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Selbstversuch: Mit dem Burkini im Schwimmbad

In Frankreich hat das Oberste Gericht gerade das Burkini-Verbot an den Stränden von Nizza und Co. aufgehoben. Wie reagieren die Deutschen auf den verhüllenden Badeanzug? stern-Mitarbeiterin Judith Hoppermann hat den Burkini angezogen und ist in Berlin schwimmen gegangen.

Von Judith Hoppermann

Im Burkini im Strandbad

Selbstversuch: im Burkini im Strandbad in Berlin

Ich bin nervös, als ich das Freibad betrete. Ich bin in Charlottenburg, im Westen von Berlin. Nett hier, mit Sandstrand, ein großer See umgeben von Wald. Viele Familien mit Kindern sind da. Hier will ich die Reaktionen auf einen Ganzkörper-Badenanzug testen, der zurzeit für so große Aufregung sorgt: den Burkini. Diese Strandbekleidung muslimisch gläubiger Frauen wird so leidenschaftlich und leider auch hasserfüllt diskutiert wie einst der Bikini. In mehreren französischen Städten ist der Burkini verboten. Wie reagieren die Menschen in Berlin?

Vor ein paar Stunden habe ich den Burkini in einem Sanitätsgeschäft gekauft, ein paar Straßen vom Kurfürstendamm entfernt. Es gibt nicht so viele Geschäfte in der Hauptstadt, die Burkinis verkaufen. Ein anderes ist am Hermannplatz in Neukölln.

Burkinis: mit pinken Ärmeln oder ganz in grau

Keine der Verkäuferinnen ist Muslimin, aber sie wissen Bescheid: "Unsere Kundinnen tragen ihn meistens etwas weiter, damit er auch verhüllend ist. Soll es auch so etwas sein?" Ich nicke. Zur Auswahl stehen verschiedene Modelle und verschiedene Größen: mit pinken Ärmel, mit einem goldenen Ornament auf der Brust oder ganz in grau. Der Preis? Überraschend hoch: rund 100 Euro. Die Modelle kommen aus Australien, die Marke ist die der Burkini-Erfinderin, Aheda Zanetti. Ich entscheide mich für einen schwarzen Burkini mit weißen und pinken Streifen auf der Brust. Ein Zweiteiler aus einer langen Hose, ähnlich einer Jogginghose, und einem langen Oberteil. An der Hose sind Schlaufen, dort bindet man das Oberteil fest, damit es nicht hochrutscht. Das Material ist übrigens das gleiche wie bei herkömmlichen Badeanzügen: ein Gemisch aus Polyester und Elasthan.

Wenn ich die Kapuze nicht aufsetze, fühlt es sich fast an wie ein Trainingsanzug. Dann ziehe ich mit beiden Händen auch noch das letzte Stück Stoff über meinen Kopf. Und plötzlich sehe ich ganz anders aus, ungewohnt. Die Haare sind verschwunden, mein Gesicht scheint runder. Es ist nur noch ein ovaler Ausschnitt zu sehen, wie ich es von muslimischen Frauen auf der Straße kenne. Die Kapuze ist das einzige, was wirklich eng anliegt ­ am Hals und über den Ohren, und sie endet auf der Stirn über meinen Augenbrauen. Das sei den Kundinnen am wichtigsten, sagt die Verkäuferin, denn Haare sollen nicht zu sehen sein.

Die einzige Frau im Burkini

Im Strandbad muss ich mich auf der Toilette umziehen. Sonst gibt es nur Gemeinschaftsumkleiden. Ich verlasse die Kabine. Aber keine Reaktion. Eine Mutter ist so sehr mit ihrer Tochter beschäftigt, dass sie von mir keine Notiz nimmt. Also nach draußen. Ich suche meine Freunde, auf dem Weg schaue ich die Menschen an. Aber es passiert - nichts. Jüngere Kinder blicken mich im Vorbeirennen kurz an, dann geht es für sie schon weiter. Ich sehe meine Freunde, sie winken, haben mich schon von weitem erkannt. Denn ich bin die einzige Frau mit Burkini im Strandbad.

Im Burkini im Strandbad

Die Burkini-Kapuze einer schwimmenden Frau ist allen Ernstes schon für eine Haiflosse gehalten worden

Es ist warm, das liegt allerdings nicht am Burkini. Ab ins Wasser. Zunächst ist es etwas ungewohnt, ungefähr so wie mit Klamotten zu schwimmen. Meine Freundin, die zusammen mit mir ins Wasser geht, friert in ihrem Bikini. Mich schützt die lange Hose, nur ganz langsam sickert das Wasser durch und berührt meine Beine. Super! Auf Hüfthöhe wird es dann aber doch plötzlich kalt. Das Wasser findet seinen Weg unter das weite Oberteil. Beim Schwimmen vergesse ich schon fast, dass ich den Burkini trage. Erst, als ich aus dem Wasser steige, wird es mir wieder bewusst. Der nasse Stoff klebt an meinen Beinen. Wir setzen uns auf einen Steg in Ufer-Nähe und unterhalten uns. Sie fühle sich etwas nackt neben mir, sagt meine Freundin im Bikini.

