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Bundeswehr-PR: Blond an die Front

Zur besten Sendezeit zieht Sonja Zietlow das Kampfgeschirr an und präsentiert auf RTL die Schokoladenseite der Bundeswehr. Doch die blonde Vorzeigesoldatin, gefällt nicht jedem in der Truppe.

Von Niels Kruse

Die Bundeswehr muss abspecken. Doch sie tut dies, Diätgeplagte kennen das, an den falschen Stellen. Unten am Wehrkörper, dort wo sich die Heerscharen von Wehrdienstleistenden ansammeln, passiert zu wenig, und vor allem das Falsche. Oben, am Kopf aber, purzeln die Pfunde ungewollt. Anders gesagt: Der Bundeswehr gehen die Führungskräfte aus.

Doch damit nicht genug. Im Jahr 51 nach ihrer Gründung muss sich die Armee neu erfinden - und das gleich mehrfach. Ihrer ursprünglichen Aufgabe, der Landesverteidigung, muss sie fürs erste nicht nachkommen. Stattdessen schickt der Bund die Soldaten ins Ausland, in den Kosovo oder nach Afghanistan. Dafür braucht es weniger halbmotivierte Kriegsdienstleister, sondern Spezialisten, gut ausgebildet und ausgerüstet. Doch woher nehmen?

"Es werden nur noch Russland-Deutsche zum Wehrdienst eingezogen, die kaum schreiben können, geschweige denn eine Verweigerung", sagt einer, der die Truppe von innen kennt. Und ein Offizier, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen möchte, klagt: "Gute Leute kommen immer seltener zu uns." Was, wie er analysiert, nicht zuletzt am miesen Image der Bundeswehr liege.

Gegen ihren schlechten Ruf versucht die Führung nun ins Feld zu ziehen. Praktischerweise feierte die Armee im vergangenen Jahr ihren 50. Geburtstag. Ein willkommener Anlass, Schaffen und Wirken der Truppe einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und ganz nebenbei um den dringend benötigten Offiziers-Nachwuchs zu werben.

Geschenk aus dem Hause RTL

Leicht verspätet liefert nun auch RTL sein Geburtstagsgeschenk ab - in Form einer vierteiligen Dokutainment-Reihe mit dem Namen "Sonja wird eingezogen". Haus-Moderatorin Sonja Zietlow durchläuft im Schnellverfahren die Truppenteile Luftwaffe, Marine und Heer, zudem darf sie sich noch zur Fallschirmspringerin ausbilden lassen.

Natürlich zeigt RTL keine öden Zwölf-Stunden-Wachdienste oder stumpfe "Falten-Sie-Hemden-auf-DIN-4-Format"-Übungen. Nein, Sonja Zietlow erlebt die letzten großen Abenteuer: Einmal Kampfpilotin sein, mit der Gorch Fock an der schönen Algarve entlang schippern. Als Einzelkämpferin im Tarnanzug Guerillataktiken üben oder sich mit einem Fallschirm aus einer Transportmaschine werfen.

Top Gun lässt grüßen

Sonjas Schnupperkurse beim Militär wurden von der Hamburger Produktionsfirma Allcom produziert, die schon öfters Imagefilme für diverse Bundesministerien gedreht hat. Sie reicherte die Bilder von den Übungen der blonden Frontfrau mit kleinen Helden-Porträts von Gebirgsjägern, Minensuchbooten und Flugsanitätern an - das alles im Hochglanzlook, "Top Gun" lässt grüßen.

Natürlich spielen Tote und Verletzte so gut wie keine Rolle. Und Krieg ist schlimm, das wissen die Soldaten natürlich - und werden nicht müde, es vor der Kamera zu wiederholen. Frieden dagegen ist gut. Den zu sichern sei für die Soldaten überhaupt das Wichtigste und darüber hinaus biete die Bundeswehr tolle Jobs und tolle Herausforderungen. Diese Botschaften sollen offenbar zeigen, wie aufgeklärt die Truppe ist - und sie bieten RTL die Chance, das Militariaspektakel schon am Vorabend, wenn die Familie vor der Glotze sitzt, zu senden.

Chirurgische Informationstreffer?

"Die Reaktionen auf das Format sind durchweg positiv", sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Vor rund anderthalb Jahren habe man das Konzept auf Vorschlag von RTL entwickelt. Idee sei gewesen, in zielgruppengerechter Form Informationen über die Bundeswehr zu vermitteln, "damit die Bürger sich selbst ein Bild vom militärischen Dienst machen können", so der Sprecher weiter.

Auch Carsten Klenke, Soldat und Forscher an der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, kann der Sendung durchaus positive Seiten abgewinnen: "Die Bundeswehr taucht nur in den Medien auf, wenn irgendwas schlimmes passiert ist." Es sei doch gut, dass einmal versucht werde, ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtzurücken.

In der Truppe selber beurteilt man den handzahmen Armeekitsch deutlich kritischer. Der Offizier, der anonym bleiben möchte, sagt dazu: "Bei der Serie wird doch ein völlig falsches Bild von uns gezeichnet. Jetzt glauben die Leute, die Bundeswehr sei ein einziger Abenteuerspielplatz. Aber das ist sie nicht."

Vorbild USA

In den USA ist die verzerrte Darstellung des Militärs Standard - einfach deshalb, weil die Armee einen langen Arm in die Medien hat. Braucht ein Action-Filmer ein paar Panzer, Kampfjets oder vielleicht einen ganzen Flugzeugträger, muss er beim Militär vorstellig werden. Dort prüft man das Drehbuch und wenn es gefällt, dann wird das Kriegswerkzeug bereitgestellt. Wenn nicht, dann nicht.

Diese Art von Werbung scheint sich die Bundeswehr zum Vorbild zu nehmen. Im Verteidigungsministerium jedenfalls will man jedenfalls nicht ausschließen, weiterhin massenkompatible "Informationen" à la "Sonja wird eingezogen" unters Volk zu bringen.

Soldatinnen in Frauenmagazinen

Bis die nächste große TV-Serie oder gar ein Kinofilm an den Start gehen, bedient sich Bundeswehr der herkömmlichen Werbemaßnahmen. Im Kino läuft derzeit ein Spot, in dem die Armee das tolle Leben von Kampfpiloten preist und um Bewerbungen nachsucht. Gern gesehen ist auch eine Reportage, wie sie jüngst in einem neuen Frauenmagazin auftauchte. Thema: Bankangestellte Kerstin, 21, geht zur Armee, um auf dem Balkan den Frieden zu sichern.

Speziell Frauen sind im Fokus der Rekrutierungsbemühungen - was das Vorturnen von Sonja Zietlow auf RTL doppelt wertvoll macht. Auf zehn Prozent soll der Anteil weiblicher Soldaten steigen, so der Wunsch des Verteidigungsministeriums. Die Gründe dafür sind auch PR-technischer Natur. "Frauen", resümiert der Offizier, "sehen bei Paraden einfach besser aus."