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Bosnien: Die Skepsis der Migranten

Auch nach der Festnahme von Radovan Karadzic ist die Stimmung unter Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien geprägt von Misstrauen und Skepsis. Ihre seelischen Verletzungen sitzen einfach zu tief. Doch manche von ihnen sind überzeugt: Eine gemeinsame Zukunft am Balkan ist jetzt möglich.

Von Tonio Postel, Frankfurt am Main

Rasim Grabovica, 37, lächelt nur milde, wenn der Name Radovan Karadzic erwähnt wird. Dabei hätte der bosnische Muslim allen Grund ihn zu hassen, den Kriegsverbrecher, der seit fast 13 Jahren abgetaucht war und bis zu seiner Festnahme in dieser Woche als einer der meist gesuchten Männer der Welt galt. Karadzic soll mitverantwortlich sein am Völkermord von 75.000 Menschen - bei dem auch Grabovica einen Teil seiner Familie verloren hat.

Nach ausgelassenem Feiern war ihm aber nicht zu Mute, als er hörte, was passiert war. "Ich habe mich zwar gefreut", sagt er, "doch man traut keinem mehr, fragt sich: was kommt jetzt?" Grabovica lebt seit 18 Jahren in Frankfurt am Main; er war 19, als er 1990, zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges in Bosnien und Herzegowina, nach Deutschland floh. Wie viele Flüchtlinge in der Zeit des Krieges im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen sind, lässt sich nur schätzen.

Laut Migrationsbericht 2006 haben in dieser Zeit 466.221 Menschen aus Jugoslawien und Bosnien-Herzegowina Asylanträge in Deutschland gestellt. Die meisten sind heute wieder in ihre Länder zurückgekehrt, sagt Ilija Dreznjak, Sozialarbeiter der Caritas in Frankfurt. Er betreute ab 1991 unter anderem Flüchtlinge, die in der Main-Metropole fünf Monate lang in einem leer stehenden Hotel unterkommen konnten. "Viele waren in einem geistigen Zustand, den man nicht mit zwei, drei Worten beschreiben kann", sagt er. "Einige von ihnen bleiben wohl ihr Leben lang traumatisiert."

Das Essen sei stets knapp gewesen

Grabovica ging alleine nach Deutschland, seine Eltern glaubten, das sei der sicherste Weg - und blieben selbst im Kriegsgebiet zurück. Auch sein Großvater verweilte in dem Dorf namens Cvilin, 70 Kilometer von Sarajevo entfernt. Weil dieser sich trotz Warnungen nicht aus seinem Haus bewegen wollte, zündeten die Serben es an, der Opa starb in den Flammen. Zwei Cousins von Grabovica ließen ebenfalls ihr Leben - sie wurden 17 Jahre alt.

Dass seine Eltern den Genozid überlebten, bezeichnet der blonde und sportliche Mann heute als großes Glück: "Mein Vater wurde zwei Mal gefangen genommen; die Serben wollten ihn erschießen, doch er konnte entkommen", erzählt Grabovica in einem Frankfurter Straßencafé. Das Essen in der Enklave sei stets knapp gewesen, 18 Monate lang habe Grabovica, der heute Vorstandsvorsitzender des "Bosnien-Herzegowina" Vereins ist, einer Frankfurter Kultur- und Sportgemeinschaft, weder Kontakt zum Vater oder der Mutter gehabt. "Das Wiedersehen 1996 war wie eine zweite Geburt." Seine Eltern litten noch heute unter den Folgen, der Vater spreche wenig über das Erlebte und manchmal laufe ihm einfach so der Schweiß die Schläfen herunter.

"Alle wussten doch wo er ist"

Wenn Rasim Grabovica darüber nachdenkt, welche Strafe dieser Mann verdient, der die schlimmsten Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg zu verantworten haben soll, hält er einen Moment inne und sagt: "In Den Haag muss die ganze Wahrheit auf den Tisch, so kann man den meisten Menschen helfen." Zudem sei es sehr wichtig, Kindern in der Schule zu gegebener Zeit von den serbischen Gräueltaten zu erzählen; seine beiden eigenen will er damit aber besonders schonend konfrontieren.

Die Umstände der Festnahme werfen nach seiner Ansicht Fragen auf: "Alle wussten doch wo er ist, wie konnte er jahrelang in Belgrad leben und arbeiten?" Grabovica vermutet, dass die Serben Karadzic "verkauft" haben, um bessere Chancen auf einen baldigen EU-Beitritt zu bekommen.

Jeder habe ein Recht zu leben

Auch Antun Budimir befürchtet das. Der 43-Jährige Kroate aus Bosnien-Herzegowina lebt seit 20 Jahren in Deutschland, ist kein Flüchtling. "Wenn die Interessen der Serben dahinter stecken, hat sich die Politik in der EU nicht geändert", sagt der Kellner des Lokals "Zum Adler" in Frankfurt-Ginnheim. "Wenn Serbien in die EU kommt, behalten sie die Macht am Balkan." Der große Mann mit dem schütteren Haar konnte sich auch nicht wirklich über die Festnahme freuen. Er hofft auf späte Gerechtigkeit - und echte Einsicht.

Denn nur wenn alle Völker am Balkan als gleichberechtigt akzeptiert würden "wären wir im 21. Jahrhundert angekommen". Budimir sieht lediglich ein wichtiges, symbolisches Zeichen dafür, dass "wir alle Menschen sind, die Regeln, Gesetze und Menschlichkeit brauchen." Schließlich habe doch "jeder ein Recht zu leben, oder?" Die "irgendwann" ersehnte Rückkehr in die Heimat ist wieder ein Stück näher gerückt.

Das Misstrauen gegenüber den Serben ist noch groß

Das Misstrauen gegenüber den Serben ist bei Rasim Grabovica immer noch groß: Zwar zählten einzelne zu seinen Freunden, doch "das Vertrauen muss sich ganz langsam aufbauen." Weil er aber ein "optimistischer Mensch" sei, werde man "einen gemeinsamen Weg" finden. Doch bevor man sich mit Kroaten und Serben an einen Tisch setze, müssten erst die bosnischen Muslime, die Orthodoxen und die Katholiken im Land Einigkeit erzielen. Ein langer Weg.

In seinem Verein geht Grabovica mit gutem Beispiel voran: In der Fußball-Jugendmannschaft spielen neben Kindern aus Bosnien auch Serben und Kroaten. "Bei den anderen fünf Balkan-Vereinen in der Stadt gibt es das nicht", sagt Rasim Grabovica und lächelt milde.