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Brennende Müllberge: In Neapel stinkt's zum Himmel

In Neapel herrscht der Müllnotstand: Alle Deponien sind voll, Verbrennungsanlagen wurden nicht gebaut, die Gelder dafür versickerten. Dafür wird auch noch fremder Müll angekarrt - und an der Straße abgeladen. Denn die Camorra verdient daran prächtig. Doch jetzt haben die Neapolitaner genug.

Von Luisa Brandl

Die Menschen in Pisani, einer Siedlung am Stadtrand von Neapel, haben vom Staat nicht viel zu erwarten. Es gibt keine Bürgersteige, keine Straßenlaternen, nicht einmal Abwasserkanäle. Die Siedlung liegt am Fuß eines Naturschutzgebiets rund um den Krater der Astroni. Viele Häuser sind hier illegal erbaut. Vor kurzem wurde ein Kreisverkehr errichtet, weil sich die Motorradunfälle dramatisch häuften.

Fast schon Bürgerkrieg

In Pisani liegt die stillgelegte Müllhalde Pianura, an der sich der Protest gegen den Müllnotstand in Neapel wieder entzündete. Die Straßen der Vesuv-Metropole sind gesäumt von stinkenden Abfallhaufen, die nicht mehr abgeholt werden, weil man nicht weiß, wohin damit. Sämtliche Müllhalden sind voll. Nun soll Pianura wieder in Betrieb gehen. Die Anwohner versperren aus Protest seit Tagen die Zufahrt zur Deponie. In der Nacht zum Freitag erreichten die Auseinandersetzungen mit der Polizei einen neuen Höhepunkt. Demonstranten errichteten vor dem Eingang eine Barrikade aus fünf Müllcontainern und einem ausgedienten Kühlschrank, davor luden sie Müllsäcke ab und steckten sie in Brand.

Als die Polizei mehrere Lastwagen durch einen Nebeneingang in die umstrittene Anlage eskortierte, explodierte die Stimmung. Es kam zu Szenen wie in einem Bürgerkrieg. Auf den Straßen brannten die Müllhaufen. Ein Linienbus wurde gekapert und angezündet. Vier Busse wurden als Straßenbarrieren quergestellt und die Reifen zerstochen. Die Ausfahrt der Umgehungsstraße Neapels blockiert und der Betrieb der Stadtbahn sabotiert. Es flogen Steine und Feuerwerkskörper gegen Polizisten. Protestler hatten sich mit einem Feuerlöscher bewaffnet und einen Streifenwagen der Karabinieri überfallen. 200 Brände loderten am Vesuv. Neapel verwandelte sich in der Nacht in ein flammendes Inferno.

Geschlossene Deponie soll wieder geöffnet werden

Erst in den frühen Morgenstunden konnten die Ausschreitungen mit massivem Polizeiaufgebot gestoppt werden. Die Anführer der Guerilla sind nach Beobachtern eine gefährliche Mischung aus Linksextremen aus dem Jugendzentrum Quarto, Rechtsradikalen und extremistische Fangruppen aus Neapel. Der Präfekt Alessandro Pansa kündigte indessen an, dass die Deponie Pianura wieder in Betrieb genommen werden soll. Doch bis es soweit ist, können Tage vergehen und außerdem kann eine Müllhalde allein nicht den Abfall der ganzen Stadt aufnehmen. 1200 Tonnen Müll sollen derzeit auf Neapels Straßen vergammeln. Und jeden Tag wächst der Müllberg weiter.

Seit Jahren herrscht in Neapel der Müllnotstand. 1994 setzte die Regierung in Rom erstmals einen Sonderkommissar für die Abfallbeseitigung ein, um den örtlichen Behörden unter die Arme zu greifen. Die Kommissare wechselten in vierzehn Jahren acht Mal, aber keiner von ihnen bekam das Problem in den Griff. Das Parlament hat das Kommissariat unlängst als "unnütz und schädlich" gescholten. In dem Untersuchungsbericht wird die Verschwendung der Behörde angeprangert. So hat das Kommissariat gleich vier Sitze zu horrenden Preisen angemietet. Es wurden 50 Lastwagen für die Abholung von getrenntem Müll angeschafft, die Transportwagen waren aber im Nu gestohlen, der Müll wurde nie getrennt. In einem Call-Center wurden jede Menge Leute eingestellt, die im Schnitt höchstens fünf Anrufe pro Tag beantworteten. Insgesamt zählt das Kommissariat mehr als 3000 Beschäftigte, darunter etliche Berater, deren Aufgaben unklar sind. So hat Neapel zwar eine der höchsten Gebühren für die Müllabfuhr im Land, aber dafür die ineffizienteste Entsorgung.

Keine der Verbrennungsanlagen wurde je gebaut

Die Müllberge auf den Halden können nicht abgetragen werden, weil keine der beiden geplanten Verbrennungsanlagen je in Betrieb genommen worden sind. Die Holding Impreglio hatte vor zehn Jahren den Zuschlag für deren Errichtung erhalten. Die eine Anlage ist noch nicht fertig gestellt worden, für die andere ist noch nicht mal der Baugrund vorhanden. Die Staatsanwaltschaft in Neapel hat wegen schweren Betrugs gegen 28 Männer die Ermittlungen eingeleitet, darunter zwei hochrangige Manager der Impreglio und der Präsident der Region Kampaniens, Antonio Bassolino, der in den Jahren 2000-2004 Sonderkommissar war. So verschlingt das Müllproblem in Neapel Jahr für Jahr Hunderttausende von Euro und dabei häufen sich die Krisen. Erst vor sieben Monaten war der Notstand ausgerufen worden, als aufgebrachte Bürger den Müll auf den Straßen anzündeten.

In den vergangenen Jahren wurden in der Region Kampanien überdurchschnittlich viele Halden geschlossen, auch wegen der schärferen Umweltschutzbestimmungen. Somit stiegen die Kosten für die Müllbeseitigung und Neapels Mafia-Organisation witterte das Geschäft. Die Camorra kontrolliert größtenteils den Mülltransport und macht damit 200.000 Euro Umsatz pro Tag. Der Transporte gehen ins Hinterland, nach Deutschland und nach China. Das organisierte Verbrechen steckt auch häufig hinter den Betreibern der Deponien und hinter dem Verkauf von Lagerplätzen für die Müllballen. Bestseller-Autor Roberto Saviano bringt das Müll-Problem auf den Punkt: "Die Politik hat versagt, die Camorra hat davon profitiert."

Müll lukrativer als Drogen

Laut Rechnungshof hat der Notstand die öffentlichen Kassen 1,8 Milliarden Euro gekostet, mehr als 20 Prozent davon wurde für Gehälter und den Unterhalt der Sitze des Kommissariats ausgegeben. Der Generalstaatsanwalt Claudio De Rose sprach von einer "extrem gravierenden" Situation. Gemeint sind die "Beziehungen zwischen fehlgeleitetem Unternehmertum, korrupter Bürokratie" und Ämtern, "die nicht zimperlich sind in Sachen öffentliche Ausschreibungen und Umweltschutz, ganz zum Vorteil für Firmen, die aus dem Nichts kommen." Nicht umsonst ist die Camorra vielerorts vom Drogenhandel auf das noch lukrativere Geschäft mit der Müllentsorgung umgestiegen.