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stern-Reportage

Niedersachsen: Der tödliche Bundeswehr-Marsch in Munster - Rekonstruktion einer Katastrophe

Vor fünf Monaten marschierten Offiziersanwärter der Bundeswehr durch einen Wald in Niedersachsen. Der Marsch endete in einer Katastrophe. Mehrere Soldaten gerieten in Lebensgefahr, einer starb. Wer trägt dafür die Verantwortung?

Bundeswehr: Der tödliche Marsch von Munster - Chronologie einer Katastrophe

Zwei Soldaten der Bundeswehr stehen nahe Bergen (Niedersachsen) bei der Informationslehrübung "Landoperationen 2017" und blicken auf den Übungsplatz (Archivbild)

Ein Soldat ist tot, drei weitere lagen auf Intensivstation, einer von ihnen wird bis heute von Ärzten behandelt, die beiden anderen hatten das , zu genesen. Wieder andere verloren ihr Bewusstsein, trugen Verletzungen davon. Manche haben die Waffen niedergelegt und die Truppe verlassen.

Es klingt nach Krieg, als wäre die Einheit in einen Hinterhalt geraten. Irgendwo in vielleicht.

Aber es war nur ein Sommertag im niedersächsischen Munster. Da war kein Feind, nicht einmal eine einzige durchgeladene Waffe. Es gab nur einen Zug junger Offiziersanwärter, ihre Ausbilder und den Befehl, einen Übungsmarsch zu absolvieren. Normalerweise geht das ohne Verletzungen aus, abgesehen vielleicht von einer Blase an der Ferse. Aber an diesem Tag brachen die Soldaten während des Marsches reihenweise zusammen. Es kreisten Rettungshubschrauber über dem Gelände. Notärzte kamen herbeigerast.

Was ist an diesem 19. Juli 2017 passiert? Und wer trägt Schuld daran? Die Ausbilder? Oder die betroffenen Soldaten selbst? Die hat nach wochenlangen Ermittlungen mitgeteilt, dass "in jedem Einzelfall eine ungünstige Verkettung von Umständen und Faktoren vorgelegen hat". Haben die Umgekippten einfach Pech gehabt? Jeder für sich? Kann das sein?

Dem liegt der vertrauliche vorläufigen Untersuchungsbericht der Bundeswehr vor, dazu Marschskizzen, Klimadaten und mehrere minutengenaue Chronologien, aus denen hervorgeht, wie sich bei einigen Soldaten über Stunden die Situation zuspitzte. Wer die Berichte liest, bekommt das Gefühl, er schaue zu, wie ein voll besetzter Zug auf einen Abgrund zurast. Und man fragt sich, warum niemand die Bremse zieht.

Der Beginn einer fatalen Wanderung

Der Tag beginnt um 7.15 Uhr mit dem Antreten. 42 Offiziersanwärter gehören zum Ausbildungszug. Es sind motivierte Frauen und , nicht genervte Rekruten aus Zeiten der Wehrpflicht. Mindestens die nächsten 13 Jahre ihres Lebens wollen sie Soldaten sein. Noch sind sie aber nicht einmal drei Wochen bei der Bundeswehr.

An diesem Mittwoch findet der erste Marsch außerhalb der planierten Kasernenwege statt. Die Ausbilder haben den Soldaten befohlen, nicht nur Uniform und Gepäck zu tragen, sondern auch Splitterschutzwesten. Die Westen wiegen etwa 2,5 Kilogramm, in ihnen sind Kevlar-Platten eingenäht. Sie sind das Gegenteil von atmungsaktiv. Früher, als es in der Truppe nach Ansicht vieler älterer Männer härter zuging, hat man sie nur selten übergezogen, schon gar nicht beim ersten Übungsmarsch. Doch heute sehen viele Vorgesetzte in den Westen eine Standardausrüstung.

Noch sind es an der frischen Luft kaum 16 Grad. Aber die Temperatur klettert an diesem Hochsommertag viel schneller als an den Tagen zuvor – auf bis zu 28,1 Grad am Nachmittag.

