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Buchvorstellung von Wibke Bruhns: Die Nachrichtenfrau

Mit Pragmatismus und einer guten Portion Selbstironie nimmt Wibke Bruhns das Publikum im Hamburger Haus im Park der Körber-Stiftung im Sturm. Vor fast 300 Menschen präsentiert sie ihr neues Buch.

Von Mirko Zapp

Auch wenn sie diesen Titel nicht mehr hören kann, er war es, der sie letztlich bzw. bereits mit 33 Jahren berühmt machte. 1971 moderierte sie im ZDF die Nachrichtensendung "heute" und war die erste Frau im Westdeutschen Fernsehen, die Nachrichten sprach. "Dieses Etikett sitzt im kollektiven Gedächtnis Deutschlands – auch noch nach 40 Jahren." Im Wahlkampf 1972 trat sie für die SPD auf. „Die Leute kamen, um zu sehen, ob ich Füße habe.“ Das Fernsehen hat ihr trotzdem gefallen: "Ich mochte den Transport meiner Physis über den Bildschirm", kokettiert sie unverhohlen mit ihrem Aussehen.

Doch eigentlich ist sie Journalistin, getrieben von ihrer Neugier. Und so sieht sie diesen Nachrichten-Job auch heute als einen ihrer vielen Brotjobs, sicherlich nicht der spannendste, eher wohl der langweiligste. Frank Plasberg nannte sie "die Helmut Schmidt des deutschen Journalismus", dieses Etikett gefällt ihr deutlich besser, bekennt sie lachend. "Das muss einem erst mal einfallen!" Claus Kleber behauptet, sie habe das deutsche Fernsehen besser gemacht. Naja, wiegelt Wibke Bruhns ab. "Fernsehen machen macht Spaß, Fernsehen schauen weniger." Sie sieht kaum fern, schwört auf ihre Tageszeitung und den Hörfunk – der ist so schön schnell und außerdem braucht man zum Zuhören nicht sitzen.

"Ich sehe kaum fern, ich kann nicht so viel bügeln"

Das passt zu Wibke Bruhns, ihr Leben gleicht der berühmten Achterbahn. Allerdings hat sie das Steuer nie aus der Hand gegeben. Als Kind musste sie mit ihrer Mutter nach Schweden, als jüngste von fünf Töchtern blieb wenig Zeit für sie. Die Mutter hatte anderes um die Ohren, als alleinerziehende Mutter im Diplomatischen Dienst der noch jungen Bundesrepublik. Ihr Mann Hans Georg Klamroth wurde am 15. August 1944 als "Mitwisser" des Hitler-Attentates zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Das Leben im Internat in Schweden war im wahrsten Sinne eine harte Schule. Den schwedischen Kindern war der Umgang mit den deutschen Klassenkameraden oft verboten. Für Wibke Bruhns gab es nur zwei Wege: "So was treibt einen unter die Decke oder raus." Natürlich entschied sie sich für "raus". Und das blieb ihr Leben lang so, auch wenn sie sich nicht besonders von ihrer Kindheit geprägt fühlt. "Tausend andere haben gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht, nicht alle sind so wie ich." Trotzdem, sie hat immer gekündigt, nie ist sie "gegangen worden" oder hat Dinge ausgesessen.

"Die Mauer fällt und ich bin nicht dabei?"

Ihr Volontariat bei Springer schmeißt sie am Tag des Mauerbaus. Das Blatt hatte das Schweigen in der NS-Zeit mit dem Schweigen beim Mauerbau verglichen. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie nach Jerusalem, mit ihren zwei kleinen Töchtern. Sie konnte Henry Nannen überzeugen, dass der "stern" dringend eine Nahost-Korrespondentin braucht. Und nicht nur das – in den gleichen Vertrag lässt sie bereits ihre nächste Station, die Büroleitung des "stern" in Washington, aufnehmen. Später landet sie im Elsass und baut sich vom Preisgeld des Egon-Erwin-Kisch-Preises 1989 das lang ersehnte Hoftor für ihr Haus gegen unerwünschte Besucher aus der Nachbarschaft. Dafür hatte das Geld nicht mehr gereicht, denn Schulden sind ihr zuwider. Als die Mauer fällt, ist es vorbei mit der Ruhe des Elsass. "Die Mauer fällt und ich bin nicht dabei?" Also packt Wibke Bruhns erneut die Koffer und zieht nach Berlin.

Viel Stärke flammt in dem Gespräch auf, Direktheit und Authentizität. Der Moderator Andreas Bormann kitzelt mit seinen Fragen die Lebenslust aus Wibke Bruhns förmlich heraus. Sie jammert nicht und bereut nicht – nur den Abbruch des Klavierunterrichts in ihrer Kindheit. In der Analyse meint sie zwar gelernt zu haben, auch sprunghaft und inkohärent sein zu dürfen, unverständlich und selbstbezogen, denn schließlich wurde die Analytikerin ja von ihr bezahlt - zu spüren ist davon aber nichts.

Angst kennt sie wenig

Vor dem Schreiben ihres Buchs "Meines Vaters Land", das ihr eine innere Notwendigkeit war, hatte sie Angst: "Ich bekomme einen Schlaganfall." Doch der blieb aus, zum Glück. Vielen anderen in ihrem Umfeld ging es da anders. "Ich habe unglaublich viel geraucht in meinem Leben und nicht zu knapp getrunken. Ich bin zwar unheilbar gesund, aber das wird nicht ewig halten." Mit 74 fühlt sie sich nicht nur alt, nein, sie besteht darauf, alt zu sein. "Ich will mir nicht meine 4. Jahreszeit nehmen lassen."

Bis zum Schluss nimmt sie mit, was gerade kommt – ein gutes Rezept für ein erfülltes Leben, wie es scheint. Und so streitet sie auch die Angst vor dem Tod ab. "Bewusst" möchte sie sterben. Sie hat sich vorbereitet. Und, sie weiß auch bereits, was auf ihrem Grabstein stehen wird, sagt sie lachend: "Sie war die erste Nachrichtensprecherin Deutschlands."