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Bundeswehr: Detektive im weißen Kittel

An der Sanitätsakademie der Bundeswehr wird seit kurzem ein in Deutschland einmaliger Workshop angeboten. Militärische und zivile Zahnärzte werden für die Identifizierung von Leichen geschult.

Eine Explosion zerreißt ein amerikanisches Gebäude, einstürzende Trümmer begraben zahlreiche Menschen unter sich. Verstümmelte, unkenntliche Leichen werden später geborgen, von manchen Toten sind nur noch ein paar Zähne oder Kieferteile übrig. Wer sind die Opfer? Diese schwierige Frage müssen 54 militärische und zivile Zahnärzte beantworten, die in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München an einer Übung zur Identifizierung von Leichen teilnehmen.

Schnell und sicher Leichen identifiziern

Die spezielle Ausbildung für Bundeswehr-Zahnärzte ist einmalig in Deutschland, in ganz Europa gibt es ähnliches nur noch in Schweden, sagt Oberstarzt Klaus-Peter Benedix, der das Seminar ins Leben gerufen hat. Schnell und zuverlässig die Identität von Leichen bestimmen zu können, ist nach Katastrophen wie Flugzeugabstürzen und Zugunfällen oder nach Terroranschlägen besonders wichtig. Die Forensik-Spezialisten der Bundeswehr helfen laut Benedix auch bei Einsätzen im Ausland: Vor zwei Monaten etwa identifizierten deutsche Zahnärzte in Afghanistan die Leichen eines Schweizers und eines Norwegers.

Rund 100 Mediziner, das ist jeder vierte Bundeswehr-Zahnarzt, haben das mehrtägige Seminar zur Leichenidentifikation bereits absolviert. Nach einer theoretischen Einführung bearbeiten die Ärzte einen praktischen Fall wie die fiktive Explosion in dem US-Gebäude. Auf Tischen sind echte Leichenteile ausgelegt: die bräunlichen Kieferstücke sehen aus wie faseriges Holz, viele Zähne haben Füllungen oder Brücken, andere Zähne fehlen ganz.

"Das ist wie Detektivarbeit"

Die Präparate stammen ebenso wie die dazu gehörigen Röntgenbilder und Patientenakten aus einer Sammlung, die Seminarleiter Oberst Jon Curtis Dailey aus den USA mitgebracht hat. Die mit Nummern versehenen Zähne müssen Namen von Personen, die in dem Gebäude gearbeitet haben sollen, zugeordnet werden. Dazu werden die Präparate mit den vorhandenen Unterlagen verglichen. "Das ist wie Detektivarbeit", sagt Dailey.

Die Mediziner begutachten die Zähne von allen Seiten, teils mit der Lupe, sie vergleichen Röntgenaufnahmen und machen Notizen auf Behandlungsblättern. "Größere Kieferstücke lassen sich leichter einer Person zuordnen als einzelne Zähne", sagt Marco Bunse, der im Bundeswehrkrankenhaus Hamm in der Oralchirurgie arbeitet. Eine Füllung lasse sich oft gut in der Patientenakte wiedererkennen, bei einem kariesfreien Zahn dagegen soll die Wurzelform bei der Analyse helfen.

Realistische Übungsszenarien

Oberst Dailey unterbricht die Zahnärzte mit einem Hinweis: Ein Opfer sei im Krankenhaus gestorben. Die Seminarteilnehmer streichen einen von 24 Namen von der Liste. Die Zahl der vermeintlich zu identifizierenden Toten ändert sich im Laufe des Tages ständig - wie bei einem wirklichen Fall, bei dem zunächst unklar ist, wer am Unglücksort war und wer gerettet werden konnte.

Um das Beispiel möglichst echt zu gestalten, hat Colonel Dailey auch einige Fallstricke eingebaut: Zwei Präparate gehören - anders als angegeben - nicht zur gleichen Person, hat Zahnärztin Judith Stuhlmann entdeckt. Und ein anderes Opfer ist noch am Leben, obwohl sein Name auf der Liste der Toten steht, verrät der Seminarleiter hinter vorgehaltener Hand. Aber bei einem echten Einsatz müssten das die Mediziner schließlich auch selbst herausfinden.

"Den Hinterbliebenen Gewissheit geben"

"Es ist gut, wenn die Zahnärzte jetzt Fehler machen - und nicht im richtigen Leben", sagt Dailey. Denn da komme es drauf an, "den Familien zu helfen, die ihre Angehörigen verloren haben". Das Schlimmste ist eine falsche Zuordnung, sagt der Colonel, der nach den Anschlägen vom 11. September Leichen aus dem World Trade Center identifiziert hat. Gelingt die Identifikation, können die Ärzte "den Hinterbliebenen Gewissheit geben" - und manchmal die Reste des geliebten Menschen für eine Beerdigung.

Der Katastropheneinsatz belastet die Mediziner auch nach Feierabend, wie Sven Benthaus erzählt. Der Zahnarzt aus Oberhausen arbeitet regelmäßig als externer Experte für das Bundeskriminalamt und hat Leichen nach dem Zugunglück in Eschede, nach dem Flugzeugabsturz in Überlingen und Tote aus Massengräbern im Kosovo identifiziert. "Diese Eindrücke trägt man längere Zeit mit sich rum."

Verwesungsgerüche erschweren die Arbeit

Je nach Einsatzgebiet erschweren zudem das Klima oder Verwesungsgerüche die Arbeit, ergänzt Oberstarzt Benedix. Für zusätzlichen Stress sorgten Angehörige oder Politiker. Im Ernstfall bilden die Zahnärzte ein Team mit Rechtsmedizinern, Experten für Fingerabdrücke und Kriminalbeamten, um Leichen eindeutig zu identifizieren.

"Die DNA-Analyse, oft als Wundermittel gepriesen, macht man erst, wenn man mit herkömmlichen Methoden nicht mehr weiter kommt", sagt Benedix. Denn die Untersuchung ist teuer und langwierig. Die Erfolgsquote bei zahnärztlichen Untersuchungen ist dem Zahnmediziner zufolge sehr hoch: "95 Prozent der Leichen können identifiziert werden."

Irene Preisinger / AP / AP / DPA