Die Soldaten erhalten kurz nach dem Antreten ihre Sturmgewehre und steigen in den Bus, der sie auf die andere Seite eines Waldgebiets neben der Kaserne bringt. Die Gegend hier ist eher flach, die Marschwege sind teils befestigt, teils sandig. Sie führen durch das Waldgebiet und über Lichtungen, die langsam von der Sonne aufgeheizt werden.

Im Laufschritt durch den Wald

Kurz nachdem die Soldaten aus dem Bus gestiegen sind, kontrollieren die Ausbilder ihre Ausrüstung. Die Liste der mitzuführenden Dinge reicht vom Radiergummi bis zum Esslöffel. Das Ergebnis: 29 Soldaten haben etwas in der Kaserne vergessen.

Der Zugführer befiehlt, dass die 29 Soldaten die drei Kilometer zur Kaserne zurückmarschieren. Solche erzieherischen Maßnahmen sind nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber, sie unmittelbar vor einem Übungsmarsch stattfinden zu lassen – zumal man die Ausrüstung auch schon in der Kaserne hätte prüfen können.

Um 10.45 Uhr starten die 29 Soldaten. Die Gewehre müssen mit, dafür dürfen die Rucksäcke liegen bleiben, eine Erleichterung – nur hat dadurch auch niemand etwas zu trinken dabei. Einer der Ausbilder packt zwar zwei Liter Wasser ein, sagt den Offiziersanwärtern aber nichts davon. Obwohl am Vormittag die Temperaturen steigen und die Soldaten durch die Westen und die darüber getragenen Feldjacken kaum Wärme abgeben können, befehlen die Ausbilder ihnen immer wieder zu laufen, statt zu gehen. In welchem Ton die Befehle erteilt wurden, geht aus dem Bericht nicht hervor. Zeugen wollten sich bislang gegenüber dem stern nicht äußern.

Einer der Offiziersanwärter ist der Schütze K. Er stammt aus dem Ruhrgebiet. K. hat Asthma, das ist der Truppe bekannt. Es war kein Einstellungshindernis. Schon nach wenigen Hundert Metern greift K. zu seinem Asthmaspray, verabreicht sich zwei Hübe. Danach fällt ihm das Spray aus der Hand, er hebt es wieder auf. Der Zugführer soll ihn daraufhin laut Untersuchungsbericht gefragt haben, ob er weitermarschieren könne. K. soll Ja gesagt haben.

Grafik: Einer nach dem anderen kippt um

Der Übungsmarsch sollte am rechten Waldrand beginnen. Doch 29 Offiziersanwärter mussten zuvor vergessene Ausrüstung aus der Kaserne holen (Marsch A). Sie liefen wieder zurück ins Gelände (Marsch B), um dann den eigentlichen Übungsmarsch zu starten (Marsch C). Elf Soldaten fielen aus.

Der Druck auf K. ist groß. An seinem zweiten Tag als Soldat hatte ihm ein Arzt gesagt, er sei übergewichtig, er solle innerhalb von vier Wochen vier Kilo abnehmen, man werde das kontrollieren. K. will unbedingt Offizier werden. Die Bundeswehr schreibt in einer Anlage des Berichts, dass er laut seiner Mutter schon vor der länger zurückliegenden Einstellungsuntersuchung 20 Kilogramm abgenommen habe.

Dank des Asthmasprays schleppt sich K. mit den anderen zurück auf das Kasernengelände, doch 250 Meter vor dem Bataillonsgebäude bricht er zusammen, kippt plötzlich nach rechts weg. Verliert das Bewusstsein. Ein Transporter fährt zufällig vorbei und bringt ihn in den Sanitätsbereich der Kaserne. Ein Notarzt wird gerufen, er begleitet K. ins nahegelegene Heidekreis-Klinikum in Soltau. K. zeigt Symptome eines Hitzschlags, der lebensgefährliche Folgen für den Kreislauf haben kann. Weil er in kritischer Verfassung ist, wird er Stunden später ins Uniklinikum nach Hamburg-Eppendorf verlegt. Er kommt auf eine Spezialstation.

