Britische Elite-Unis Wer zahlt, gewinnt


An britische Elite-Unis schaffen es vor allem die Absolventen von Privatschulen. Nun will die Regierung auch die Chancen von Abiturienten staatlicher Schulen verbessern. Ob das angesichts der verkrusteten Strukturen überhaupt möglich ist, bleibt fraglich.
Von Frank Heinz Diebel, London

Auch in Großbritannien herrscht eine Bildungsmisere: Laut einer neuen Studie der britischen Sutton Trust Stiftung kommt ein Drittel aller Studienanfänger der Elite-Universitäten Oxford und Cambridge von rund 100 Schulen. 80 davon sind Privatschulen - mit Jahresgebühren von zum Teil mehr als 20.000 Pfund (rund 29.000 Euro). Der Bericht enthält schockierende Zahlen, die deutlich machen, wie ein kleiner Kader von Elite-Schulen sich einen großen Anteil von Studienplätzen in Oxbridge (Oxford und Cambridge) sichert. Staatliche Schulen dagegen kämpfen vergeblich darum, ihre Absolventen an den Top-Universitäten unterzubringen.

Die Elite bleibt unter sich

200 Schulen in Großbritannien stellen fast die Hälfte aller Kandidaten für Oxbridge, während der Rest von den anderen 3500 Schulen kommt. Obwohl die "Privaten" nur sieben Prozent am Gesamtanteil aller Schulen ausmachen, räumen ihre Absolventen gewaltig ab: Oxford und Cambridge bieten je rund 3000 Studienplätze im Jahr an von denen knapp die Hälfte an Privatschüler geht.

Laut britischen Medienberichten herrschen an den anderen Spitzen-Universitäten des Landes ähnliche Zustände: Eine vergleichsweise geringe Anzahl von Schulen, die meisten privat, "bestückt" auch die anderen Top-Unis. Zum Vergleich: Die Zahl der Oxbridge-Studenten unter den besten 30 Privatschulen in Großbritannien ist fast doppelt so hoch wie unter den 30 besten staatlichen Gymnasien bei vergleichbar guten Abiturnoten. Die Studie dokumentiert, worüber sich der Sekretär von Oxford und Cambridge, John Denham, bereits beklagte: Studenten aus unteren sozialen Schichten werden im britischen Bildungssystem benachteiligt.

Privatschule vs. staatliche Schule

In Großbritannien werden alle Schulen im Vierjahresrhythmus einer Prüfung durch die staatliche Behörde Ofsted (Office for Standards in Education, Children's Services and Skills) unterzogen. Außerdem werden die Abschlussnoten der Schüler jährlich im Internet veröffentlicht: Dabei wird deutlich, dass die Leistungen der Privatschüler deutlich über dem Landesschnitt liegen - auch bei Schulen in schwierigen Stadtvierteln.

Natürlich hat das damit zu tun, dass Privatschüler meist aus wohlhabenden Akademikerfamilien der Mittel- und Oberschicht stammen. Es hat aber auch damit zu tun, dass bei den "Privaten" eine "lernfreundliche" Atmosphäre herrscht: kleine Klassen (nicht mehr als zehn Schüler), persönliche Betreuung durch die Lehrer, auf Klausuren zugeschnittene Lehrpläne und intensive Vorbereitung auf die Zulassungsprüfungen der Elite-Unis.

"System auf Höchstleistungen ausgerichtet"

Die englische Kunstlehrerin Suzanne Holtom hat einige Jahre an einer Privatschule in London unterrichtet: "Das ganze private Schulsystem ist auf Höchstleistungen ausgerichtet. Lehrer und Schüler konzentrieren sich stärker auf die Stoffe und der Wettbewerb wird gefördert. An diesen Schulen herrscht eine sehr intensive Lernkultur."

An staatlichen Lehranstalten ist nur zu oft das Gegenteil der Fall: Unterrichtsausfall durch Lehrermangel, übergroße Klassen (bis zu 30 Schüler) und aggressives Mobbing machen vielen Schülern das Leben zur Hölle. In verschiedenen benachteiligten Londoner Stadtteilen (zum Beispiel Hackney und Brixton) mussten diverse staatliche Schulen geschlossen werden, weil durch störendes und gewalttätiges Verhalten der Mehrzahl der Schüler das Unterrichten unmöglich wurde. Nicht die idealen Voraussetzungen, um erfolgreich an einer der besten Universitäten der Welt zu studieren.

Bewerbungsverfahren soll "fairer" werden

Deshalb sollen nun diverse Maßnahmen helfen, den Bildungsnotstand in den Griff zu bekommen: So hat die Regierung in Aussicht gestellt, das Bewerbungsverfahren für Studienplätze "fairer" zu machen. Bildungsminister Bill Rammell plädierte dafür, dass sich Abiturienten erst bewerben dürfen, nachdem sie ihre Prüfungsergebnisse kennen. Derzeit ist es so, dass die Bewerbungsfristen der Universitäten Schulabgänger zwingen, sich auf einen Studienplatz zu bewerben, bevor sie ihre Examensnoten kennen.

Zu diesem Zweck geben die Lehrer Prognosen über zu erwartende Abiturnoten ab. Dabei neigen die Privatschulen in selbstbewusster Manier eher zur Über-, die staatlichen Schulen zur Untertreibung. Wem also von seinem Lehrer ein Abi-Schnitt von 1,8 vorausgesagt wird, der dürfte um Oxford einen Bogen machen. Fällt sein Abitur aber besser aus als erwartet - zum Beispiel Notendurchschnitt 1,2 - dann hat dieser Schüler Pech gehabt. Denn bis die Abiturnoten vorliegen, sind die Anmeldefristen der Unis abgelaufen.

Gekauftes Abitur

Seit zehn Jahren bemühen sich Stiftungen wie der Sutton Trust oder die Goldman Sachs Foundation um die Förderung von Kindern aus Arbeiterfamilien. Diese Anstrengungen sollen im Licht der aktuellen Zahlen verstärkt werden. In den nächsten fünf Jahren will allein der Sutton Trust zehn Millionen Pfund (etwa 14 Millionen Euro) in Fördermaßnahmen wie Sommerschulen investieren. In diesen Workshops, die unter anderem an den Top-Universitäten veranstaltet werden, sollen Schüler aus Nicht-Akademikerfamilien an das Studium herangeführt werden. Sie lernen die Unis und ihre Einrichtungen kennen, beraten sich mit Studenten und werden über die Bewerbungsverfahren und Aufnahmeprüfungen informiert.

Die Universität von Manchester zum Beispiel hat gemeinsam mit dem Sutton Trust und der Goldman Sachs Foundation ein "Academic Enrichment Programme" eingerichtet. Im Rahmen dieses Programms werden Abiturienten über Studienfächer informiert, erhalten Coaching von Studenten und besuchen Führungstrainings und Workshops zur Persönlichkeitsentwicklung. Außerdem ist im Gespräch, elitäre Privatschulen verstärkt durch Stipendien für Arbeiterkinder zu öffnen.

Ob diese Maßnahmen wirklich einschneidende Änderungen bewirken, bleibt abzuwarten. So lange es Schulen gibt, in denen sich wohlhabende Eltern das Abitur ihres Nachwuchses praktisch "kaufen" können, ist das eher unwahrscheinlich.


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