlich geschaffenen Institutionen wie Erziehungslager nichts bewirken. Zudem spielt Bildung eine große Rolle, den Jugendlichen zu helfen. Denn eines zeigen die Untersuchungen auch: Je gebildeter die Jugendlichen sind, desto weniger gewalttätig sind sie.

Interview: Tobias Betz
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