Während K. um sein Leben ringt, müssen die anderen die Strecke zurückmarschieren. Sie holen die vergessene Ausrüstung aus ihren Stuben. Noch in der Kaserne fällt ein weiterer Soldat wegen starker Schmerzen im Unterschenkel aus. Ein dritter weigert sich zunächst, wieder in den Wald zu laufen. Er wird aber vom Zugführer überredet, sich später zu den Kameraden fahren zu lassen.

Ein Strafmarsch und Liegestütze

Auf einer Waldlichtung muss der leistungsstärkere Teil der Gruppe in einer kurzen Marschpause Liegestütze machen. Manche verlieren den Anschluss an die Gruppe, die immer wieder zurück muss, um die Abgehängten einzusammeln. Zudem verläuft sich einer der Ausbilder, was die Strecke noch länger macht. Ein Soldat ist kurzzeitig benommen und nicht mehr ansprechbar. Im Bericht liest man von einem Warnzeichen nach dem anderen – aber der Marsch geht weiter.

Um 12.52 Uhr, etwa eineinhalb Stunden nachdem K. zusammengebrochen ist, ruft der Truppenarzt den Zugführer an. Offenbar ist da bereits klar, dass der Körper von K. völlig überhitzt ist, jedenfalls empfiehlt der Arzt, dass alle Soldaten ihre Westen ablegen sollten. Der eigentliche Übungsmarsch liegt immer noch vor den Offiziersanwärtern. Für die meisten von ihnen wird es die dritte Strecke des Tages.

Bevor es losgeht, schmieren sie sich Tarnfarbe in die verschwitzten Gesichter. Die Westen dürfen sie tatsächlich ablegen, aber dafür befehlen ihnen die Ausbilder, den Gefechtshelm aufzusetzen, der um die 1,8 Kilo wiegt und vor Projektilen schützen soll – nicht aber den Wärmeaustausch fördert. Der Befehl, den Helm zu tragen, widerspricht der Weisungslage.

Jeder Kilometer eine Qual

Wie schnell losmarschiert wurde, steht nicht in den Berichten, doch schon nach 400 Metern bricht der nächste Soldat erschöpft ab. Dann fällt einer nach dem anderen um.

Kilometer 1,1: Ein Soldat stürzt aufs Knie und verletzt sich.

Kilometer 2,0: Einer der Offiziersanwärter ist benommen, will aber nicht aufgeben und schleppt sich weiter. Er darf den Helm abnehmen.

Kilometer 2,1: Dieses Mal verspürt ein Soldat heftige Schmerzen im Fuß. Auch er macht weiter, darf einen Teil seiner Ausrüstung in einem Lkw ablegen.

Kilometer 2,8: Ein Soldat legt sich wegen heftiger Bauchschmerzen auf den Weg. Kilometer 3,0: Ein Offiziersanwärter ist zum wiederholten Mal benommen. Er reagiert zunächst nicht auf Ansprachen. Marschiert aber dennoch weiter.

Kilometer 3,4: Ein Soldat bekommt einen Krampfanfall. Er schimpft noch wirr, bevor er anfängt zu zittern. Dann verliert er das Bewusstsein. Wieder Anruf beim Notarzt. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis der Rettungswagen kommt, gar 73 Minuten, bis der zivile Notarzt vor Ort ist. Man alarmiert einen Hubschrauber, der den Soldaten ins Uniklinikum Hamburg-Eppendorf verlegt.

Der Marsch geht weiter.

