HOME
stern-Reportage

Tagebuch eines Rekruten: Bundeswehr undercover

Der Oberfeldwebel brüllt: "Heute werden Sie entjungfert. Sind Sie bereit?", "Jawohl", rufen die Rekruten. Sie stehen vor ihm, angetreten in Dreierreihen: 41 Panzergrenadiere, 17 bis 28 Jahre alt, unter ihnen vier Frauen, drei Vegetarier und zwei Muslime. Einer von ihnen bin ich.

Von Björn Stephan

Reporter Björn Stephan als Bundeswehrrekrut

Reporter Björn Stephan, 28, leistete Anfang des Jahres freiwilligen Wehrdienst in der Kürassier-Kaserne in Mecklenburg-Vorpommern. Er erzählte niemandem, dass er Journalist ist. In der Werbekampagne der Bundeswehr ("Mach, was wirklich zählt.") inszeniert sich die Truppe als moderner Arbeitgeber – was der Reporter erlebte, offenbart ein ganz anderes Bild.

Diese Reportage erschien zuerst im stern Nr. 16 am 14. April 2016. Sie hat nichts mit dem aktuellen Bundeswehr-Fall des Franco A. zu tun. Wir haben uns dennoch entschieden, sie erneut zu veröffentlichen. Die Geschichte gibt einen subjektiven Einblick in den Alltag der Truppe - von einem, der ursprünglich den Kriegsdienst verweigerte.

Es ist 5.45 Uhr an einem Mittwoch Ende Januar, die vierte Woche unserer Grundausbildung, und für die meisten von uns ist dieser Tag, der Tag unserer Entjungferung, der Grund, warum wir überhaupt zur Bundeswehr gekommen sind: endlich schießen. Mit einem scharfen Sturmgewehr. Einem G36. Oder wie Carlo* (*Namen und Dienstgrade der Vorgesetzten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert, ebenso die Namen der Wehrdienstleistenden), einer meiner Kameraden, sagt: "Geil, ballern!"

Mit 18 verweigerte ich den Kriegsdienst; jetzt, zehn Jahre später, habe ich mich freiwillig für zwölf Monate gemeldet: freiwilliger Wehrdienst in der Kürassier-Kaserne in Viereck, im Osten Mecklenburg-Vorpommerns, ein Stück landgewordene Trostlosigkeit, irgendwo zwischen Pasewalk und Torgelow. Es war nicht ganz leicht herzukommen: Ich musste meine Kriegsdienstverweigerung widerrufen. Ich musste mir von einer 50-jährigen Frau in einem weißen Kittel an die Hoden fassen lassen. Ich musste mich nackt an eine Wand lehnen und meine Pobacken spreizen.

Ich habe einen Intelligenztest bestanden, unter anderem weil ich wusste, wie man "ehrerbietig" schreibt (nicht: "ährährbietig"); und ein psychologisches Gespräch, weil ich wusste, auf wen ich als Soldat nicht schießen darf (Zivilisten und unbewaffnete Kämpfer). Ich habe gesagt, dass ich als Mediengestalter arbeite, und nicht gesagt, dass ich Reporter bin und nur vier Wochen bleiben werde.

Die Bundeswehr ist eine abgeschirmte Welt. Nur hin und wieder erreichen uns Nachrichten von dort: Absurdes über Gewehre, die nicht geradeaus schießen. Tragisches von Gefallenen oder von Soldaten, die sich nach dem Afghanistan-Einsatz nicht mehr im Leben zurechtfinden. Kontroverses über ständig neue Einsätze: die Schleuser-Jagd im Mittelmeer, die Soldatenausbildung in Mali und der Kampf gegen den IS in Syrien.

Die größte Nachricht von allen war das Ende der Wehrpflicht 2011. Die Bundeswehr hat nun mehr Aufgaben als früher, aber weniger Soldaten. Sie sucht immer nach neuen Freiwilligen. Nach Leuten, die bereit sind, jeden Tag zu gehorchen. Nach Leuten, die versprechen, ihr Leben zu geben.

Kürassier-Kaserne in Viereck

In der Kürassier-Kaserne in Viereck im Osten Mecklenburg-Vorpommerns sind etwa 700 Panzergrenadiere stationiert

Was sind das für junge Menschen, die sich für den Wehrdienst entscheiden, 7 bis 23 Monate lang? Manche auch für viele Jahre? Sind es die richtigen? Wenn man die Bundeswehr verstehen will, reicht es nicht, sich die von Presseoffizieren präsentierte Vorzeigetruppe anzuschauen. Man muss sich in ihr unverstelltes Innerstes begeben. Man muss sich ihr aussetzen.

Erste Woche

Wir stehen in Dreierreihen, kurz vor zwölf Uhr, auf dem gefeudelten PVC-Fußboden einer Turnhalle. Kürassier-Kaserne in Viereck, Ausbildungs- und Unterstützungskompanie des Panzergrenadierbataillons 411 (AusbUstgKp 411). Über unsere Schuhe haben wir blaue Plastiktüten gezogen, damit auch ja nichts dreckig wird.

