Buchvorstellung vor dem Kirchentag Popstar Käßmann ist zurück


Monatelang hatte sie nach ihrer Alkoholfahrt die Öffentlichkeit gemieden. Nun ist Margot Käßmann zurück und stellte ihr neues Buch vor - ihren Job hat sie verloren, nicht jedoch ihr Charisma.
Von Malte Arnsperger

Die Luft ist stickig, die Menschen stehen dicht an dicht vor Regalen mit Kinderbüchern und Reiseführern. Die Rolltreppe schaufelt stetig weitere Neugierige hinauf. Irgendwann drängeln sich rund 300 Leute im 3. Stock der Buchhandlung Hugendubel in München. Sie recken die Hälse, stellen sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf das kleine Podium dort hinten irgendwo zu erhaschen. Aber noch ist sie nicht da. Dann endlich taucht ihr schwarzer Schopf auf, sie steigt auf das Podest und lächelt. Ein Blitzlichtgewitter begrüßt Margot Käßmann, Applaus brandet auf. Eine einfache Pastorin als Popstar, wie die Abendzeitung meint.

Seit dem 24. Februar hat sich Margot Käßmann aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Damals hatte sie ihren Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erklärt. Wenige Tage vorher war sie von der Polizei erwischt worden, nachdem sie mit 1,54 Promille Alkohol im Blut eine rote Ampel überfahren hatte. Der Druck - vor allem der Medien - war zu groß geworden auf die Bischöfin, die sich stets mit klaren und deutlichen Worten in die tagespolitische Diskussion eingemischt hatte. "Mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben", hatte Käßmann in ihrer Rücktrittserklärung gesagt und sich vorerst aus der Öffentlichkeit mit dem Satz verabschiedet: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand."

Ein gelungener PR-Coup

Knapp drei Monate später wird in München klar: Margot Käßmann hat durch diesen Schritt nicht an Popularität verloren, sondern wahrscheinlich sogar hinzugewonnen. Schon über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung ihres neuen Buches "Das große Du - Das Vaterunser" hatte sich in der Buchhandlung eine lange Schlange vor dem Pult gebildet. Während draußen die Vorbereitungen für den beginnenden ökumenischen Kirchentag laufen, wollen die Menschen hier die "Bischöfin der Herzen" sehen, wie die "Süddeutsche Zeitung" sie bezeichnet.

Schwarzer Rock, schwarzes Kostüm mit weißen Rändern, eine schwarze schwere Kette, dicke Schminke. Schon ihr Äußeres zeigt, dass Margot Käßmann keine normale Pastorin ist. Sie ist ein Medienstar und weiß mit der Presse umzugehen. Professionell lächelt sie abwechselnd in die vielen Dutzend Kameras, hebt ihr Buch hoch, dreht sich nach rechts und links und lächelt wieder. Neben Käßmann steht der Geschäftsführer ihres Verlages, des Lutherischen Verlagshauses. Hans-Christof Vetter nickt zufrieden. Ihm und seiner Star-Autorin ist ein PR-Coup gelungen. Noch vor der eigentlichen Eröffnung des Kirchentages tritt Käßmann hier als Hauptdarstellerin auf und zieht die Aufmerksamkeit alleine auf sich. Der Verlagsmanager meint, er habe sie zu dieser Buchvorstellung drängen müssen. "Als wir erfahren haben, dass Margot Käßmann beim Kirchentag auftreten wird, waren wir so frech und ich will sagen genial und haben es gemacht."

"Wir wissen, wie leicht verführbar wir sind"

Margot Käßmann, das Blitzlichtgewitter ist etwas abgeebbt, sagt nichts dazu. Sie will über den Inhalt ihres Buches sprechen, den zweiten Band der Reihe "Einfach evangelisch". Auf 84 Seiten deutet Käßmann das Vaterunser, voraus geht der Originaltext Luthers. "In dieses Gebet können sich die Menschen fallen lassen", meint Käßmann. "Auch beim Ökumenischen Kirchentag ist das Vaterunser sehr bedeutend. Denn es zeigt, dass uns mehr eint als uns trennt." Wieder klatschen ihre Zuhörer, Käßmann lächelt, die Kameras klicken. Und dann macht die Kirchenfrau deutlich, warum sie von vielen Menschen in Deutschland so geschätzt wird. Sie wählt deutliche Worte und verbindet Theologie mit dem Alltag: "Millionen Menschen müssen Hunger leiden. Der Satz aus dem Vaterunser ‚Gib uns unser täglich Brot‘ ist für viele Menschen deshalb keine leere Forderung, sondern ist für sie elementar."

Das Buch hatte sie schon vor ihrem Rücktritt geschrieben. Und trotzdem passen einige Passagen auch zu ihrem eigenen Schicksal. So schreibt Käßmann: "Es gibt kein schuldfreies Leben ohne jeden Bruch, wir können unser Leben nicht selbst recht fertigen, indem wir meinen, es sei makellos. Und wir wissen, wie leicht verführbar wir sind."

Doch an diesem Tag in München äußert sich Käßmann mit keiner Silbe zu den Geschehnissen im Februar. Sie sucht lieber den direkten Kontakt mit den Menschen. Bevor sie anfängt die Bücher der Wartenden zu signieren ruft sie: "Ich verspreche euch, morgen bei meiner Bibelarbeit wird auch anständig gesungen." Sie zögert einige Momente, dann kündigt sie an: "Einige wollen schon hier singen. Lasst uns eine Strophe aus der ‚Sonne der Gerechtigkeit‘ singen". Kaum hat sie das gesagt, stimmen dutzende Leute den Gesang an, für einige Momente wird aus der Buchhandlung ein Gotteshaus. Margot Käßmann setzt sich an das Podium, nimmt eines ihrer Bücher zu Hand, signiert es, lächelt und summt leise mit. Eine Pastorin als Popstar.


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