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Benachteiligt in der Truppe?: Das Tabu Homosexualität in der Bundeswehr

Die Bundeswehr gilt als traditionell und männerdominiert. Auch wenn sie sich mehr und mehr wandelt: Homosexuelle Soldaten leiden in der Truppe immer noch unter Diskriminierung und tief sitzenden Vorurteilen.

Der Offizier und Vorsitzende des Arbeitskreises Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr, Hauptmann Marcus Otto.

Der Offizier und Vorsitzende des Arbeitskreises Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr, Hauptmann Marcus Otto. Seit 15 Jahren gibt es den Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr, der Verein zählt aber nur 130 Mitglieder.

Marcus Otto lebt jahrelang in Angst. Otto ist Soldat bei der Bundeswehr. Und er steht auf Männer. Doch das verheimlicht er vor seinen Kameraden, ganze sechs Jahre lang. Immer wieder begegnet er Vorurteilen, immer wieder hört er schwulenfeindliche Sprüche und dumme Bemerkungen - und macht dabei gute Miene zum bösen Spiel. "Du weißt ja nicht, ob das ernst gemeint ist oder nur Machogehabe", erzählt der heute 33-Jährige. Er fürchtet die Folgen eines Coming-Outs. "Das war eine unheimliche Belastung."

Was Toleranz und Vielfalt angeht, hat zwar auch die männerdominierte Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten einen weiten Weg zurückgelegt. Aber immer noch sitzen Vorurteile in den Streitkräften tief. "Das Thema ist nach wie vor ein Tabuthema", kritisiert Otto. Die Führung schweige das Thema meist tot. Dabei betreffe es Tausende Soldaten. "Wir sind mehr, als die Kommandeure wahrhaben wollen."

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat sich das Thema Vielfalt nun auf die Fahnen geschrieben. Soldaten dürften nicht dem Spott ausgesetzt werden, "egal woher sie kommen, egal wen sie lieben, egal an was oder wen sie glauben", sagte sie vor wenigen Tagen im Bundestag.

"Ein schwuler Offizier gilt als Sicherheitsrisiko"

Genaue Zahlen zur sexuellen Vielfalt in der Bundeswehr liegen zwar nicht vor. Nehme man aber die Durchschnittswerte für die Gesamtbevölkerung zum Maßstab, gehörten rund 17.000 der mehr als 260.000 zivilen und militärischen Beschäftigten der Bundeswehr einer sexuellen Minderheit an, schreibt das Ministerium. "Auf jeden Fall stellen sie eine relevante Gruppe in den Streitkräften dar." Viele von ihnen scheuen einen offenen Umgang mit ihrer Sexualität.

Seit 15 Jahren vertritt der Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr die Interessen von Homo-, Bi- und Transsexuellen in der Truppe - der Verein zählt aber nur 130 Mitglieder. Vereinschef Marcus Otto kämpft schon lange für eine institutionelle Anlaufstelle, ein gesamtheitliches Diversity Management wie in der Wirtschaft. Die Bundeswehr suche ja händeringend Personal. "Wenn wir ein moderner Arbeitgeber sein wollen, gehört das auch dazu." Doch immer noch würden schwule Soldaten benachteiligt und diskriminiert.

Wenn Otto erst einmal anfängt, aus dem Alltag homosexueller Soldaten zu berichten, ist er kaum noch zu stoppen: Dann erzählt er davon, wie ein Vorgesetzter einst über einen Hilfsausbilder gelästert habe, dass man einen Schwulen nicht auf Rekruten loslassen könne. Oder wie ein homosexueller Marine-Offizier als Sicherheitsrisiko dargestellt wurde. Ein Rekrut sagte in einer Marinetechnikschule zu seinem schwulen Fachausbilder: "Sowas hätte man in Russland erschossen."

Nach dem Coming-Out plötzlich schlechter beurteilt

Offene Diskriminierung sei zwar die Ausnahme, erzählt Otto. Aber er sagt auch: "Viele Fälle werden gar nicht nach oben getragen." Dazu fehle vielen Soldaten der Mut, außerdem sei Diskriminierung meist nur schwierig nachweisbar. So etwa, wenn die Beurteilung durch Vorgesetzte nach dem Coming-Out plötzlich deutlich schlechter ausfalle. "Das wird intelligent verpackt", sagt Otto. Auch im alljährlichen Bericht des Wehrbeauftragten stünden deshalb nur wenige solcher Fälle. Eine lesbische Soldatin etwa beklagte sich in dem aktuellen Bericht über den damaligen Offizier und heutigen rheinland-pfälzischen AfD-Chef Uwe Junge. Er soll zu ihr unter anderem gesagt haben: "Sie können ja sogar wie eine Frau aussehen."

Verteidigungsministerin von der Leyen hat das Thema mit einem Workshop ins Rampenlicht gerückt und prompt harsche Kritik geerntet: Die Armee habe gewichtigere Probleme als sexuelle Vielfalt, sei überlastet und schlecht ausgerüstet, lautete der Tenor der Kritiker. Marcus Otto aber freut sich: Allein durch die Debatte über die Veranstaltung habe sein Arbeitskreis in den vergangenen Wochen zehn neue Mitglieder gewonnen, erzählt er.

Mittlerweile ist er Hauptmann im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, er muss seine Freizeit nicht mehr auf Stube mit anderen Soldaten verbringen. Otto geht längst offen mit seiner Sexualität um. Er bereut den Schritt nicht. "Und was hinter meinem Rücken gesprochen wird, krieg' ich nicht mit." 

jen/Nico Pointner / DPA