Während wir warten, mustern wir die fremden Gesichter, mit denen wir die nächsten drei Monate verbringen sollen. Es sind Gesichter – einige mit Akne und Bartflaum –, die versuchen, ihre Jugendlichkeit zu verbergen, indem sie möglichst ernst schauen. Die Augen zusammengekniffen, der Mund ein schmaler Strich. Keiner sagt ein Wort.

Mehr als 80 freiwillig Wehrdienstleistende. 80 von mehr als 10.000, die die Bundeswehr dieses Jahr rekrutieren will.

Dann werden wir aufgerufen, wir legen unseren Personalausweis vor und bekommen einen Laufzettel. Wir lesen Belehrungen (keine Drogen, keine rechtsextreme Propaganda), wir geben dreimal an, wie alt wir sind und wie groß und welchen Schulabschluss wir haben. Wir bekommen eine Personalnummer und werden in zwei Züge eingeteilt: Zug Alpha und Zug Bravo.

Vor meinen Nachnamen steht jetzt eine Abkürzung: PG. Panzergrenadier Stephan, Personalnummer 220687S-12817.

Der erste Abend

Um 21.30 Uhr treten wir, die anfangs 43 Rekruten des Zugs Alpha, im Flur des zweistöckigen Gebäudes an, das wir ab sofort bewohnen, Gebäude 003. Unser Zugführer, Oberfeldwebel K.* , ist ein schwerer Mann mit einem Kettenraucherbass, der klingt, als würde er die zwei Päckchen Marlboro am Tag nicht rauchen, sondern essen.

Als Erstes erklärt er uns, wo die Scheißhäuser sind. Die Klobürste dort sei nicht zum Zähneputzen gedacht, sagt er, und auch nicht zum Haarekämmen. "Ich gehe dort nämlich auch scheißen, und wenn es dort widerlich aussieht, muss ich kotzen, und dann platzt der Mond."

Rekruten bei einer Übung

Die Rekruten sammeln sich für eine Übung auf dem Kasernengelände. Das Gute am Ende der Wehrpflicht: Wer nicht mehr will, kann jederzeit gehen.

Der Zugführer beherrscht den Sound der Bundeswehr, er hat Timing und Gespür für die Pointe. In einem anderen Leben könnte er womöglich auf einer größeren Bühne stehen. Einige von uns kichern. Die anderen konzentrieren sich darauf, nicht umzufallen.

Wir haben zu wenig getrunken und kaum etwas gegessen. Nur jeweils zehn Minuten blieben uns für Mittagessen und Abendbrot. Am liebsten würden wir auf unsere Stuben, Chips essen, ins Bett. Aber der Zugführer redet und redet.

Er erzählt, wo die Stube der Mädchen ist, die "Weiberstube", wie er sagt, und dass er dort niemanden mit einem Schwanz zwischen den Beinen sehen wolle, weil er sonst eigenhändig dafür sorgen werde, dass derjenige dann schwanzlos sei.

Er fragt einen Kameraden, der sich an der Brust kratzt, ob sein Nippel jucke und er mal kratzen soll. Er sagt, dass er uns zu Soldaten ausbilden werde, aber nicht zu Kriegern, das werde er in drei Monaten Grundausbildung nicht schaffen – als auf einmal, nach 45 Minuten, rums, ein Kamerad neben mir zu Boden geht. Einige helfen ihm auf und setzen ihn auf einen Stuhl.

"Was ist mit Ihnen? Sie sind so gelb im Gesicht. Sehen Sie immer so aus?", fragt der Zugführer. Der Umgefallene schüttelt den Kopf. Einige Kameraden nennen ihn danach "Klappstuhl" . Am Ende der Woche gibt er auf. Jeder freiwillig Wehrdienstleistende kann in den ersten sechs Monaten jederzeit aufhören.

Meine Stube

Das Zimmer ist 30 Quadratmeter groß, drei Doppelstockbetten, sechs Spinde. Wir sind zu viert: Carlo, 19 Jahre alt, Julian und Yunus, beide 17 Jahre alt, die drei haben sich erst einmal für elf Monate verpflichtet. Es ist das erste Mal, dass sie so lange weg von ihrem Elternhaus sind.

Carlo kommt aus Vorpommern und ist ausgebildeter Tierarzthelfer, vor der Bundeswehr war er fünf Monate arbeitslos. Auf seinen Rücken hat er einen großen Stern tätowiert. Carlo schreibt gern mit Frauen auf Lovoo, einer Dating-App. Er sagt, seitdem er dort Soldat sei, klappe das besser. "Frauen finden Soldaten geil."

Julian kommt aus Franken, im vergangenen Sommer hat er die Realschule abgeschlossen, danach wollte er eigentlich auf die Fachoberschule. Er hätte das auch geschafft, hätte die Realschule nur nicht immer so verdammt früh angefangen. Julian mag Eiweißshakes und spielt auf seinem iPhone gern Pokémon. Nach dem Wehrdienst möchte er Werkzeugmacher werden.