Kilometer 4,7: Die Soldaten befinden sich wieder auf dem Kasernengelände. Nur ein paar Hundert Meter vor dem Ziel brechen zwei Männer zusammen. Einer verliert das Bewusstsein, der andere ist verwirrt. Wieder werden Hubschrauber angefordert. Die Rettungskräfte in der Region geraten an ihre Grenzen. Die beiden letzten Soldaten landen im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg, einer von ihnen muss aber aufgrund seiner schlechten Verfassung ebenfalls auf eine Spezialstation ins Uniklinikum transportiert werden.

Mehr als 40 Grad Körpertemperatur

Neben zahlreichen verletzten und ausgelaugten Soldaten sind es am frühen Abend vier, die auf Intensivstationen liegen. Sie gehören zu jenen 29, die am Vormittag den Strafmarsch absolvieren mussten. Alle leiden an Hitzschlägen, ihre Körpertemperatur hat zwischenzeitlich bei mehr als 40 Grad gelegen. Wenn sich der Organismus zu stark erhitzt, kann er irgendwann nicht mehr schwitzen, weil ihm das Wasser dafür fehlt. Die Gefäße weiten sich, das Blut sackt in die Beine, der Blutdruck sinkt, dem Überhitzten schwinden die Sinne. Steigt die Temperatur weiter, wird es irgendwann lebensgefährlich. Das Hirn kann anschwellen, das Blut in den Arterien gerinnen, Muskelfasern können sich auflösen, Organe ausfallen. Die Ärzte haben zu kämpfen.

Wie die Ausbilder und Vorgesetzten reagieren, ist in den Untersuchungsberichten nicht beschrieben. Irgendjemand entscheidet, eine Psychologin hinzuzurufen. Den abtransportierten Soldaten schickt man einen Seelsorger in die Kliniken hinterher. Die Eltern sind informiert. Drei weitere Soldaten lassen sich vom Truppenarzt untersuchen.

Der Kompaniechef, der am Tag des Marsches Urlaub gehabt hat, vernimmt in den folgenden Tagen die Soldaten und die Ausbilder. Zwei Tage nach dem Marsch gibt er die Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft in Lüneburg ab.

Es dauert nur ein paar Tage, dann quittieren gleich drei Offiziersanwärter ihren Dienst.

Todesursache: multiples Organversagen

Den anderen erzählt man nach knapp zwei Wochen, dass ihr Kamerad K. inzwischen gestorben sei. Todesursache: multiples Organversagen nach vorhergehender Sepsis. Womöglich hatte der geschwächte Körper einer Infektion durch Erreger nichts mehr entgegenzusetzen.

K.s Eltern besuchen laut Untersuchungsbericht noch einmal den Standort. Zur Trauerfeier in K.s nordrhein-westfälischer Heimat reist fast der gesamte Zug an. Die Soldaten tragen den 21-Jährigen zu Grabe. Trompeter und Trommler sind gekommen. Die Bundeswehr zahlt die Bestattung. In der Traueranzeige heißt es: "Kamerad, wir werden Dich nie vergessen!"

Zwei der vier Soldaten genesen. Doch ein weiterer kämpft bis heute. Noch Ende Oktober, drei Monate nach dem Marsch, hat er auf Intensivstation gelegen. Zu seiner aktuellen Situation sagt die Bundeswehr nichts. Nur, dass er immer noch medizinisch betreut wird.

Wer hat nun Schuld?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob Anklage wegen fahrlässiger Tötung oder fahrlässiger Körperverletzung zu erheben ist. Es stellen sich komplizierte Fragen: Hätten sich die Offiziersanwärter einfach weigern können zu marschieren? Für Soldaten gilt Gehorsamspflicht. "Nur dann, wenn Befehle die Menschenwürde verletzen, nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt sind oder die Begehung einer Straftat beinhalten, können Soldaten einen solchen Befehl folgenlos verweigern", sagt der Berliner Rechtsanwalt Klaus Lübke, der Soldaten in rechtlichen Fragen vertritt. Es gibt jedoch eine weitere Ausnahme: Wer körperlich nicht mehr kann, darf jederzeit aufgeben, das verletzt keine Gehorsamspflicht.

