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Bundeswehrsoldat: "Das Leid spottete jeder Beschreibung"

Achim Wohlgethan war Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch verarbeitet, die der stern in Auszügen veröffentlicht. Im stern.de-Interview klagt der ehemalige Elite-Soldat an: Die Bundeswehr vernachlässige die Sicherheit der Truppe.

Herr Wohlgethan, in Ihrem Buch das jetzt erscheint beschreiben Sie Ihre Schwierigkeiten, sich nach dem Einsatz wieder einzugewöhnen. Worunter leiden Sie noch heute?

Am Anfang war es wirklich schlimm. Als ich zurückkam, war ich 17 Kilo leichter. Im Einsatz hatte ich sechs Monate lang jeden Tag gearbeitet, mit extremen Belastungen für Körper und Psyche. Dann kam ich wieder und Freunde und Kollegen fragten mich: Na, wie war's im Urlaub? Das war furchtbar. Ich fühlte mich völlig allein. Auch heute noch, bei bestimmten Gerüchen, so süßlich, nach Fäulnis, da kommen alle Erinnerungen wieder hoch. So ein Einsatz verändert fürs Leben.

Sie beschreiben die Bundeswehr im Jahr 2002 als schlecht ausgerüstet. Im Ernstfall wäre eine Evakuierung niemals möglich gewesen. Ein düsteres Bild, das Sie da zeichnen.

Das macht mich bis heute wütend. Damals wie heute fehlen der Wille und die Mittel, um für die Sicherheit der Soldaten zu sorgen. Dabei gehören Evakuierung und Eigensicherung eindeutig zum Auftrag der Bundeswehr. Das schreibt das Mandat vor. Dass sich alle von mir überprüften Evakuierungsrouten als nicht praktikabel erwiesen haben, hat mich schockiert.

Fühlten Sie sich schlecht ausgebildet für einen derartigen Einsatz?

Die Ausbildung der Bundeswehr im militärischen Bereich war und ist sehr gut. Die kann mithalten mit den anderen Nationen. Aber auf die Situation im Land war ich schlecht vorbereitet. Ich besuchte einen Kurs, aber der bereitete eigentlich auf den Einsatz im Kosovo vor. Das hat sich aber heute sehr verändert. Inzwischen wird viel Zeit und Geld darauf verwendet, um die Soldaten richtig auf die Situation in Afghanistan vorzubereiten.

Afghanistan sei "extrem", schreiben Sie. Was genau war für Sie extrem?

Meine ersten Touren durch Kabul waren ein Kulturschock. Ich war in Krankenhäusern, der Geruch dort und das Leid, das spottete jeder Beschreibung. Weibliche Opfer von Selbstanzündungen lagen in überfüllten Zimmern und auf den Fluren. Verstümmelte Kinder, die beim Spielen auf eine Mine getreten waren, gebrechliche ältere Menschen mit leerem Blick und eingefallenen Gesichtern. Damit muss man fertig werden. Das ist nicht leicht.

Sie wurden dann zu einem Elitesoldaten des holländischen Spezialkommandos KCT. Bei Ihren Erkundungsaufträgen haben Sie immer wieder auch die so genannte Area of Responsibility verlassen. Widersprach das nicht eindeutig dem Bundestagsmandat?

Ja. Aber erstens ist man als Soldat darauf gepolt, seine Aufträge zu erfüllen. Und zweitens erhöhten die Aufklärungsergebnisse von außerhalb dieses Mandatsgebiets die Sicherheit für die gesamte Truppe. Terroristen machen ja nicht an einer vom deutschen Bundestag oder der NATO festgelegten Grenze halt, sondern platzieren ihre Raketenwerfer dann halt 500 Meter hinter dieser Linie.

Sie schreiben, dass die damalige Führung der Bundeswehr in Kabul die eigenen Soldaten zu wenig unterstützte, sie nach Zwischenfällen eher kritisierte als ihnen Mut zu machen.

Ich machte öfter die Erfahrung, dass gerade in der hohen und höchsten Führungsebene ein ausgeprägtes Gutmenschendenken zu finden war. Political correctness war ihnen wichtiger als die Unterstützung für ihre Untergebenen. In einem Land wie Afghanistan war das aber fehl am Platze und sogar höchst gefährlich.

Bisher schien aber doch die Deeskalationsstrategie der Bundeswehr aufzugehen. Die deutschen Soldaten sind weniger verhasst als die Amerikaner.

Deeskalation mag ja schön und gut und in vielen Fällen auch die richtige Strategie sein. So ein schlichtendes Verhalten wird von den Afghanen aber als Schwäche ausgelegt. Defensives Auftreten entsprach in keiner Weise den örtlichen Gegebenheiten und war meinen Erfahrungen nach eher töricht. Waffen sind nun mal wichtig in der afghanischen Gesellschaft. Neben Zigaretten sind sie der Türöffner Nummer zwei, um mit afghanischen Männern ins Gespräch zu kommen.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Ich glaube, dass es nicht nur mir so ergangen ist. Vielen fällt die Rückkehr schwer. Es ist nicht einfach, das Erlebte zu verarbeiten und ich hoffe, dass das Buch eine Art Türöffner sein kann. Dass andere es lesen werden und vielleicht zu sprechen anfangen über ihre Erlebnisse. Das wäre schon eine Menge wert.

Interview: Franziska Reich und Uli Rauss
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