Yunus kommt aus Berlin, er hat rote Wangen und einen breitbeinigen Gang. Manchmal versucht er böse zu gucken. Nach der Schule fand er keine Lehrstelle, stattdessen jobbte er in einem Pizzaladen, bis ihm ein Freund von der Bundeswehr erzählte. Yunus mag die Biografie von Bushido und Waffen, zu Hause hat er eine Gaspistole. Er sagt, er würde gern mal "mit richtiger Munition ballern".

Jeder der drei will Soldat werden, jeder aus einem anderen Grund: Carlo wegen der Kohle, 777,30 Euro sind es in den ersten drei Monaten (brutto gleich netto), Julian wegen der Disziplin und Yunus wegen der Waffen.

Regelkonform eingeräumter Spind

So soll es aussehen: regelkonform eingeräumter Spind

Runterbumsen

Es gibt vier Gruppen im Zug Alpha, in unserer sind elf Rekruten, unser Gruppenführer ist der Fähnrich H.,4 er ist Anfang zwanzig, seit vier Jahren bei der Bundeswehr. An der linken Hand trägt er einen Siegelring.

"Warum sind Sie hier?" , fragt der Fähnrich, auf seinem Schoß ein Notizheft.

"Ich möchte mich anstrengen", sagt Julian.

"Also weil Sie an Ihre körperlichen und geistigen Grenzen gebracht werden wollen?", sagt der Fähnrich und notiert sich etwas.

"Jawohl."

"Und warum sind Sie hier?", fragt er den Nächsten.

"Ich möchte mich auch anstrengen."

So geht es reihum. Alle wollen sich anstrengen. Das mit dem Geld und den Waffen trauen sich Yunus und Carlo nicht zu sagen. Ich fasele etwas von beruflichen Chancen und dass ich gern wissen möchte, was es heißt, ein Soldat zu sein.

Am Ende, als alle durch sind, sagt der Fähnrich: "Das ist also mittlerweile der Hauptgrund, warum man zur Bundeswehr geht: Sie wollen alle richtig runtergebumst werden?!" Einige lächeln. "Das kriegen wir hin."

Die erste Woche jedoch zieht so ruhig und geordnet an uns vorbei wie eine Militärparade: Am ersten Tag pinkeln wir in einen Becher; einer wird im Drogentest positiv auf THC getestet, aber er darf weitermachen. Am zweiten Tag lernen wir, wie man ein Bett baut. Am dritten Tag lernen wir anzutreten und stillzustehen; wir marschieren ("ohne Tritt Marsch") morgens bei minus 15 Grad eine Stunde durch den Kasernenhof. Am vierten Tag erhalten wir unsere Uniform und 76 Ausrüstungsgegenstände (ein Taschenmesser, vier Mützen, darunter ein Tropenhut, zwei Paar Stiefel …). Wir werden kaum runtergebumst. Am schlimmsten ist, dass es kein WLAN gibt und nur sehr schlechten Handyempfang.

Stattdessen lernen wir das Nato-Alphabet (Alpha, Bravo, Charlie …) und die Dienstgradabzeichen (Gefreiter, Obergefreiter, Hauptgefreiter …). Und gewöhnen uns daran, wie es ist, wenn einem das ganze Leben abgenommen wird. Wenn es für alles Vorschriften gibt: Wie man sich rasiert (nass, jeden Morgen). Wie man sich anzieht (erster Knopf der Feldbluse geöffnet, in der linken Brusttasche ein Bleistift, in der rechten Beintasche das Taschenmesser).

Am Ende der ersten Woche schreibt ein Kamerad in der Whatsapp-Gruppe unseres Zugs: "Abend Kameraden, ich bin dafür, dass wir uns nächste Woche mal ordentlich ins Zeug legen, da ist noch Luft nach oben."

Zweite Woche

Es ist keine Übertreibung, Feldwebel A. als den schlechtgelauntesten Mann der ganzen Kaserne zu bezeichnen. Am Anfang der zweiten Woche erklärt er uns, wie wir heißen. "Sie haben keine Vornamen mehr", sagt er, "Sie heißen jetzt alle nur noch Panzergrenadier!" Die meisten seiner Sätze enden mit einem Ausrufezeichen; seine Augenlider beginnen dann zu flattern.

"Sie sollen geradeaus schauen, stumpf geradeaus und atmen. Mehr nicht!"

"Sie sollen nicht denken, das können Sie nicht, das überlassen Sie uns!"

"Sie kotzen mich an. Ich habe keinen Bock mehr! Ich will Sie nicht mehr sehen! Hauen Sie ab!"

In der erste Woche hatte uns der Hauptmann, der Leiter des Bataillons, noch erklärt, dass wir "mündige Soldaten" sein sollen, "Bürger in Uniform" . Feldwebel A. hingegen findet, wir sollen unsere "Fresse halten" . Er ist 26 Jahre alt, ein Mann mit weichen Gesichtszügen, der gern hart sein möchte. So wie meine Kameraden auch. Obwohl sie den Feldwebel nicht ausstehen können, fangen sie an, ihn zu imitieren.