War das den Soldaten bewusst? Haben die Ausbilder sie darüber aufgeklärt? Oder drohten sie ihnen gar mit disziplinarischen Folgen? Damit, dass sie als körperlich ungeeignete Offiziersanwärter aus der Truppe entlassen werden? In dem Bericht heißt es dazu: "Ob den Offiziersanwärtern bekannt war, dass ein Abbrechen des Eingewöhnungsmarsches keinerlei Konsequenzen hat, wird von den Offiziersanwärtern divergierend beschrieben."

Und selbst wenn sie es gewusst hätten: "Kann man von ihnen in dieser Situation erwarten aufzugeben?", fragt Anwalt Lübke, der selbst zwölf Jahre in der Bundeswehr diente. "Am Anfang versuchen junge Soldaten alles, um in der Truppe zu bestehen, vor allem jene, die Offizier werden wollen. Es herrscht Leistungsdruck. Dass sie nicht schlapp machen wollten, kann man ihnen nicht vorwerfen."

"Zwei Brötchen und zwei Äpfel pro Tag"

Bei K. muss der Wille besonders stark gewesen sein. Am ersten Wochenende nach Ausbildungsbeginn sah er seine Mutter, die laut Untersuchungsbericht davon überrascht gewesen sei, wie drastisch er in wenigen Tagen an Gewicht verloren habe. Die Warnung, er müsse abnehmen, habe "an seinem Ego gekratzt", soll die Mutter laut Bericht bei ihrem Besuch in der Kaserne gesagt haben. Er habe nur "zwei Brötchen und zwei Äpfel pro Tag" gegessen.

Die anderen drei schwer betroffenen Soldaten wiesen ein normales Körpergewicht auf, ihr Body Mass Index lag zwischen 23,8 und 24,3. In einem Sporttest hatten zwei von ihnen ein gutes Ergebnis erzielt, K. immerhin ein befriedigendes. Der vierte hatte den Test noch nicht absolviert.

Entscheidend für die strafrechtliche Aufarbeitung wird sein, ob es noch andere mögliche Gründe für das Zusammenbrechen der Soldaten gibt. Ein Vorgesetzter öffnete am Tag nach dem Marsch die Spinde der vier Soldaten, die auf Intensivstationen behandelt wurden. Man fand Medikamente, darunter Standardpräparate wie ASS, Ibuprofen, Paracetamol und Voltaren. Zudem stieß man auf Kreatinpulver, ein Eiweißpräparat, das Sportler für den Muskelaufbau verwenden. Keines dieser Präparate kann das Kollabieren erklären. Man fand aber auch Cetirizin und Loratadin, bekannte Mittel gegen allergische Reaktionen, beispielsweise bei Heuschnupfen. Sie können laut Untersuchungsbericht offenbar einen Hitzschlag begünstigen, ihn aber nicht verursachen. In den Gemeinschaftskühlschränken standen Energydrinks. Sie enthalten Koffein und fördern die Wasser- und Elektrolytausscheidung – womöglich ebenfalls ein begünstigender Faktor. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" titelte Wochen nach dem Marsch mit Verweis auf Quellen in der Bundeswehr: "Kollabierte Soldaten nahmen Aufputschmittel". In anderen Zeitungen hieß es: "Waren Drogen im Spiel?" Oder: "Starb Soldat an Diätpillen?"

Kein Hinweis auf Substanzmissbrauch - also?

Im Dezember erreichte die Staatsanwaltschaft das Ergebnis der chemischtoxikologischen Tests. Das Ergebnis: Bei keinem der vier schwer betroffenen Soldaten gebe es irgendeinen Hinweis auf Substanzmissbrauch. Der Test auf den als Diätmittel verwendeten Stoff 2,4-Dinitrophenol verlief ebenfalls "eindeutig negativ". Und in K.s Blut, das auch auf andere mögliche Todesursachen hin untersucht wurde, fand sich nichts, womit sich das Drama von Munster erklären ließe.