"Das passt nicht in meine Idylle"

Noch immer spüre ich die Blicke der anderen Badbesucher nicht. Aber die Leute schauen mich an, sagt meine Begleiterin. Die Menschen werfen mir verstohlene Blicke zu und sehen weg, sobald ich es bemerke. Nur einmal, als ich aus dem Wasser steige, starrt mir ein älterer Mann in kurzer roter Badehose ganz unverhohlen ins Gesicht. Aus weniger als einem Meter Entfernung. Ich schaue zurück. Er sagt nichts.

Dafür aber ein junger Mann um die 30 etwas später: Er finde den Burkini "befremdlich", sagt er. "Das passt nicht in meine Idylle." Und die Religion? "Wenn man so limitiert ist, schade." Die Frauen sollten normale Schwimmkleidung anziehen. Wer im Burkini rumlaufen will, solle da hingehen, wo das akzeptiert und toleriert werde.

Das Strandbad hingegen habe generell keine Probleme mit Burkinis, sagt einer der Rettungsschwimmer. "Nur das Baden in normaler Kleidung ist ein Problem, denn wenn man den ganzen Tag geschwitzt hat, ist das einfach unhygienisch."

Wir setzen uns auf unsere Handtücher in den Sand. Bei einer Frau einige Meter weiter ist das Bikini-Oberteil verrutscht. Hektisch zieht sie es zurecht. Ich finde es toll, dass ich mir darüber keine Gedanken machen muss. Ich muss auch nicht überlegen, wie mein Bauch im Sitzen aussieht, sondern kann einfach nur Spaß haben.

Zu hell für den Burkini?

Wir haben Hunger, Lust auf Pommes. Beim Bestellen bin ich nervös, der Verkäufer hat keine Scheu, mich von oben bis unten zu mustern.
Als ich ihn anspreche, ist er irritiert. Vielleicht, weil er einen Akzent erwartet hat oder weil - wie mir später ein anderer Besucher sagen wird - mein Gesicht mit der hellen Haut und den hellen Augen einfach nicht zum Burkini passt. Vielleicht hat er aber auch bemerkt, dass ich nicht weiß, wie ich mich in dem Burkini verhalten soll. Immer wieder schleicht sich eine Haarsträhne unter der Haube hervor. Ich ziehe sie am Ohr etwas zur Seite und stecke sie wieder drunter. Manchmal fällte es mir aber auch gar nicht auf.

Wir laufen weiter durch das Bad. Diesmal merke ich, dass mich sowohl Männer als auch Frauen anschauen. Die Frauen mustern mich, aber anders, einige lächeln auch. Weil niemand etwas sagt, gehe ich schließlich auf die Leute zu. Die meisten sind überrascht, als ich sie im Burkini anspreche. Einer jungen Frau Anfang 30 ist meine Kapuze gar nicht aufgefallen, sie hat eine Sonnenallergie vermutet. Ein älterer Mann um die 60 ist da schon kritischer: "Da kriegen die kleinen Kinder doch Angst, das kennen sie nicht."

Burkini und Bikini im Schwimmbad

Burkini und Bikini - eine Frau möchte ein Foto machen

Für viele ist es das erste Mal, dass sie einen Burkini sehen. Als eine Frau Ende 40 mitbekommt, dass ich den Burkini für einen Selbstversuch und nicht aus religiösen Gründen trage, wird sie mutiger: "Was ist das für ein Gefühl? Ist es nicht furchtbar warm? Und friert man nicht, wenn er dann mit Wasser vollgezogen ist?" "Nein", antworte ich. "Bei dem Wetter ist etwas nasser Stoff sogar ganz angenehm." Schließlich fragt sie, ob sie mal anfassen darf. "Ja, wie ein Badeanzug", stellt sie fest. Dann erzählt sie, dass es in einem Bad vor ein paar Wochen einen Vorfall gegeben habe mit muslimischen Frauen in langen Hosen und Oberteilen. "Die standen nur bis zum Knöchel im Wasser und haben auf ihre Kinder aufgepasst. Aber das gab einen Riesenärger mit dem Bademeister, weil es gegen die Badeordnung war." Allerdings hätten sich viele Besucher mit den Frauen solidarisiert.

Zum Schluss sitzen meine Freundin im Bikini und ich noch einmal auf dem Steg in der Sonne, als eine Frau Anfang 50 uns fragt, ob sie ein Foto machen dürfe: "Es ist so schön, zwei Kulturen nebeneinander zu sehen."