Sie reden sich nur noch mit Nachnamen an. Sie sprechen von "Stiefelputz" und "verbesserter Rasur" , wobei: im Grunde sprechen sie gar nicht, sie bellen ("Kamerad, was ist mit deinem Anzug? Schau dir mal deinen an und meinen? Wo ist der Unterschied?"). Sie bewegen sich aufrechter, das Kinn in die Welt gereckt, als würde diese nur darauf warten, von ihnen erobert zu werden.

Die meisten von ihnen sind 17 bis 20 Jahre alt. Es sind Jungs, die gerade die Schule hinter sich gebracht haben und von 5er BMWs träumen. Es sind Jungs mit ausrasierten Nacken, die auf ihrer Playstation zu viel "Call of Duty" und "Medal of Honor" gespielt haben.

Jungs, die sich noch für unverwundbar halten, die sich beweisen wollen, die noch formbar sind. Ihr Leben eine nackte Leinwand, auf der die Bundeswehr die ersten Pinselstriche hinterlässt.

Nachdem wir unsere Uniformen empfangen haben, meint einer: "Jetzt sehen wir auch aus wie die Colonels!"

Meine Stube

Carlo, Julian, Yunus und ich stehen morgens gemeinsam auf und frühstücken gemeinsam, wir fahren gemeinsam in die Spielothek am Bahnhof in Pasewalk oder nach Polen, um Zigaretten zu kaufen. Wir trinken im Mannschaftsheim Bier, spielen Billard und gehen danach gemeinsam duschen. Wir verstehen uns gut.

Am ersten Abend putze ich mir unter der Dusche die Zähne, am zweiten Abend machen sie es auch.

An einem Abend in der zweiten Woche, es ist schon Nachtruhe und wir liegen im Bett, reden wir über die Zukunft.

Carlo: "Ich glaube, ich verpflichte mich für acht Jahre. Und dann werde ich Hundeführer."

Julian: "Woher weißt du, was in acht Jahren ist? Ich will nicht so lange planen."

Yunus: "Also, ich glaube, ich mache vier Jahre. Dann komme ich mit 21 raus. Dann bin ich Oberstabsgefreiter, dann ficke ich alle."

Ich: "Aber ihr müsst dann in den Auslandseinsatz."

Carlo: "Sterben musst du eh irgendwann. Ey, Licht aus!"

Julian: "Okay!" Er steht auf und schaltet das Licht aus.

Yunus: "Langsam hasse ich das frühe Aufstehen."

Carlo: "Ich auch."

Julian: "Ja, Jungs, aber wir brauchen Disziplin – Yunus, was ist das Schönste hier für dich?"

Yunus: "Na, ey, die Waffe. Mehr wirklich nicht."

Julian: "Und die Kameradschaft? Die Stube?"

Yunus: "Auf keinen Fall. – Spaß!"

Julian: "Carlo, was ist das Schlimmste für dich?"

Carlo: "Na, dass die alle meinen, die müssen so einen dicken Macker machen, die Ausbilder und so."

Dann ist es still, jeder allein mit seinen Gedanken. Nach fünf Minuten sagt Yunus: "Oh Gott, ich will vögeln." Irgendwann schlafen alle ein.

Soldatenalltag in der Kaserne: Abends geht's zum Dartspielen in den Aufenthaltsraum

Soldatenalltag in der Kaserne: Abends geht's zum Dartspielen in den Aufenthaltsraum

Kein Sport

Die meisten von uns kennen die Bundeswehr aus den Geschichten ihrer Väter. Früher wurden Rekruten um 4.30 Uhr von einer scheppernden Mülltonne geweckt, die über den Flur geworfen wurde. Früher mussten sie in Uniform durch einen Fluss schwimmen und danach mit voller Ausrüstung joggen, bis sich einige übergaben.

Heute machen wir bis auf einen Fitnesstest (1000 Meter rennen, Pendellauf und sechs Sekunden Klimmhang statt Klimmzüge) beinahe gar keinen Sport mehr. Heute dürfen die Ausbilder uns nachts nicht mehr wecken. Wir haben von 7 bis 17 Uhr Dienst.

5.15 Uhr: aufstehen.

6.00 Uhr: Frühstück.

6.45 Uhr: antreten, Vollständigkeitsprüfung und Rasurkontrolle.

11.30 Uhr: eine Stunde Mittagspause.

16.45 Uhr: Abendbrot, danach Feierabend. Nach 17 Uhr dürfen wir die Kaserne verlassen.

21.30 Uhr: Nachtruhe.

Wie alle Soldaten dürfen auch wir nicht länger als 41 Stunden in der Woche arbeiten. Das ist seit dem 1. Januar 2016 so und hat mit Ursula von der Leyen zu tun. Die Verteidigungsministerin will die Bundeswehr attraktiver machen: mit geregelten Arbeitszeiten, mehr Geld, neuen Unterkünften mit Fernsehern und Internet.