Die Bundeswehr kommt in ihrer eigenen Untersuchung nicht umhin, Fehlverhalten zu thematisieren: Der zusätzliche Marsch war eine "nicht sachgerechte Führungsentscheidung", wird dort eingeräumt. Aus medizinischer Sicht sei zwar "keine Kausalkette erkennbar", aber weiter heißt es: "Alle drei gewählten Marschstrecken für sich genommen ... sind nicht zu beanstanden, stellen jedoch in der Summe und unter den angegebenen Witterungsverhältnissen und der Bekleidung eine Herausforderung bis zur nicht erwartbaren Überforderung dar." 

Nicht erwartbar?

Nicht einmal ein Jahr zuvor waren im bayerischen Hammelburg vier Soldaten wegen Hitzschlägen in Lebensgefahr geraten. Drei mussten per Rettungshubschrauber abtransportiert werden, ein Soldat wurde ins künstliche Koma versetzt.

Der Befehl, die Westen zu tragen, dürfte eine wesentliche Rolle bei der Überhitzung gespielt haben. Im Bericht heißt es: Die Bekleidung sei an "Leistungsstand und Witterung nicht angepasst, jedoch durch die übergeordnete Befehlsgebung vorgegeben. Daher konnte der Zugführer der Auffassung sein, dass eine Änderung des Anzuges ein Verstoß gegen diesen Befehl sei." Wer trägt jetzt Verantwortung? Der Zugführer? Jemand über ihm? Oder niemand?

Die Ausbilder vor Ort waren erfahrene Soldaten. Einige waren im Auslandseinsatz. Doch mit der Grundausbildung von Offiziersanwärtern hatten nur wenige Erfahrung. Aus dem Bericht geht nicht hervor, ob sie sich an diesem Tag im Eifer des Drills verloren. Warum brachen sie nicht ab, als K. kollabierte? Die Bundeswehr äußert sich dazu nicht. Warum stoppten sie den Marsch nicht nach dem zweiten, dritten, vierten, der nicht mehr konnte? Kein Kommentar. Ein Abbruch hätte jenen Soldaten vor Schlimmerem bewahren können, der heute noch behandelt wird – er brach als Letzter zusammen.

Bundeswehr bleibt Antworten schuldig - eine Katastrophe ohne Folgen?

Die Bundeswehr verweigert Antworten auf einen Großteil der detaillierten Fragen des stern. Ein Sprecher schreibt allgemein: "Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bezüglich des Todes des Soldaten und der körperlichen Beeinträchtigungen von drei weiteren Soldaten werden proaktiv weiter unterstützt."

Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels, ehemals SPD-Bundestagsabgeordneter, der als Vertrauensperson aller Bundeswehrsoldaten fungiert, sagt: "Ich will wissen: Ist da übermäßiger Druck ausgeübt worden? Das ist für mich längst nicht aufgeklärt. Mich haben Schilderungen erreicht, die an Schikane erinnern."

Die Staatsanwaltschaft, auf die es nun ankommt, behält Details für sich. Nur so viel: Die Ermittlungen richteten sich nach wie vor gegen unbekannt. Noch gebe es gegen niemanden einen Anfangsverdacht. Ob also jemals Anklage erhoben wird, scheint fraglich. Fehlt es an Zeugenaussagen? Kein Kommentar. Wenn man vor der Kaserne Soldaten anspricht, die womöglich dabei waren, dann verstummen sie, sobald man eine Frage zum Marsch stellt. Die Familie von K. ließ den stern wissen, dass sie derzeit nicht über den Vorfall reden wolle. Und die Bundeswehr ist nicht bereit, den Kontakt zu anderen Betroffenen und Zeugen herzustellen.

Es hat sich ein seltsamer Nebel über diesen sonnigen Tag in Niedersachsen gelegt.

Waren Sie Zeuge der Ereignisse in Munster? Dann wenden Sie sich bitte an unseren Autor - unter der E-Mail-Adresse stawski.dominik@stern.de