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Brustkrebs: Zerreißprobe für die Beziehung

Diagnose Krebs: Mit 21 werden Sarah Dutiné die Brüste amputiert. Die Beziehung mit ihrem Freund ist einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Aber sie hält. Was eine Therapeutin Betroffenen rät.

Von Kerstin Herrnkind

Brustkrebs, das Wort kannte Sarah Dutiné schon als Kind. Ihre Großmutter, die sie nie kennengelernt hat, wurde nur 33 Jahre alt. Als Sarah 19 Jahre alt war, starb ihre Mutter – mit 44 Jahren. Nach ihrem Tod ließ sich Sarah Dutiné testen und erfuhr: Auch sie trägt das mutierte BRCA1-Gen in sich.

Kurze Zeit später die nächste Hiobsbotschaft. In ihrer Brust wüteten bereits erkrankte Zellen. Vor einem Jahr, mit 21 Jahren, ließ sich Sarah Dutiné beide Brüste abnehmen. Sieben Mal wurde die Friseuse operiert. Der Brustaufbau misslang. Die Wunden heilten nicht. Sarah Dutiné verlor ihr Selbstbewusstsein. "Wenn ich in den Spiegel gucke, könnte ich heulen", sagt sie heute.

Ihren Lebensgefährten Tobias Kühnel stört die flache Brust weniger. "Ich fand es schlimmer, als Sarah durch die Chemotherapie ihre Haare verloren hat", sagt er. Seit neun Jahren sind die beiden ein Paar. Sarah Dutiné war 13, Tobias Kühnel 14, als es beim Fasching in einer Jugenddisco funkte. Die erste große Liebe hat all die Jahre gehalten. Und viel überstanden. Tobias hielt Sarahs Hand, als sie am Sterbebett ihrer Mutter saß. Als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, war das Paar gerade in die erste gemeinsame Wohnung gezogen. "Den Tag der Diagnose werde ich nie vergessen", sagt Tobias Kühnel. "Ich dachte nur, hoffentlich stirbt Sarah nicht wie ihre Mutter."

"Paare müssen miteinander reden, reden, reden"

Der Krebs hat das Leben des Paares "komplett auf den Kopf gestellt". "Die Sexualität geht gegen Null", erzählt Kühnel. "Das ist verdammt hart. Aber wenn ich sehe, wie schlecht es meiner Freundin geht, verliere ich auch die Lust." Die Krankheit, sagen beide, sei eine "enorme Belastung". "Ich weiß nicht, ob unsere Beziehung das überstanden hätte, wenn wir vorher nicht so lange zusammen gewesen wären", sagt Tobias Kühnel.

"Je älter die Partnerschaft ist, desto größer sind die Chancen, dass sie die Belastung einer Krebserkrankung übersteht", bestätigt Elke Reinert. Die Psychologin berät Krebskranke am Tumorzentrum des Universitätsklinikums Freiburg. "Viele Männer, die schon lange mit ihren Frauen zusammen sind, sagen: 'Hör' mal, ich habe dich doch nicht wegen deiner Brüste geheiratet'". Hat die Partnerschaft dagegen "kein Fundament", sei die Trennung wahrscheinlich. "Ich habe selten eine frische Beziehung erlebt, die die Belastungen einer Krebserkrankung überstanden hat", sagt Reinert.

Paare, die ihre Liebe retten wollen, rät Reinert, die Belastungen, die die Krankheit mit sich bringt, "auf viele Schultern zu verteilen". "Der Partner kann nicht Liebhaber, Pfleger und Freund gleichzeitig sein", sagt Reinert. "Wenn ein Mann seine Frau pflegen muss, ist das in der Regel auch nicht gut für die Erotik." Außerdem müssten Paare miteinander "reden, reden und nochmals reden", um Missverständnissen vorzubeugen. "Frauen glauben oft, dass ihre Männer nicht mehr mit ihnen schlafen wollen, weil sie sie hässlich finden. Fragt man die Männer, sagen die oft: Ich würde schon gerne mit meiner Frau schlafen, aber sie zieht sich zurück."

Sarah Dutiné hat schon manchmal Angst, dass ihr Freund sie verlässt. "Er ist als Bademeister täglich von jungen, schönen Mädchen in Bikinis umgeben." Tobias Kühnel winkt ab. "Es gab schon Spannungen zwischen uns. Aber Trennungsgedanken hatte ich nie."

Die Brustamputation hat Sarah Dutiné womöglich das Leben gerettet. Das Paar schmiedet Zukunftspläne, will sich ein Haus kaufen. Ein Traum allerdings wird für die beiden wohl nicht mehr in Erfüllung gehen. Tobias Kühnel: "Früher wollten wir Kinder. Das haben wir uns abgeschminkt."

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