Für uns macht das die Bundeswehr vor allem weniger aufregend als erwartet. Fast alle von uns hatten sich vorher die Videos angeschaut, mit denen die Bundeswehr wirbt. Man sieht darin startende Helikopter, rollende Panzer und Soldaten, die aussehen wie Actionhelden.

Wir hingegen bekommen im ersten Monat jede Woche einen freien Tag zusätzlich geschenkt. Unsere Ausbilder müssen Arbeitsstunden für das Biwak, bei dem wir nachts zelten, herausschlagen. Damit wir die 41 Stunden nicht überschreiten. Wir fühlen uns nicht wie Actionhelden.

Meine Stube

"Ich finde, die sollten uns härter rannehmen", sagt Julian, als wir nachmittags auf Stube sitzen. Es ist gerade nichts zu tun. "Du musst nicht zum Rambo ausgebildet werden. Aber wenn du in Afghanistan bist, darfst du dich doch nicht vor jedem Scheiß erschrecken."

Carlo: "Wovor soll ich mich denn erschrecken?!"

Yunus: "Die meisten sitzen da eh nur rum, so wie wir, und chillen."

Julian: "Ich weiß. Aber die Grundausbildung ist doch das Übertriebene. Die muss hart sein, damit du genau weißt, was du machen musst."

Yunus: "Mann, du musst einfach schießen, das reicht."

In dem Moment betritt Fähnrich H. die Stube, wir springen auf, ich mache Meldung, weil der Stubenälteste immer Meldung machen muss, wenn ein Vorgesetzter die Stube betritt: "Panzergrenadier Stephan meldet Stube mit vier Kameraden belegt, vier Kameraden anwesend." – "Rührt euch" , sagt der Fähnrich. Wir rühren uns. "Alles schick?" , fragt er. Er hat gerade Zeit.

Julian: "Ja, ich habe eine Frage … Warum ist der gesetzliche Wehrdienst abgeschafft worden?"

Fähnrich: "Weil wir heute nicht mehr zweieinhalb Millionen Reservisten brauchen wie damals im Kalten Krieg." Er setzt sich.

Julian: "Warum? Deutschland kann doch immer noch angegriffen werden."

Fähnrich: "Ja, aber es ist zu teuer. Ohne Scheiß. So ein Schützenpanzer kostet viereinhalb Millionen. Stellen Sie sich mal vor, wir müssten 5000 von denen haben. Das geht nicht. So haben wir 350."

Ich: "Bedauern Sie, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde?"

Fähnrich: "Na ja. Früher war das richtiger Dummfick, man hat alle behandelt wie zwölfjährige Kinder, und die Ausbilder haben dir bei den Liegestützen den Fuß auf den Rücken gestellt. Heute ist das anders. Ihr könnt ja sofort aufhören, wenn ihr keine Lust mehr habt."

Julian: "Wir hören aber nicht auf!"

Fähnrich: "Ja, okay, aber das Problem ist doch: Es ist nicht klar geregelt, was wir als Ausbilder dürfen und was nicht. Im Endeffekt ist es Glücksspiel. Wenn ihr sagt, wir wollen es härter haben, ist es umso schwerer für uns Ausbilder, abzuschätzen, was hart ist."

Der Fähnrich erzählt dann noch, dass sich während der vergangenen Grundausbildung ein Rekrut beim Spieß über einen Ausbilder beschwert habe. Der Ausbilder sei daraufhin entlassen worden.

Dann verabschiedet sich der Fähnrich. Julian, Carlo und Yunus sehen nachdenklich aus.

Wir werden zwar immer noch schikaniert, beleidigt ("Sind Sie behindert?") und angeschrien ("Das nächste Mal bringe ich stumpfe Rasierer mit! Und dann rasieren Sie sich, bis Sie bluten!") Aber wir merken ziemlich schnell, dass sich die Drohungen der Ausbilder als leer entpuppen. Niemand tritt uns in den Arsch, bewirft uns mit Backsteinen oder zwingt uns, uns blutig zu rasieren. Es hat sich etwas verkehrt. Wir haben mehr Macht, unsere Beschwerden werden ernst genommen.

Es scheint, als wäre die Bundeswehr zerrissen wie der Vater eines ausbrechenden Teenagers: zwischen Strenge und Verlustangst.

Am Ende der zweiten Woche hört der Nächste auf. Er sollte nach der Grundausbildung Stallmeister werden und Pferde striegeln, das wollte er nicht.

Dritte Woche

Ein Soldat muss warten können (sechs Stunden bei der Einkleidung, vier Stunden beim Arzt, 30 Minuten auf dem Flur). Ein Soldat hält die Schnauze, wenn er die Schnauze halten soll. Ein Soldat nimmt die Hände aus den Hosentaschen, er telefoniert und raucht nicht, während er geht. Ein Soldat nimmt die Mütze ab, wenn er ein Gebäude betritt, und setzt sie auf, wenn er es wieder verlässt. Er sagt nicht "zwei" , sondern "zwo"; er sagt nicht "ja" , sondern "jawohl" . Ein Soldat muss sich an Zeiten halten können: Er braucht sechs Minuten, um zu rauchen. Fünf Minuten, um sich zu rasieren. Vier Minuten, um zu duschen. Drei Minuten, um zu scheißen.

Das haben wir in den ersten zwei Wochen gelernt. In der dritten Woche lernen wir das G36 und die Pistole P8 kennen.

Draußen sind es wieder einmal minus 15 Grad. Wir liegen auf Bastmatten und bauen das G36 in weniger als zwei Minuten auseinander und wieder zusammen. Rote Gesichter, rote Ohren, die Hände zittern, der Atem dampft. Jedes Mal, wenn wir das G36 auseinander- oder wieder zusammengebaut haben, schreien wir: "G36 zerlegt!" oder "G36 zusammengesetzt!", und machen 20 Liegestütze oder Kniebeugen. Die Ausbilder sehen zufrieden aus, sie lieben ihr G36, wir sollen auch lernen, es zu lieben. Einige von uns nennen es "Baby".

Yunus, der eigentlich so vernarrt in Waffen ist, hat keinen Spitznamen für sein Gewehr. Er hatte sich das anders vorgestellt.

Es gibt bei der Armee wie in jeder Gruppe von Menschen eine Rollenverteilung. Es gibt einen Anführer, einen Clown, eine schweigende Mehrheit, und es gibt einen Prügelknaben. Ich gehörte zur schweigenden Mehrheit. Yunus ist der Prügelknabe. Es beginnt beim Marschieren.

Yunus kann nicht gut marschieren, er stolpert dem Vordermann in die Hacken; der Zugführer läuft neben ihm. "Wie heißen Sie?", fragt er.

"Özkan", sagt Yunus.

"Was?! Vorname?"

"Yunus."

"Das kann ja kein Mensch aussprechen. Von jetzt an heißen Sie Mister Ö."

Anfangs fühlt Yunus sich noch geadelt, er ist der Einzige mit einem Spitznamen. Er sagt, beleidigt wäre er erst, wenn der Zugführer seine Mutter oder Schwester beleidige. Aber dann beginnen die anderen im Zug, Yunus Mister Ö zu nennen, über ihn zu lachen. Bei der Stubenkontrolle sagt ein Ausbilder, Yunus' Spind und Bett sähen "so ekelhaft aus wie ein mexikanischer Wüstenpuff".

Yunus fühlt sich nicht mehr besonders. Abends schimpft er über die Ausbilder und klingt dabei genauso unerbittlich wie sie.

Einmal stehen wir mit einem Ausbilder zusammen in der Raucherpause, als Yunus sagt: "Im Februar werde ich 18, dann bin ich endlich nicht mehr der Kücken." Der Ausbilder: "Der Kücken, Mister Ö? Dann sind Sie die Kücken, wa?"

Alle lachen. Bis auf Yunus. Er starrt in die Ferne. Sein Blick verliert sich irgendwo hinter dem Kasernenzaun. Am Donnerstag der dritten Woche, abends auf der Stube, sagt Yunus: "Manchmal komme ich mir vor wie ein Affe. Ich kriege nichts hin." Am nächsten Tag meldet er sich krank. Er habe Bauchschmerzen, sagt er.

Kontaktstellung

Feldwebel A. ist heute noch wütender als sonst, er hat einen Fehler gemacht: Er hat uns die Patrouillenstellung falsch erklärt. Der Hauptmann, der Leiter des Bataillons, hat ihn erwischt. Jetzt steht der Feldwebel draußen auf der Wiese des Kasernengeländes neben dem Hauptmann, der wild auf ihn einredet.

Zum Glück müssen wir gleich zu einem anderen Ausbilder aufrücken. Von dort, aus 20 Meter Entfernung, hören wir Feldwebel A. wenig später brüllen. Er erklärt das "Schießt noch", einen Befehl, der erlaubt, einen zweiten Schuss abzufeuern.

Der Feldwebel schreit: "Warum ist das wichtig?" Stille.

"Okay, anders", stöhnt er. "Hauptexportprodukt der Afghanen? Was ist das?"

Ein paar Hände gehen nach oben.

"Gewürze" , ruft einer.

"Heroin" , ein anderer.

Der Feldwebel: "Fast. Opium. Die Afghanen rauchen alle Opium, die sind alle völlig bekifft, die Ziegenficker. Wenn Sie denen in die Brust ballern, kann es sein, dass die den Schuss gar nicht spüren. Deshalb muss man den zweiten Schuss gleich hinterherfeuern. Und wohin?"

"In den Kopf?", fragt einer.

"Nein" , brüllt der Feldwebel. "Genitalbereich. Damit diese Terroristen dann keine Ziegen mehr ficken können." Einige lachen.

"Kontaktstellung!", schreit der Feldwebel. "Zwei Schuss links! Feuer!" Seine Stimme klingt wie die von Hitler. "Feu-errrrr!" Er schaut hinüber zu dem Ausbilder an unserer Station. Beide grinsen. Es ist, glaube ich, das erste Mal, dass ich den Feldwebel A. grinsen sehe.

Dann wendet er sich wieder den Rekruten zu. "Wo ist Kenan?", fragt er. "Der ist krank", sagt einer. "Ein Glück", sagt der Feldwebel. Kenan ist neben Yunus der zweite Muslim im Zug Alpha.

Vierte Woche

Draußen fliegen Autobahnwälder vorbei, Regen trommelt gegen die Fensterscheibe. Es ist ein Montag, kurz nach 20 Uhr, wir, Julian, Yunus und ich, sitzen in meinem Auto und fahren in die Kaserne. Wir hatten einen freien Tag, bis 21 Uhr müssen wir da sein. Je näher wir kommen, desto schweigsamer wird Yunus. In Pasewalk holen wir Carlo am Bahnhof ab. Noch fünf Minuten Landstraße bis zur Kaserne.

"Ich habe keinen Bock" , sagt Julian. Er hat am Wochenende erfahren, dass das mit seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher klappt.

"Ich auch nicht", sagt Yunus. "Ich will nicht wieder in den Knast, diese Scheiß-Kürassier-Kaserne."

Nur noch 150 Meter. Ich müsste jetzt blinken. "Fahr mal irgendwohin, fahr mal in den Puff", sagt einer. Und anstatt abzubiegen, gebe ich Gas, wir fahren weiter. Alle jubeln. Wir drehen das Radio auf und zünden uns noch eine Zigarette an.

Nach fünf Minuten sagt Carlo: "Ey, dreh mal um. Wir müssen noch die Stube wischen." Und ich drehe um. Am nächsten Tag meldet sich Yunus wieder krank.

Dienstag, noch zwei Tage

Am Abend sitzen wir auf Stube und fetten unsere Stiefel mit Schuhcreme ein. "Ich werde diese Woche aufhören", sage ich, "Ich habe ein Jobangebot." Die anderen legen ihre Stiefel beiseite und schauen mich an.

Ich lüge nicht gern. Ich hatte nicht damit gerechnet, hier Freunde zu finden.

Carlo reagiert als Erster: "Was? Das kannst du doch nicht bringen, Alter?!"

Julian sagt: "Wir haben es zusammen angefangen, wir müssen es auch zusammen beenden."

Yunus: "Wenn du abhaust, haue ich auch ab. Ich hatte schon vor dir keinen Bock mehr."

Julian: "Mister Ö, du bist Kult!"

Yunus: "Scheiß auf den Namen, Alter."

Ich: "Willst du deshalb gehen?"

Yunus: "Ich geh, weil die mich jeden Tag volllabern: Machste dies, machste das, machste nix, machste alles falsch."

Ich versuche, Yunus zu überreden, hierzubleiben.

Aber es ist aussichtslos. Er hatte die Entscheidung schon lange getroffen. Und jetzt ist es für ihn noch einfacher: Er muss nicht allein da durch.

Wenig später sehen wir, wie Yunus in die Raucherecke stiefelt, um mit seiner Mutter zu telefonieren. Er läuft im Kreis, als er mit ihr redet. Sie reden auf Türkisch. Nur ein deutsches Wort fällt immer wieder: "Ausbildung". Hinterher sagt Yunus, er habe seiner Mutter erklärt, dass ein Ausbildungsplatz wichtiger ist als die Bundeswehr. Sie habe das dann auch eingesehen, sagt er.

Schlafender Bundeswehrrekrut

Nickerchen unter den Zielscheiben. Für Soldaten gilt eine 41-Stunden-Woche. Müde macht das frühe Aufstehen um 5.15 Uhr.

Mittwoch, noch ein Tag

Schießübungsplatz Drögeheide. Am Himmel ballen sich die Wolken wie Fäuste, heute werden wir entjungfert. Eine Kameradin, 17 Jahre alt, hat Angst. Sie sieht aus, als müsste sie gleich weinen.

Wie alle Frauen im Zug hat sie es nicht leicht. Bei den Übungen war sie oft die Langsamste. Die Ausbilder rissen Witze, sie sprachen von der "Schlitzbevölkerung" oder sagten, dass die "Lucie" – so nennen sie ein Nachtsichtgerät – die einzige Frau bei der Bundeswehr sei, auf die man sich verlassen könne.

Doch jetzt auf dem Schießplatz erklärt der Fähnrich der Kameradin noch mal alles Schritt für Schritt. Er will ihr die Angst nehmen. Er hat selbst Angst. Er will nicht erschossen werden.

Vor ihm stehen drei Dutzend Rekruten, einige erst 17, mit einem G36 in der Hand und einem Magazin mit scharfer Munition.

Was, wenn einer durchdreht?

Die Ausbilder rufen uns in Vierergruppen auf, wir legen uns auf Bastmatten, justieren den Lauf unseres G36 auf einem Sandsack, führen das Magazin ein, lassen den Verschluss nach hinten schnellen. Wir legen an. Wir entsichern das Gewehr. "Ein Ziel links, 50 Meter!", brüllt der Ausbilder. "Feuer!"

Wir krümmen ab, die Stütze stößt in unsere Schulter, vier Schüsse krachen durch die Heide, bummbummbummbumm, vier Blechmännchen kippen nach hinten um.

Keiner dreht durch.

Am Ende, als wir vom Schießübungsplatz marschieren, das G36 in der Hand, haben alle ein dämliches Grinsen auf dem Gesicht. Auch ich. "Das war der Hammer", sagt Carlo hinterher. "Megageil", sagt Julian.

Yunus liegt währenddessen krank auf Stube. Er, der wegen der Waffen zur Bundeswehr gekommen ist, wird sie wieder verlassen, ohne auch nur einen Schuss abgegeben zu haben.

Nicht mein Ding

"Sie wollen also aufhören", sagt der Zugführer. Er sitzt in seinem Büro hinter einem alten Computer, auf dem Schreibtisch zwei Zigarettenetuis. Yunus und ich hatten zuvor schon Feldwebel A. informiert, dass wir aufhören wollen. Es schien nicht so, als hätte ihn das sonderlich interessiert.

Der Zugführer hingegen wirkt, als wolle er uns nicht so einfach gehen lassen. "Warum?", fragt er.

Fast jeder vierte Freiwillige brach im Jahr 2013 seinen Wehrdienst ab. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Allerdings hat eine vor Kurzem veröffentlichte Umfrage der Bundeswehr ergeben, dass sich zwei Drittel der freiwillig Wehrdienstleistenden körperlich und intellektuell unterfordert fühlen. Mit der Bezahlung waren mehr als vier Fünftel zufrieden.

Ich erzähle dem Zugführer von meinem angeblichen Jobangebot, der Zugführer nickt. "Und Sie, Mister Ö?" "Ich mache eine Lehre zum Maler und Lackierer" , sagt Yunus. Auch das ist nicht wahr.

"Die Bundeswehr ist nichts für Sie, ne?"

"Nee, ist nicht mein Ding", sagt Yunus.

"Nee, ist es auch nicht. Bei der Bundeswehr muss man sich unterordnen können und sich gerade machen. Das ist nicht Ihre Welt. Aber Sie sind ja noch jung."

Donnerstag, der letzte Tag

Nach dem morgendlichen Antreten fahren die anderen wieder auf die Schießbahn. Yunus und ich müssen unsere Uniform ausziehen und uns im Geschäftszimmer melden, wo wir einen Laufzettel bekommen.

Wir gehen zum Arzt. Wir gehen zum Hauptmann. Wir geben unsere Ausrüstung ab. Wir müssen eine Schadensmeldung unterschreiben, weil Yunus der Schlafsacküberzug (123,50 Euro) fehlt, den er, wie er sagt, nie bekommen hat, und mir ein Manöverpatronengerät (53,10 Euro), das Geld wird uns vom Sold abgezogen. Wir füllen Fragebögen aus, wie es uns gefallen hat und warum wir aufhören.

Weil Yunus erst 17 ist, ruft der Spieß seinen Vater an. Jetzt auch noch diese "Yalla Yallas" hatte der Hauptmann zuvor zum Spieß gesagt.

"Hallo, hier ist der Stabsfeldwebel M. von der Bundeswehr …" Yunus' Vater legt auf. Der Spieß wählt erneut und gibt Yunus den Hörer. Dieses Mal redet er mit seinem Vater, und der legt nicht auf.

Nach zehn Stunden haben Yunus und ich alle sieben Unterschriften zusammen. Der Zugführer schüttelt uns die Hand, der Fähnrich H. wünscht uns viel Glück, der Feldwebel A. ignoriert uns.

Wir verabschieden uns von den Kameraden. Wir umarmen Julian und Carlo, ich schenke ihnen eine Schachtel Zigaretten und den Roman "Tschick" . Weil ich finde, bevor sie ihre Träume in einem Spind wegschließen, sollten sie es lieber so machen wie die beiden Jungen im Roman: abhauen und in einem Lada Niva die Welt erkunden. Vielleicht lesen sie das Buch ja sogar.

Dann, während die anderen gerade zum Abendbrot in die Kantine geführt werden, setzen Yunus und ich uns ins Auto. Draußen dämmert es, wir passieren das Eingangstor und fahren Richtung Berlin. Im Rückspiegel sehen wir die Kaserne schrumpfen. Kurz vor Berlin reden wir über den Fragebogen, den wir ausfüllen mussten.

Ich: "Du, bei der Frage ‚Würden Sie den freiwilligen Wehrdienst weiterempfehlen?' – was hast du da angekreuzt?"

Yunus: "Ich habe ‚Ja' angekreuzt, aber ich werde allen sagen: ‚Geht nicht hin.'"

Ich: " Und was hast du jetzt vor?"

Er: "Na, erst mal feiern, Mann."

In zehn Tagen werde er 18, sagt Yunus. "Und dann leihe ich mir dein Auto aus!"

Er lacht, wir umarmen uns.

Dann geht Yunus. Er dreht sich nicht noch einmal um.

US-Armee lässt Humvees vom Himmel fallen